/Ein Augenzeugenbericht aus dem Iran

Ein Augenzeugenbericht aus dem Iran

Eine Erzählung von Freidoune Sahebjam über das authentische Schicksal der Iranerin Soraya Manoutchehri

Einleitung

Die Iranerin Soraya Manoutchehri wurde am 15. August 1986 gesteinigt. Sie starb durch die Hand ihres Vaters, ihres Mannes, ihrer Söhne und anderer Männer ihres Heimatortes. Der im französischen Exil lebende Iraner Freidoune Sahebjam hat ihre Geschichte recherchiert und aufgeschrieben. Die folgenden Texte sind Auszüge aus seinem , leider vergriffenen , Buch: “Die gesteinigte Frau” , Die Geschichte der Soraya Manoutchehri, von Freidoune Sahebjam, aus dem Französischen von Renate Heimbucher, Rowohlt Verlag, ISBN: 3-498-06267-0. 1. Auflage März 1992. Originalausgabe “La femme lapidée” 1990 bei Edition Grasset & Fasquelle, Paris.

Soraya

Die Jahre vergingen, und Soraya verlor ihre Jugendfrische. Sie war erst achtundzwanzig, als das Schah-Regime gestürzt und im Iran die Republik errichtet wurde, aber sie wirkte viel älter. Von einem Tag auf den anderen verschwanden sämtliche Porträts des Schahs und der Shabanu. An ihre Stelle traten die Bilder bärtiger Männer mit Turban. In dem kleinen Dorf änderte sich zunächst wenig, außer daß es hieß, die Behörden würden den Männern nun wieder erlauben, mehrere Frauen zu haben. Von da an wollte Ghorban-Ali von seiner Frau nichts mehr wissen. Er rührte sie nicht einmal mehr an. Sie beklagte sich darüber nicht. Er verdrückte sich ins Tal und tauchte nur noch selten zu Hause auf. Soraya zog sich immer mehr zurück und wurde unscheinbar wie ein Schatten, als schäme sie sich, daß sie ihren Mann nicht hatte halten können. «Ich will sterben», sagte sie eines abends zu ihrer Mutter. «Ich will sterben, Mutter, ich kann nicht mehr. Er schlägt mich, er beschimpft mich, er verprügelt die Kinder.»

Und im Dorf hieß es, Ghorban-Ali treibe sich nur deshalb so oft in der Stadt herum, statt zu Hause bei seiner Familie zu bleiben, weil Soraya eine schlechte Ehefrau sei.

Soraya schämte sich, wenn sie über den Dorfplatz ging. Man grüßte sie nicht mehr, sprach kaum noch mit ihr, man ging ihr aus dem Weg. Was hatte man ihr vorzuwerfen, was hatte sie verbrochen? Sie hatte ihren Mann nicht zu halten vermocht wie die anderen Frauen in Kuhpayeh, sie senkte den Kopf, anstatt ihn hoch zu tragen, sie war nicht imstande, ihre Probleme allein zu bewältigen, ohne sich ständig an ihre Eltern zu wenden. Sie hatte einen Erstgeborenen, der stahl und log und Unruhe im Dorf stiftete, kurzum, sie war eine schlechte Ehefrau und unwürdige Mutter. Nur ein paar Freundinnen zeigten ihr noch ein wenig Sympathie, aber auch sie luden sie nicht mehr zu sich ein. Soraya verstummte, sie sprach nur noch mit ihrer ältesten Tochter und mit ihrer Tante Zahra, lautlos weinend erduldete sie die Schläge ihres Mannes und ihres ältesten Sohnes. (…)

Das Gerücht

Im Winter starb Sorayas Jugendfreundin Firuzeh an Lungenentzündung. Sie hinterließ zwei Kinder und ihren Mann Hashem, der ein Vetter von Ghorban-Ali war, Schmied von Beruf, fleißig und solide. Wie schon sein Vater reparierte Hashem alles im Dorf: Karren, Fahrräder, Hacken, Küchengeräte, Zugwinden, Samowars.

Da die Verstorbene ihre Freundin gewesen war und der Witwer allein nicht zurechtkam, beschloß Soraya, ihm zu helfen. Firuzeh hatte ihren Haushalt sehr gut geführt; alles war sauber und ordentlich aufgeräumt. Doch der junge Mann, der seine Mutter schon sehr früh verloren und keine Schwester hatte, war unfähig, zu kochen, einzukaufen und sich um die Kinder zu kümmern. Soraya stellte sich zur Verfügung. Man kam überein, daß sie zweimal täglich zu Hashem gehen sollte, um ihm bei der Hausarbeit zu helfen. Auf eine solche Gelegenheit hatte Ghorban-Ali, der sie loswerden wollte, nur gewartet. (…)

«Was weiß jeder im Dorf?»
«Daß ihr mit Ghorban-Ali etwas gegen Soraya im Schilde führt!»
Ruhig entgegnete Ebrahim: «Es stimmt, daß Ghorban-Ali ein nettes junges Mädchen aus Kerman heiraten und in die Stadt ziehen will. Und es stimmt auch, daß seine Frau ihn nicht mehr befriedigt, und ich möchte sogar sagen, daß er ihr einiges vorzuwerfen hat. Sie ist ihm gegenüber nicht mehr so aufmerksam, sie kümmert sich wenig um die Kinder, sie kocht schlecht, und er findet auch, daß sie seit Firuzehs Tod ein wenig zu oft zu Hashem geht…»
Zahra schnitt ihm das Wort ab: «Ebrahim Lahuti, schau mir in die Augen… Ist dir klar, was du eben gesagt hast? Schämst du dich nicht? Es gibt im ganzen Dorf keine bessere Mutter und Gattin als Soraya. das weißt, du genau!»

