/Steinigung einer kurdisch-yezidischen jungen Frau im Nordirak

Steinigung einer kurdisch-yezidischen jungen Frau im Nordirak

Schwer bewaffnete irakische Polizisten in einem Pick-up Truck – auch bei vielen Steinigungen sind Polizisten oder Ordner anwesend und geben dieser grausamen Hinrichtungsmethode ein öffentliches Forum.

Steinigung einer kurdisch-yezidischen jungen Frau im Nordirak

Am 7. April 2007 ist die 17jährige kurdisch-yezidische junge Frau Dua Khalil Aswad nahe der nordirakischen Stadt Mosul durch Steinigung umgebracht worden. Sie stammte aus dem kleinen Ort Bashiqa, der überwiegend von Yeziden bewohnt wird. Nach Angaben der kurdischen Webseite www.jebar.info sollen sich daran angeblich bis zu 1.000 yezidische Männer aus Mosul beteiligt haben. Gegenüber CNN sprach die Polizei sogar von einem Auflauf von 2.000 Personen.

Die Bilder in diesem Beitrag entspringen einer Handyaufzeichnung, die der IGFM vorliegt. Trotz der technisch schlechten Qualität und dem verwackelten Bild wurden sehr graphische und äußerst brutale Szenen aufgenommen, weswegen wir darauf verzichten, die Videos in voller Länge zugänglich zu machen.

Hintergrund

Die junge Frau hatte einen Muslimen heiraten wollen, den sie liebte, und war aus diesem Grund zum Islam übergetreten und mit dem jungen Mann von zu Hause weggelaufen. Sie hatten Zuflucht bei einem örtlichen muslimischen Scheich gefunden. Um sie zur Rückkehr zu bewegen, soll ihre Familie in den letzen Tagen vor ihrer Ermordung beteuert haben, dass ihr vergeben wurde. Nach einigen Berichten, soll die junge Frau ihrer Familie geglaubt haben und freiwillig zurückgekehrt sein.

Eines der kurzen anscheinend mit Handys aufgenommenen Videos lässt aber auch einen anderen Schluss zu. Das gezeigte Haus ist von einer größeren Gruppe von Männern umstellt. Jedem Anwesenden muss klar gewesen sein, dass sich ein solcher Menschenauflauf nicht gebildet hat, weil der jungen Frau vergeben worden ist. Es entsteht vielmehr der Eindruck, dass die Auslieferung der Frau erzwungen wurde. Unmittelbar nachdem sie den Hof verlässt, wird sie von einem der Männer in den “Schwitzkasten” genommen und gewaltsam weggeschleppt.

Nach yezidischer Auffassung ist es einer yezidischen Frau verboten, einen Mann zu heiraten, der nicht ihrer Religion angehört. Dieser Zwang entspricht dem traditionellen Verbot für islamische Frauen, einen nicht-islamischen Mann zu heiraten. Diese Verbote gelten jeweils nur für die Frauen aus diesen Religionen, nicht für die Männer. Wesentlich für ihre Steinigung wird aber auch der Wechsel der Religion gewesen sein und der Verstoß gegen die archaische Auffassung von “Ehre”. Mädchen und Frauen, die im Nahen Osten von zu Hause weglaufen, schweben immer in der Gefahr, Opfer eines”Ehrenmordes”zu werden , unabhängig davon, aus welchen Motiven sie weglaufen.

Der jungen Frau aus Mosul wurden teilweise die Kleider vom Leib gerissen. Der Mob aus yezidischen Männer bewarf sie mit großen Steinen. Sie selbst lag auf der Straße, blutete stark im Gesicht, schrie vor Schmerz, krümmte sich, wurde wieder und wieder mit Steinen beworfen und getreten , bis sie schließlich leblos liegenblieb. Später war die Irakische Armee erschienen, die den Zugang zum Ort des Mordes abriegelte, auch für Vertreter der Presse.

Die Nachrichtenagentur AINA nannte am 26. April 2007 solche Ereignisse “nicht ungewöhnlich” in einigen tief religiösen, ländlichen kurdischen Gemeinden und des gesamten Irak.

