FÜR DIE MENSCHENRECHTE – Mitteilungen an Freunde und Förderer, Nr. 8 – September - 2026

Russland: Verzweifelter Hilferuf aus einem russischen Gefängnis

IGFM durchbricht die Isolation

„Ich schreibe diesen Brief nicht, um darin um Mitleid zu bitten. Ich schreibe, weil das Schweigen in diesen Wänden unerträglich wird, es drückt stärker auf die Brust als alle physischen Fesseln. Die Situation ändert sich hier nie: die gleichen grauen Wände. Die Zeit blieb stehen oder wurde zu einem endlosen Anfang und Ende. Ich bin völlig von der Welt abgeschnitten. Ich existiere in einem Vakuum, in dem Nachrichten ein unerlaubter Luxus sind. Meine Briefe nach Hause erreichen die Empfänger oft nicht, und die, die zu mir kommen, sind die einzigen Fäden, die mich mit einem früheren Leben verbinden. … Hier gibt es keine Medizin. Jede Krankheit wird zu einem Test des Willens, weil man nirgendwo auf Hilfe warten kann. Es gibt hier kein normales Essen – dieses einfache menschliche Essen, das zumindest etwas Trost bringen kann. … Es gibt nichts Persönliches an diesem Ort. Kein Privatleben, kein Recht auf bloße menschliche Wärme. Und wir beschränken uns auch auf Begegnungen mit Angehörigen. Ich bitte Gott, mir die Kraft zu geben, diese Prüfung zu bestehen.“ Das ist ein Auszug aus dem letzten bekannt gewordenen Brief des politischen Gefangenen Valery Perov aus der Haftanstalt in Nischni Nowgorod im Juli 2026.

Valery Perov, geboren am 12. August 1984, wurde am 24. Oktober 2024 wegen angeblicher „Zusammenarbeit auf vertraulicher Basis mit einer ausländischen Organisation zur Unterstützung von Aktivitäten, die wissentlich gegen die Sicherheit der Russischen Föderation gerichtet sind“ und „Öffentlicher Aufrufe zu terroristischen Aktivitäten, Terrorismuspropaganda über das Internet“ (Art. 275.1 und 205.2 Strafgesetzbuch der Russischen Föderation) zu elf Jahren Haft, einer Geldstrafe von 500.000 Rubel (umgerechnet rund 5.200 Euro) und einem weiteren Jahr mit Freiheitsbeschränkung verurteilt. Tatsächlich hatte er sich in Kommentaren per Kurzmitteilungsdienst Telegram kritisch zum militärischen Überfall auf die Ukraine geäußert.

Im Juli 2026 schrieb eine nahe Angehörige von Perov der IGFM: „Valery erhält keine angemessene medizinische Versorgung. Er klagt ständig über Schmerzen im Arm und nun auch im Bein (bei ihm wurde Arthritis diagnostiziert), aber die Ärzte im Gefängnis sagen ihm, alles sei in Ordnung und verschreiben ihm lediglich Schmerzmittel. Es gibt keine normale Ernährung, die Nahrung ist vitaminarm, es gibt keine Möglichkeit, sich zu bewegen oder frische Luft zu atmen. Und er wird psychisch misshandelt: Zum Beispiel wird er oft als Terrorist und Verräter beschimpft, und man hat ihm die Teilnahme an der Beerdigung seiner Mutter verweigert.“

Sie bestätigte, dass sie von der IGFM durch eine Vermittlerin Geld bekommen hat, mit dem sich Valery Perov im Lebensmittelladen des Gefängnisses etwas kaufen konnte und schickte als Beleg die Einkaufsquittungen. Zusätzlich erhielt sie Geld, damit Maria Perova, Ehefrau von Valery, mit dem Bus von Nischni Nowgorod zur Strafkolonie im Dorf Prosek reisen kann, um ihren Mann besuchen zu können. Valery Perov ist der IGFM dankbar für diese Unterstützung und das anhaltende Interesse an seiner Situation.

Zum Unterstützungsprogramm für politische Gefangene in Russland gehören insbesondere unsere Bemühungen für jeden, mit dem die IGFM in Kontakt steht – so also auch für Valery Perov – einen politischen Paten zu finden (MdB, MdEP und andere). Wir verfolgen die Schicksale und berichten fortlaufend in der Form von Updates auf der IGFM-Webseite. Dafür halten wir engen Kontakt zu den Anwälten und den nächsten Familienangehörigen und fördern deren Besuchsreisen, besonders wichtig ist dies für die minderjährigen politischen Gefangenen. Wo dies notwendig ist, helfen wir bei der Bezahlung von Rechtsanwälten und bei der medizinischen Versorgung. Wer mit politischen Gefangenen Kontakt aufnehmen will, erhält von der IGFM ein Porträt der/des politischen Gefangenen und eine Anleitung, was im Schriftverkehr zu beachten ist. Angesichts des Umrechnungskurses Rubel-Euro kann man mit relativ kleinen Beträgen wirkungsvoll helfen. Aber wegen der hohen Zahl politischer Gefangener in Russland, die der IGFM bekannt sind, erbitten wir Ihre großherzige Unterstützung.

 

BU: Valery Perov; Foto: privat

Dieser Artikel wurde publiziert in der September - 2026-Ausgabe der Zeitschrift ‚Für die Menschenrechte‘

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