«Wir finden alle, daß Soraya zu oft zu Hashem geht und zu lange dort bleibt.»
«Aber wir haben sie doch alle darum gebeten», empörte sich Zahra. «Keiner wollte diese Arbeit machen. Wir haben Soraya dazu bestimmt. Erinnerst du dich nicht? Ebrahim, sieh mir in die Augen: Erinnerst du dich? Das erste Mal hast du sie sogar selbst zu ihm begleitet.»
Der Alte senkte den Kopf und schwieg. «Ich will wissen, was vorgeht!»
«Das sind Männerangelegenheiten, die Frauen nichts angehen. Du verstehst sowieso nichts davon.» (…)

Zahra

Eines Morgens hielt sich Zahra Khanum in ihrer Küche auf, als sie plötzlich ein Geschrei vernahm. Es war Markttag, und die Rufe der Händler drangen bis zu ihr. Doch dieses laute Stimmengewirr kam ihr merkwürdig vor. Sie trat ans Fenster und beugte sich hinaus. Unweit von ihrem Haus sah sie eine Menschenansammlung. Die Alte begriff nicht sofort, wem die wütenden Zurufe galten.

«Hure! … Du bist nur eine Hure! Du Hündin! Tochter einer Hündin!»

Jetzt konnte sie die Stimme von Ghorban-Ali heraushören. Nachdem sie sich vom ersten Schreck erholt hatte, beschloß sie hinauszugehen. Als sie sich der Menge näherte, wurde das Geschrei noch lauter: «Eine Dirne bist du! Schande über dich, schamloses Weib!»

Mühsam bahnte sie sich einen Weg durch die Menge und bemerkte Soraya, umringt von einer Schar Männer und Frauen, die auf sie einschrieen und sie tätlich angriffen. Als die junge Frau der rasenden Menge zu entkommen suchte, stürzte sie unter den Schlägen zu Boden. (…)

Bevor Zahra antworten konnte, brüllte Ghorban-Ali los: «Sie betrügt mich, sie hat mich mit Hashem betrogen. Ich wußte es schon vorher, und jetzt habe ich sie ertappt!» Ebrahim wandte sich zu Soraya und fragte: «Ist das wahr, was dein Mann sagt? Hast du ihn betrogen?»

Soraya überwand sich zu sprechen: «Es ist nicht wahr, ich habe ihn nicht betrogen.» Der Mann brüllte erneut: «Du lügst, du lügst, gib zu, daß du lügst, das ganze Dorf weiß, daß du lügst und daß du mich betrügst. Jeden Tag gehst du zu Hashem, du kümmerst dich mehr um ihn und um seinen Haushalt als um deine eigene Familie. Du hast mit ihm geschlafen. Alle wissen es.»

«Das stimmt nicht, warum sagst du das? Zahra Khanum, du kennst die Wahrheit, erlaube ihm nicht, so etwas zu sagen!» Soraya klammerte sich an den Arm der alten Frau und sah sie flehentlich an. Zahra, die über das, was sie gehört hatte, sehr erregt war, fragte Sorayas Mann: «Du sagst, sie hätte dich gerade eben betrogen. Was hat sie denn getan?»

«Das weiß sie selbst. Ich habe gesehen, wie sie sich zugelächelt haben, wie sie dicht beieinanderstanden und miteinander geflüstert haben. Ich hab sie dabei ertappt. Sie ist schuldig, sie betrügt mich.» Nun schaltete sich Ebrahim ein. «Soraya, sagt dein Mann die Wahrheit?»

Weinend versuchte die völlig verstörte Frau zu erklären: «Ich habe zu Hashem gesagt, daß ich ihm sein Essen gemacht und seine Wäsche gewaschen habe und daß ich heute abend bei mir zu Hause die Kinderkleider bügeln werde. Ja, wir haben uns zugelächelt. Ihr wißt doch alle, daß ich mich seit Firuzehs Tod um seine Familie kümmere, jeder weiß es.»

«Und jeder weiß, daß du stundenlang bei ihm bleibst und daß du mit ihm schläfst. Es heißt sogar, daß du von ihm schwanger bist.»

«Das ist eine Lüge! Ich habe Hashem nie angerührt, und er hat mich nie angerührt. Wie könnte ich so etwas wagen, ich bin doch verheiratet!» Ebrahim meinte zweifelnd: «Soraya, wir kennen dich seit jeher, fest steht jedoch, daß du reichlich viel Zeit bei Hashem verbringst, seit die liebe Firuzeh nicht mehr bei uns ist, und ich kann gut verstehen, daß dein Mann sich beschwert. Du vernachlässigst deinen eigenen Haushalt und deine Kinder.» «Ich habe nie irgendwen vernachlässigt. Fragen Sie doch Zahra Khanum, fragen Sie meine Nachbarn, ich bin eine gute Mutter und eine treue Gattin…»

«Das stimmt nicht, du hast mich betrogen, das weiß das ganze Dorf. Du betrügst mich, wenn ich in Kerman bin. Scheich Hassan weiß es, er hat es mir gesagt. Fragen Sie ihn. Mashdi Ebrahim!» Zahra entgegnete: «Mit dem Ehemann der besten Freundin zu sprechen, ist kein Vergehen, und Hashem ist ein braver Kerl. Holt ihn her, er wird die Wahrheit sagen.» Der Witwer wurde in Zahras Haus geholt, und der Bürgermeister fragte ihn: «Sag mal, Hashem, was hast du vorhin zu Soraya gesagt, als du mit ihr geflüstert hast?»

«Sie hat gesagt, daß sie zu mir kommen wird, um das Mittagessen für die Familie zu kochen, um meine Wäsche zu bügeln … und äh… äh» «Und was noch, Hashem, erzähle…»

«Und daß sie sich ein Weilchen ausruhen wolle, weil sie vom Einkaufen auf dem Markt müde sei…» «Das stimmt nicht!» schrie Soraya. «Das habe ich nie gesagt. Ich habe gesagt, daß ich deine Wäsche mitnehmen und zu Hause bügeln will, wenn ich mich ausgeruht habe!»
Hashem senkte den Kopf und gab keine Antwort.

Langsam hob der Witwer wieder den Kopf und wich dabei den Blicken der beiden Frauen aus, die ihn fixierten. «Ich stelle dir nochmals die gleiche Frage. Überlege es dir gut, ehe du antwortest: Hat Soraya dir vorgeschlagen, sich nach dem Essen bei dir auszuruhen, ja oder nein?»