Polizei vor Ort

Bei der Auslieferung der jungen Frau waren auch Polizisten anwesend. Zwei davon sind rechts und links des Einganges zu sehen, der zum Innenhof des Hauses führt und von dem aus die junge Frau ihren Mördern ausgeliefert wird. Sie stehen im linken Bild an den Bildrändern, jeweils mit weißem Hemd und schusssicherer Weste. Im zweiten Bild ist die Mützenaufschrift ‘Police’ in Arabisch und Englisch erkennbar, im dritten Bild das irakische Hoheitsabzeichen auf dem Hemdärmel.

Die Polizisten haben keinen erkennbaren Versuch unternommen, um das Leben der jungen Frau zu retten. Möglicherweise wollten sie dazu beitragen, dass nur die Frau umgebracht wird und es nicht zu Ausschreitungen zwischen den Clans kommt.

CNN gegenüber gab der Polizeioberst Hussein Mohammed Silea zu, dass Polizisten vor Ort waren. Auf die Frage, welche Strafe den Polizisten drohe, die nicht eingeschritten seien, antwortete der Polizeioberst: “Keine”. Der Mob sei zu groß gewesen, sie hätten nichts tun können.

Nach der Steinigung

Der Körper der Ermordeten Dua soll von ihren Mördern auf eine Müllkippe gebracht und dort verscharrt worden sein. Damit hätten ihre Mörder selbst nach ihrem Tod noch demonstriert, dass sie das Leben Duas für absolut wertlos erachteten.

Nach Angaben der im Exil lebenden kurdischen Menschenrechtlerin Diana Nammi, waren nach der Steinigung zwei Personen festgenommen worden, sie kamen aber bald darauf in aller Stille wieder frei. Erst die Veröffentlichungen der Filmsequenzen von der Steinigung führten zu öffentlichem Protest und zwangen die Polizei zum Handeln. Am 19. Mai wurden schließlich vier Personen verhaftet.

CNN berichtete am 31. Mai 2007, dass nach Angaben des örtlichen Polizeichefs, Oberst Hussein Mohammed Silea, die Ermittlungen im vollen Gange waren und es zehn Verdächtige gäbe. Sechs davon seien untergetaucht, die vier anderen in Haft, einschließlich des Cousins der jungen Frau, von dem es heißt, er habe den ersten Stein geworfen. Ihm drohe potentiell die Todesstrafe, ebenso wie dem Onkel und einem Clanführer, der angeblich die Steinigung angeordnet haben soll. Beide sind untergetaucht. Die Familie des Bräutigams soll nach Mossul geflohen sein, der Verbleib des Bräutigams selbst ist unklar.

Eskalation der Gewalt

eAb dem 23. April 2007 kam es zu mehreren Übergriffen und Mordanschlägen von radikalen Sunniten auf Yeziden. Über 30 Personen sollen dabei ums Leben gekommen sein. Die radikalen Muslime rechtfertigten Ihre Morde als Vergeltung dafür, dass Dua gesteinigt wurde, weil sie zum Islam übertrat. Von yezidischer Seite wird das bestritten , sie sei “nur” umgebracht worden, weil sie mit einer vorehelichen Beziehung die Familienehre “beschmutzt” habe. Einige yezidische Berichte bestreiten, dass die junge Frau überhaupt zum Islam übergetreten sei.

Exhumierung der Leiche

Am 28. April 2007, also rund drei Wochen nach der Steinigung, wurde Duas Leiche exhumiert, um ihre Jungfräulichkeit zu prüfen (!). Nach Angaben der Gerichtsmedizin in Dahuk soll Dua unberührt gewesen sein. Duas Vater ließ sie anschließend im Familiengrab bestatten.

Mir Tahsin Said Ali Beg, Vorsitzender des Obersten Geistlichen Rates der Yeziden

Nach Aussage von Vertretern der Yeziden in Deutschland kennt die yezidische Rechtstradition weder die Todesstrafe noch das Vergeltungsrecht. Es habe sich bei dem Ehrenmord an der 17jährigen Dua Khalil Aswad um die erste Steinigung durch Yeziden überhaupt gehandelt. Nach Informationen der IGFM hat es dennoch auch innerhalb der Yeziden im Irak “Ehrenmorde” gegeben.

Das Oberhaupt aller Yeziden, Mir Tahsin Saied Ali Beg, hatte drei Wochen nach der Steinigung eine öffentliche Erklärung abgegeben, in der er die Tat auf das Schärfste verurteilte und forderte, dass die Mörder vor Gericht gestellt und verurteilt werden.