Ghorban-Ali nickte kaum merklich zu seinem Freund hin. Doch Zahra bemerkte das Zeichen. Sie warf einen vernichtenden Blick auf Sorayas Mann, der nun seinerseits den Kopf senkte.

«Ja, Mashdi Ebrahim, sie hat es gesagt. Sie wollte es so machen wie schon oft. Sie kommt immer zu mir. Ich will das gar nicht. Wenn niemand da ist, legt sie sich auf das Bett. Dann sagt sie Dinge, die mir peinlich sind… das ist wirklich wahr… ihr müßt mir glauben!» Soraya wollte ihren Ohren nicht trauen. (…)

«Soraya, zwei hier anwesende Männer werfen dir ein Verhalten vor, das einer Ehefrau und Familienmutter nicht würdig ist. Kannst du das Gegenteil beweisen?» Bestürzt stammelte die junge Frau: «Beweisen? Wieso beweisen? Ich habe nichts zu beweisen. Sie müssen es beweisen, wo, wann und wie ich es getan haben soll. Darauf werden sie nichts zu antworten wissen. Ich bin eine anständige Frau, ich habe in meinem ganzen Leben nur einen einzigen Mann gehabt, und das ist mein Ehemann. Ich brauche nichts zu beweisen, und wenn ihr so boshaft seid zu behaupten, ich sei schwanger, dann wartet neun Monate, und ihr werdet sehen, daß es nicht stimmt!» Ihr letzter Satz schien den Bürgermeister, der darauf nicht gefaßt war, zu ärgern. «Soraya», sagte er, «du scheinst die Gesetze unserer Gesellschaft nicht zu kennen, so wie unser verehrter Imam sie uns vor einigen Jahren vorgeschrieben hat. Beschuldigt ein Mann eine Frau, muß sie selbst ihre Unschuld beweisen. So lautet das Gesetz. Wenn dagegen eine Frau ihren Mann beschuldigt, hat sie die Beweise zu erbringen. Verstehst du? Man erklärt dich für schuldig, also beweise das Gegenteil, dann wird man dir ohne weiteres glauben.» (…)

Bald begannen Gerüchte umzugehen. Kundschafter klopften an Zahras Tür und sprachen von einer schwerwiegenden Entscheidung, von einer exemplarischen Bestrafung. Vor dem flachen Haus, das als Bürgermeisteramt diente, hatte sich eine Menschenmenge versammelt. Jeder wollte dabeisein, und so standen die Marktbuden bald verlassen da, die Läden leerten sich, und alle fanden sich auf dem Platz ein, um zu debattieren. Zahra Khanum schickte eine der Frauen los, die sich unter die Menge mischen sollte. Als sie zurückkam, flüsterte sie Zahra zu, daß das Dorf die Todesstrafe fordere. Unverzüglich trennte die alte Frau die Angeklagte von den anderen Frauen und schloß sich mit ihr in dem Raum ein, der ihr als Schlafzimmer diente. Ihr blieb nur noch wenig Zeit, die junge Frau auf das, was ihr bevorstand, und auf die Möglichkeit einer schweren Strafe vorzubereiten.

Der Zorn der Männer steigerte sich, im Lauf des Tages immer mehr. Am frühen Nachmittag ertönte draußen wieder das feindselige Geschrei: «Tochter einer Hündin! Schamloses Weib! Verworfene!» Wenig später vernahm man die Worte «Todesurteil» und «Steinigung». Einige Steine wurden in Richtung auf Zahras Haus geschleudert, dann trat plötzlich Stille ein. Sie währte nur wenige Augenblicke. Es klopfte an der Tür. Eine der Frauen ging öffnen. Auf der Schwelle standen Maryam, die Frau des Brunnengräbers Said, und Akra, die Frau des Metzgers. «Die Männer sind fertig», verkündeten sie und verschwanden wieder. (…)

Der Bürgermeister trat heraus, dann Scheich Hassan und, auf einen Stock gestützt, ein kleinwüchsiger, gebeugter Mann mit einem runzligen, von einem ungepflegten weißen Bart, umrahmten Gesicht. Ebrahim und Hassan schritten die Stufen hinab und wandten sich ehrerbietig zu dem Alten. «Mahkwn!» sagte dieser mit zittriger Stimme. Ein ungeheurer Schrei erhob sich, eine Gewehrsalve ertönte. Erschreckt von soviel Lärm, begannen die Hunde zu bellen. Die Männer applaudierten, schwenkten begeistert die Arme.

«Schuldig! Sie ist schuldig gesprochen!» (…)

Das Urteil

Dann trat wieder Stille ein. In der Tür war ein vierter Mann erschienen: Ghorban- Ali.
Bedächtig hob er die rechte Hand und wartete, bis es still wurde. Mit ernster und ruhiger Stimme sagte er: «Sang sar!» Hysterie erfaßte die Menge, Schmähworte ertönten, und die Leute begannen zu tanzen. Wie von der kollektiven Raserei angesteckt, schrie Ghorban-Ali immer wieder: «Sang sar, sang sar.» Er hatte seine Frau zum Tod durch Steinigung verurteilt. Freudestrahlend stieg er langsam die drei Stufen zum Publikum hinab. Die Männer klopften ihm mit rauher Herzlichkeit auf die Schultern oder umarmten ihn, Kinder klammerten sich an seine Kleider. Kräftige Arme packten ihn und stemmten ihn in die Höhe. Das Fest konnte beginnen, das Ritual sich vollziehen.

Den anderen Männern, die nun aus dem roten Backsteinhaus traten, wurde kaum noch Beachtung geschenkt. Es waren die beiden ältesten Söhne von Ghorban-Ali, zwei derbe Burschen von sechzehn und achtzehn Jahren, die zwei Stellvertreter des Bürgermeisters und der Blinde, der behutsam durch die brodelnde Menge geführt wurde. Auch sie fällten ihr Urteil: «Sang sar, sang sar, sang sar!» Mashdi Ebrahim hob den Arm und fuhr fort: «Die Ehre unseres Freundes Morteza ist schwer geschändet worden. Und nicht nur seine Ehre, sondern die Ehre unseres ganzen Dorfes, unserer Familien.» Das ganze Dorf brüllte: «Ja, das ist wahr. Das ist wahr!» (…)

Dann beruhigte sich die Menge wieder. «Aber das ist noch nicht das Schlimmste. Die Ehre von Morteza Ramazani geht nur ihn und die Seinen etwas an. Die Ehre unserer Familien und unseres Dorfes geht nur uns etwas an, und wir werden sie wiederherzustellen wissen. Aber ich sage euch, es gibt etwas, das noch schlimmer ist: Die Ehre Gottes und die Ehre des Imam sind verhöhnt worden!» Zweihundertfünfzig Menschen schrieen, Frauen weinten, Männer schimpften, und die Kinder schlugen sich zum Zeichen der Reue an die Brust. Schluchzen und feindseliges Geschrei vermischten sich. «Diese Hure muß getötet werden. Tötet sie! Tötet sie!» Die Gemüter waren so erhitzt, daß Mashdi Ebrahim mehrere Male Ruhe gebieten mußte. «Hier in diesem Haus, das wir alle kennen, lebt Morteza Ramazani mit seiner Familie. In diesem Haus ist er vor langer Zeit geboren worden, in diesem Haus ist er bei den Seinen gläubig und in Gottesfurcht aufgewachsen.» Die Menge unterbrach ihn: «Gelobet sei der gnädige und barmherzige Gott!»

«Vor diesem Haus, vor dem wir alle höchste Achtung haben, wollen wir euch das Urteil verlesen, das wir gefällt haben und das Morteza und den Seinen ihre Ehre zurückgeben soll.» «Ja, das Urteil… laß es uns hören!» Die Blicke der Menschen waren jetzt voller Haß. Einige hoben drohend die Faust. Die Frauen versteckten sich, wie von kollektiver Scham erfüllt, hinter ihren Schleiern. «Verurteilt sie zum Tode… sie soll auf der Stelle sterben!»

«Meine Freunde, ich verstehe euch gut, aber wir müssen bei alledem die Gesetze unseres Landes befolgen und die Gesetze, die unser verehrter Imam erlassen hat.» «Er hat recht… er hat recht», riefen einige Dorfbewohner. «Sie darf nicht länger leben… sie soll sterben, jetzt gleich!» schrie die Menge außer Rand und Band. (…)

«Ich verlese jetzt das Urteil.» Die Gemüter beruhigten sich. Er herrschte vollkommene Stille. Scheich Hassan und Morteza Ramazani, die neben dem Bürgermeister standen, strafften sich. Ein ockerfarbener, übelriechender Staub hing in der Luft. Nicht der leiseste Windhauch kam von den Bergen. Selbst das Plätschern des Wasserstrahls am Brunnen schien verstummt zu sein.

«Im Namen Gottes, des Gnädigen und Barmherzigen…» Die Dorfbewohner erwiderten im Chor: «Gelobet seist Du, o allmächtiger und gerechter Herr, gelobet seist Du!»

«Am heutigen sechsten Tage des Monats Mordad im Jahr 1365 * [Anmerkung: Dem muslimischen Kalender sind 621 Jahre hinzuzuzählen, um das entsprechende Jahr des christlichen Kalenders zu erhalten: hier handelt es sich um den 15. August 1986.] ist der Gemeinderat von Kuhpayeh unter meinem Vorsitz und in Anwesenheit meiner beiden Stellvertreter Shokrollah Jalili und Mohamad Ghorbani vollzählig zusammengetreten. Die Sitzung dauerte vierzig Minuten. Die Entscheidung wurde einstimmig getroffen. Jedes Ratsmitglied konnte seinen Standpunkt darlegen. Keiner hat versucht, die Angeklagte zu verteidigen. Wir haben beschlossen, daß die schuldige Soraya Manoutchehri…»
«Schande über ihren Namen! Schande über ihren Namen!» Das Gebrüll setzte wieder ein, die Menge geriet in Aufruhr. Frauen stöhnten. Kinder schrieen. «Sprecht diesen schmutzigen Namen nicht mehr ans! Tod dieser Hure! Bringen wir es zu Ende, jetzt gleich!» (…)

Der Bürgermeister, der keine Miene verzogen hatte, las weiter: «Wir haben einstimmig beschlossen, daß die Schuldige Soraya Manoutchehri noch vor Ende dieses Tages gesteinigt werden soll, bis sie tot ist.» Die Schmährufe und das Freudengeschrei schwollen erneut an. «Tod der Hure… Tod der Hure!»
Mashdi Ebrahim gebot Stille. «Es nützt nichts, wenn ihr schreit. Alles wird ordnungsgemäß durchgeführt, wie es der Koran gebietet und das Gesetz vorschreibt. Der allmächtige Gott befiehlt uns, Selbstjustiz zu üben, weil wir alle von diesem Weib beleidigt worden sind und weil ihre Angehörigen Rache fordern.»

«Rache… Rache… Gott verlangt Gerechtigkeit und Rache!» «Meine Freunde! Hört mir zu! Ich bitte euch, hört mir doch zu: Ihr sollt eure Rache haben, jeder von euch, wenn es soweit ist, aber ich sage noch einmal, alles muß sich nach dem Willen Gottes und den Wünschen unseres hochverehrten Imam vollziehen…» «Gott gebe ihm ein langes Leben!» brüllte die Menge. Ebrahim nahm seine Brille ab, verstaute sie sorgfältig in ihrem Etui und fuhr fort:

«In unserem Dorf hat es noch nie eine Steinigung gegeben. Hier haben immer alle ehrsam gelebt. Ich weiß aber, daß letztes Jahr nicht sehr weit von hier, in Khadjeh Asghar, eine Frau gesteinigt worden ist, und eine andere im Jahr davor in Schahre Babak. Einer meiner Freunde in Kerman hat mir geschildert, wie es sich abgespielt hat. So werden wir es auch machen!…»

«Jetzt gleich!» verlangte einer in der ersten Reihe. «Er hat recht, jetzt gleich», schloß sich ihm ein anderer an. «Die Zeremonie findet drüben auf dem Dorfplatz statt, in einer Stunde, damit jeder kommen kann. In der Zwischenzeit muß ich Soraya das Urteil vorlesen»

«Das ist doch nicht nötig, wir holen sie jetzt gleich. Wir dürfen keine Zeit verlieren», schrie ein Einäugiger, der schon einen Stein in der Hand hielt. «Ich bin bereit, ich werde den ersten Stein werfen, ein einziger wird genügen, die Hasen töte ich auch so, mit dem ersten Schlag!»

Zum erstenmal in der Geschichte des Dorfes hatte der Bürgermeister eine solche Aufgabe zu erfüllen. Darauf war er stolz, aber er war auch beunruhigt. Er wußte, daß die Gerichte seit dem Sieg der Revolution Tausende von Menschen hatten exekutieren lassen. Er hörte zweimal täglich die offiziellen Nachrichten, in denen die Namen der Verurteilten bekannt gegeben wurden, die Gott und Imam beleidigt hatten. Er wußte, daß in Kerman die Revolutionsgerichte seit mehr als sechs Jahren pausenlos arbeiteten. Noch nie aber hatte er selbst ein Todesurteil ausgesprochen. Noch nie hatte er eine Hinrichtung organisiert. (…)

Der Abschied

Zahra, die auf ihrer [Sorayas] Seite stand, konnte sie alles sagen. «Tante Zahra, ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich bin schon seit langem tot, seitdem Ghorban-Ali mich gedemütigt und geschlagen und anderer Frauen wegen vernachlässigt hat.» (…)

Der Klagechor der Frauen nebenan setzte ein: «O allmächtiger Gott. O Mohammed. O geliebter Gott. Barmherziger Prophet.» «Tante Zahra, ich will dich nicht verlassen, ich will meine Kinder nicht verlassen, meine kleine Khodjasteh. sie ist noch keine sieben Jahre alt…

Ich will nicht aus dem Leben gehen, aber ich habe trotzdem keine Angst, denn ich weiß, ich werde meine liebe Mutter wiedersehen, die ich so vermißt habe. Tante Zahra, kümmere dich um meine Kinder, vor allem um die Kleine, sie ist so zart…» Sie begann erneut zu schluchzen. «Tante Zahra», stieß sie hervor, «versprich mir, ihr zu erzählen, wer ich war und was man mir angetan hat, wenn sie einmal größer ist. Sie soll sich nie ihrer Mutter schämen. Versprich es mir.» Tief bewegt erwiderte die alte Dame: «Mein Kleines, deine Kinder, besonders die jüngeren, werden bei mir wohnen, und es wird ihnen an nichts fehlen. Deine Kinder werden die meinen sein, und niemand darf sie mir wegnehmen. Gott ist mein Zeuge: Mein Haus wird ihr Haus sein.» Als sie das sagte, wußte Zahra allerdings, daß sie die zwei Ältesten von Soraya nicht in ihr Versprechen einschloß. Beide waren in die Fußstapfen ihres Vaters getreten. Mit seinem Segen drehten sie allerlei faule Dinger. (…)

Die Steinigung

Auf ein zweites Zeichen des Bürgermeisters packten die beiden Männer die junge Frau an den Armen, schleppten sie zu der Grube und ließen sie hineinsteigen. Ein Murmeln erhob sich unter den Zuschauern. Nun würde das Schauspiel, dessentwegen sie hergekommen waren, wahrhaftig beginnen. Aufgeregt blickten sie auf die wehrlose Frau. Einen Stein in der Hand, warteten sie nur auf den Befehl von Mashdi Ebrahim.

Die Männer mit Schaufeln und Spaten begannen, die Grube, in der Soraya stand, wieder zuzuschütten. Bei jeder Schaufelvoll sangen sie ihr «Ya Allah», um sich Mut zu machen. Zahra Khanum bemerkte, daß die Männer ihre Arbeit gewissenhaft, ja beinahe ehrfürchtig ausführten, ohne Hast, ohne Grobheit, ohne eine unfreundliche Geste. Sie gingen behutsam vor und achteten sorgsam darauf, Sorayas weißes Kleid nicht zu beschmutzen oder sie gar zu verletzen. Dann hob der Bürgermeister erneut die Hand, und sie legten ihr Arbeitsgerät weg.

Soraya war nun bis zu den Schultern eingegraben. Ihre Arme steckten in der Grube, ihr Haar lag um sie herum ausgebreitet. Sie wirkte völlig abwesend: ihre Augen blickten ins Leere, sie schien die leisen murmelnden Stimmen um sie herum nicht zu hören. Mashdi Ebrahim begann wieder zu sprechen:

«Soraya Manoutchehri, hast du in diesem Augenblick, da Gottes Urteil vollstreckt werden soll und du für deine Verfehlungen büßen wirst, irgend etwas zu sagen, hast du uns etwas mitzuteilen?» Die Verurteilte gab keine Antwort, sie sah den Bürgermeister nicht einmal an, in sich versunken, wie betäubt, schien sie überhaupt nichts wahrzunehmen.

«Wenn du etwas zu sagen hast, dann sag es jetzt, nachher ist es zu spät.» Die Stille wurde immer drückender. Gebannt lauerte die Menge auf die geringste Regung, auf ein noch, so leises Wort der Verurteilten. Doch Zahra wußte, daß ihre Freundin nichts mehr sagen würde. Der Singsang der Klageweiber setzte wieder ein. «Zum letzten mal fordere ich dich auf zu sprechen: wenn du etwas zu sagen hast, dann sage es jetzt, denn nachher ist es zu spät.»

Der Bürgermeister wartete noch einige Augenblicke, dann wandte er sich zu Morteza Ramazani um, beugte sich ein wenig zu ihm hinab und fragte ihn mit höchster Ehrerbietung:

«Herr Ramazani, haben Sie, als Vater der Ehebrecherin, etwas zu sagen?» Der tief gebeugte alte Mann versuchte sich aufzurichten und stieß voller Wut hervor: «Gottes Wille geschehe. Sie ist nicht mehr meine Tochter. Ich bin nicht mehr ihr Vater. Sie ist eine Fremde für mich. Laßt es uns rasch zu Ende bringen!» Daraufhin wandte sich der Bürgermeister zu Scheich Hassan, der schon eine ganze Zeitlang geschwiegen hatte, und richtete die Frage an ihn: «Herr Lajevardi, möchten Sie als Stellvertreter unseres verehrten Imam in diesem Dorf noch etwas hinzufügen?» Scheich Hassan streckte pathetisch die Hände hoch, in denen er seinen mit dem Tasbih umwickelten Koran hielt, und rief: «Möge der Wille des Allmächtigen geschehen und das islamische Gesetz angewandt werden.» Mit einer theatralischen Gebärde ließ er die Arme sinken.

Shokrollah malte einen Kreis auf den Boden, dessen Mittelpunkt Sorayas Kopf bildete.
Die Entfernung war abgesteckt. Die Zielscheibe, die die Teilnehmer an diesem makabren Spiel zu treffen hatten, war für alle sichtbar, ein regloses schwarzweißes Bündel. In tiefstem Schweigen verteilte sich das Publikum längs der Kreislinie. Es war, als vollführe das gesamte Dorf unter der Regie von Mashdi Ebrahim ein uraltes Ritual, dessen Regeln vom Vater an den Sohn überliefert werden und seit Generationen vertraut sind. Die Gaukler hielten den Atem an. Sie wagten nicht, näher heranzukommen, denn sie hatten Angst, auch einen Stein abzubekommen. Sie standen den mit Wurfgeschossen bewaffneten Männern genau gegenüber. Der Kopf des Opfers, von dem sie nur das auf der Erde ausgebreitete schwarze Haar sahen, war etwa fünfzehn Meter von ihnen entfernt. Der Bürgermeister nahm einen Stein und reichte ihn Morteza.

«Ihnen, Herr Ramazani, gebührt die Ehre, den ersten Stein zu werfen… Bitte sehr…»

Der Alte legte seinen Stock auf den Boden nieder und ergriff den Stein. Er sagte Gott Dank, streckte den Arm und schleuderte den Stein mit aller Kraft in Richtung auf seine Tochter. Dabei brüllte er: «Ya Allah! Da hast du’s, Hure!» Er verfehlte sein Ziel. Ebrahim reichte ihm einen anderen Stein, und der Alte warf, seinen Haß hinausschreiend, ein zweites Mal auf seine Tochter. Viermal versuchte er sie zu treffen, ohne Erfolg. Rasend vor Wut, schrie er: «Gebt mir noch einen Stein, ich will ihr den Kopf einschlagen ich schlage ihr den Kopf ein!»

Der Bürgermeister gab ihm zu verstehen, daß er die Kreidelinie auf keinen Fall überschreiten dürfe, denn das sei gegen das Gesetz Gottes. Nun kam Ghorban-Ali an die Reihe. Er hatte die Ärmel hochgekrempelt und vier Steine zu seinen Füßen aufgereiht. Er wartete auf das Zeichen des Bürgermeisters. «Du bist dran, mein Junge», sagte Ebrahim liebevoll. «Gott möge dir den Arm führen.»

Der «betrogene» Ehemann straffte seinen Arm und ließ ihn nach vorn schnellen. Der Stein flog zwanzig Zentimeter am Gesicht der Frau vorbei. Sie hatte nicht die geringste Schreckbewegung gemacht, nicht mit den Wimpern gezuckt. «Weiter, Ghorban-Ali, nur zu, das war gut… gleich hast du sie, die Hündin…» brüllten die Männer in der ersten Reihe.

Sorayas Mann griff nach dem zweiten Stein, wog ihn in der Hand und blickte auf das Publikum. Er sah aus wie ein Athlet im Stadion, der eine Bestleistung anstrebt. Erneut spannte sich sein Arm, und der Stein streifte den Kopf der Frau. Die Menge stieß ein enttäuschtes «Oh» aus, doch bevor sie Atem holen konnte, war schon der dritte Stein geworfen und traf die rechte Schulter der Verurteilten. Ein kaum hörbarer Laut entwich, ihrem Mund, und für eine Sekunde schwankte ihr zierlicher Oberkörper.

Das Geschrei schwoll an, und die Männer applaudierten. Ghorban-Ali deutete ein Lächeln an, nahm den nächsten Stein, zielte noch sorgfältiger und warf. Diesmal traf er seine Frau am Haaransatz. Sorayas Kopf wurde nach hinten gerissen, die Stirn platzte auf. Blut strömte hervor. Ein Jubeln ging durch die Menge. Ohne es zu merken, waren die Dorfbewohner einige Schritte näher gekommen und hatten die Kreidelinie überschritten. «Geschafft! Ein Hoch auf Ghorban-Ali! Er hat sie getroffen, noch einmal, gib’s ihr, dieser Nutte!» Nun nahmen die beiden Söhne des Opfers ihre Steine und warfen beide gleichzeitig. Nur ein einziger traf die bis zum Oberkörper eingegrabene Frau. Sie schluchzte auf, und ihr Kopf knickte hintenüber.

Nun war Scheich Hassan an der Reihe. Er nahm seinen Koran in die linke Hand und ergriff mit der Rechten einen großen Stein. Doch ehe er ihn warf, wandte er sich zu der Menge und sagte salbungsvoll: «Nicht ich werfe diesen Stein. Gott ist es, der meinen Arm lenkt. Er gibt mir seine Befehle, und ich räche unseren Imam für das schändliche Verbrechen, das dieses Weib begangen hat.» Die Menge applaudierte stürmisch.

«Ich werde so oft werfen, wie es nötig ist, um diese Hündin zu töten. Nach mir dürft ihr eure Steine auf sie werfen.» Zahra war weggegangen, als das erste Blut zu strömen begann. Sie wußte, daß Soraya einen langen Todeskampf haben würde, und die unerträgliche Gewalttätigkeit der Szene, die die Zuschauer immer mehr aufputschte, war zu qualvoll für sie. Sie kannte jeden von ihnen, hatte die meisten von jenen, die sich hier wie monströse Ungeheuer gebärdeten, auf die Welt kommen sehen. Von Schmerz überwältigt, setzte sie sich auf die Holzbank vor der Metzgerei und starrte auf den Boden. Jedesmal wenn die Menge johlte, wußte sie, daß ihre Nichte wieder von einem Stein getroffen worden war. Nie zuvor hatte sie sich so geschämt. Obwohl sie wußte, daß sie nichts gegen diese Gewalttat hätte tun können, machte sie sich doch zum Vorwurf, es nicht wenigstens versucht zu haben. Im Mittelpunkt des Kreidekreises hauchte Soraya ihr Leben aus. Kopf und Oberkörper waren nur noch ein Haufen blutigen Fleisches. Die johlende Menge ließ nicht von ihrem Opfer ab. Der Kreis hatte sich immer enger um Soraya geschlossen. Ihre Kopfhaut war eine einzige klaffende Wunde, Augen und Nase waren zerschmettert, der Kiefer gebrochen. Der Kopf baumelte wie eine groteske Karnevalsmaske an den Resten der rechten Schulter. Scheich Hassan, der mit blutbespritztem Gewand ganz vorne stand, hob die Hand und forderte Ruhe.

«Meine lieben Freunde… hört mir doch einen Augenblick zu. Ich glaube, Gott hat sein Werk vollendet. Ich glaube, sein Wille ist vollzogen. Möchte jemand den Tod dieser Hündin feststellen?»

Zehn Arme fuhren in die Höhe. Hassan erwählte Said, den Brunnengräber: der Mann beugte sich zu dem Opfer hinab und näherte sein Ohr dem geöffneten Mund von Soraya.

«Sie lebt noch. Die Hündin ist immer noch nicht krepiert», sagte er zu Hassan, als er sich wieder aufrichtete. Ein Mann ging langsam auf Soraya zu, die Hand mit dem Stein zum Himmel erhoben, und schlug ihr mit aller Kraft mehrmals auf die Schädeldecke. Seinem Beispiel folgend, hob ein zweiter einen Ziegelstein auf, der neben dem Opfer lag, und versetzte ihr damit wie rasend ein halbes Dutzend Schläge. Der Schädel zersprang, und das Gehirn spritzte auf die Erde. Da erhob sich ein ungeheures Jubelgeschrei:«Allah o akbar! Allah o akbar! Gott ist groß! Gelobt sei Gott!»

Scheich Hassan hob mit Siegermiene seinen Koran in die Höhe und befahl den Dorfbewohnern, sich um ihn zu scharen. «Laßt uns dem Allmächtigen Dank sagen.»Im Nu herrschte absolute Stille. Und nach einem Augenblick der Sammlung begann die Menge zusammen mit dem Mullah zu singen: «Im Namen des gnädigen und barmherzigen Gottes…» (…)

Hassan sah ungerührt von einem zum anderen. Als er sein Glas geleert hatte, ergriff er das Wort: «Herr Bürgermeister, Herr Ramazani, mein lieber Ghorban-Ali und ihr anderen, wir alle haben diesen Augenblick des Nachdenkens und der Sammlung gebraucht, um endgültig mit dieser Angelegenheit abzuschließen. Vergeßt nicht, daß Gott es so gewollt hat und daß wir nur seinen Willen vollzogen haben. Ihr solltet wissen, daß dieses Weibsbild nicht die erste Frau ist, die gesteinigt wurde, seit in unserem Land das Gesetz des Allmächtigen herrscht. Dutzende anderer Frauen sind vor ihr gesteinigt worden, und weitere werden ihr folgen, wenn sie Gott beleidigen. Wir haben nichts zu befürchten, und schon morgen werde ich die Provinzbehörden über das, was heute bei uns geschehen ist, in Kenntnis setzen. Ich kann euch sagen, das Dorf Kuhpayeh ist binnen weniger Stunden zum Vorbild geworden, von dem man im ganzen Land sprechen wird.»

Mit ernsten Mienen hörten die zehn Männer zu, tranken ihren glühendheißen Tee, warfen kurze, geflüsterte Kommentare ein und nickten zustimmend mit dem Kopf: «Er hat recht… ja, so ist es.» «Meine Freunde, das Böse ist unter uns gewesen, und wir haben es nicht gewußt. Zum Glück hat mich der Allmächtige in seiner unendlichen Barmherzigkeit in dieses Bergland geführt. Gott hat gewollt, daß ich euer Dorf vom Bösen und von der Sünde errette. Lasset uns Gott und seinem Propheten danken.» Mit lauter Stimme begannen sie gemeinsam zu beten: «Im Namen Gottes, des Gnädigen und Barmherzigen …» Plötzlich wurde der alte Morteza Ramazani, der Vater der Gesteinigten, von Schluchzen geschüttelt. Er schlug sich mit den Fäusten an den Kopf und stieß stöhnend hervor: «Ich schäme mich. Oh, mein Gott, wie ich mich schäme. Wie konnte das geschehen. Oh, allmächtiger Gott, erbarme Dich meiner, meine Brüder, verzeiht mir.»

Peinlich berührt, wußten die anderen Männer nicht, wie sie sich verhalten sollten. Doch der Mullah war schnell wieder Herr der Lage: «Herr Ramazani, Sie brauchen sich nicht zu schämen. Wir alle lieben und respektieren Sie. Sie sind der Älteste von uns, und Sie werden bei uns immer all die Hilfe und Zuneigung finden, die Sie brauchen. Sie sind in diesem Dorf zu Hause, und keiner von uns wird Ihnen je seine Tür verschließen. Wir werden es Ihnen nie vergessen, daß Sie den ersten Stein auf die Ehebrecherin geworfen haben, und uns ein Vorbild gewesen sind, und wird sind wie Söhne Ihrem Beispiel gefolgt. Dafür sei Ihnen Dank.» Und alle stimmten ihm zu und applaudierten.

Das Begräbnis

«Ja, in der Tat. Wir müssen uns der Leiche dieser Frau noch vor heute abend entledigen. Ich finde jedoch, und ihr werdet darin mit mir übereinstimmen, daß sie nicht auf unserem Friedhof ruhen soll. Das ist nicht der richtige Platz für sie.» (…)

«Ich glaube, ich habe eine Lösung gefunden, aber ich möchte eure Zustimmung. Wir sind uns doch einig, daß Soraya. Manoutchehri uns alle beschmutzt und gedemütigt hat?»
«Ja», erwiderten die Männer alle gemeinsam, «ja, sie hat uns beschmutzt und gedemütigt!»
«Ihr seid euch, einig, daß sie keine gute Muslimin war Und daß sie Gott belogen hat?»
Wieder bejahten sie. «Ihr seid euch auch einig, daß sie das Wort unseres Propheten nicht geachtet hat?» Auch diesmal stimmte die Versammlung ihm zu. «… und daß sie gegen die Lehren unseres vielgeliebten Imam verstoßen hat?»
«Ja, sie hat dagegen verstoßen!»
«Dann will ich es euch sagen. Ich mache euch folgenden Vorschlag: Sie wird überhaupt nicht beerdigt!» Die Männer sahen sich betroffen an und schwiegen. «Ihr habt richtig gehört, sie wird nicht begraben werden!»

«Lassen Sie hören, Scheich Hassan. Ich bin sicher, daß Ihre Entscheidung die weiseste ist», warf Ebrahim ein. «Soraya Manoutchehri hat ein unehrenhaftes und verwerfliches Leben geführt. Sie hat das Vertrauen Gottes, seines Propheten und unseres Imam mißbraucht. Sie hat ihre Familie, ihren Mann und ihre Kinder belogen. Sie hat das ganze Dorf betrogen, und sie hat versucht, unseren Freund Hashem, der noch um seine allzufrüh dahingeschiedene Frau trauert, vom rechten Weg abzubringen. Sie hat gelebt wie eine Hündin. Sie ist gestorben wie eine Hündin. Deshalb soll ihre Leiche den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen werden, die werden dafür sorgen, daß sie verschwindet.» (…)

Said und Rassul fiel die grausige Aufgabe zu, die Gesteinigte auszugraben. Trotz des Tuchs, das man über sie gebreitet hatte, tummelten sich bereits Fliegen und Würmer auf ihr. Der Geruch war unerträglich. Die Hunde, die herbeigelaufen waren, bellten immer lauter.

Als Sorayas Oberkörper freigelegt worden war, fiel der Kopf wie eine geplatzte Wassermelone zur Seite und löste sich mit dem Geräusch eines brechenden Zweiges vom Rumpf. Die Männer hörten auf zu graben und wandten die Augen ab. Als das Loch groß genug war, stiegen Said und Rassul hinein. Sie umfaßten den enthaupteten Leib der Toten, die Zahras weißes Kleid trug, und zerrten ihn heraus. Scheich Hassan, der in der vordersten Reihe der Zuschauer stand, rief: «Danke, geht euch jetzt waschen … Gott wird es euch lohnen.»

Said und Rassul liefen eilends zum Fluß. «Deckt die Leiche zu, bis die Frauen kommen, um ihre Arbeit zu tun», fuhr Hassan fort. Die Hunde hatten sich erregt der Leiche genähert. Einer von ihnen zog an der Decke und entblößte erneut den verstümmelten Körper. Erst als die Frauen kamen, ließen die Hunde, die der Blutgeruch zu Bestien machte, von der Leiche ab. (…)

Am nächsten Tag verließ Zahra in aller Frühe das Haus. Wie ein Dieb strich sie dicht an den Häuserwänden entlang, um unbemerkt zu bleiben. Die Asche des Freudenfeuers glühte noch. (…) Sie ließ das Dorf hinter sich und nahm den gleichen Weg wie gestern, bis zur sechsten Kurve. Dort bog sie in den Wald ein. Als sie sich dem Flußufer näherte, entfuhr ihr ein Schreckensschrei. Drei Schritte vor ihr lagen schlafend die drei streunenden Hunde, satt und vollgefressen. An ihren Schnauzen und ihrem Fell klebte geronnenes Blut. Von der Leiche der Unglücklichen war nichts übriggeblieben. Die Hunde hatten alles verschlungen. Da und dort waren menschliche Knochen verstreut, ein paar Fetzen der braunen Decke und zerrissene Wäsche; ein Stück weiter lag das, was von Sorayas Kopf geblieben war…

Die alte Frau lehnte sich gegen einen Baum und übergab sich: dann sank sie zu Boden. Die Kräfte versagten ihr. Eine Stunde blieb sie erschöpft liegen. Dann erholte sie sich langsam, stand auf und ergriff mit der letzten Energie, die ihr geblieben war, den größten Stein, den sie finden konnte, und schleuderte ihn mit der Kraft der Verzweiflung auf einen der schlafenden Hunde. Das Tier jaulte vor Schmerz auf und floh ins Unterholz, gefolgt von den anderen.

Wieder band Zahra Khanum ihren Tschador hoch, kniete nieder und scharrte mit den Händen die feuchte, lockere Erde auf. Als das Loch groß genug war, sammelte sie die Gebeine ihrer Nichte auf, wusch sie im Fluß und legte sie in das Grab, das sie mit Laub und Ästen bedeckte. Dann erst begann sie zu beten und brach in Tränen aus.

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Dank, Copyright und Quelle

Der herzliche Dank der IGFM gilt dem Autor, Herrn Freidoune Sahebjam, dem Rowolt Verlag, der Übersetzerin Frau Renate Heimbucher und der Éditions Grasset & Fasquelle.

Copyright für die deutsche Übersetzung von Renate Heimbucher © 1992 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg.

Die hier veröffentlichten Auszüge stammen aus dem – leider vergriffenen – Buch:

Freidoune Sahebjam, “Die gesteinigte Frau. Die Geschichte der Soraya Manoutchehri. Rowolt Verlag, Reinbeck bei Hamburg, 1992, ISBN 3-498-06267-0. Die Originalausgabe erschien 1990 unter dem Titel “La femme lapidée” bei Édition Grasset & Fasquelle, Paris.