Türkei: Zeichen der Versöhnung setzen

Zum Ende des Ramadans fordert die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) die Türkei dazu auf, die Ausweisungen von missionarisch aktiven Christen zurückzunehmen sowie die Rückkehr bereits ausgewiesener Christen zu ermöglichen. Foto: KNA
Beendigung der Ausweisungen und Einreiseverbote von Christen
Ankara / Mardin / Frankfurt am Main 22. Mai 2020 – Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) ruft im Blick auf den am 23. Mai zu Ende gehenden Ramadan zur Überwindung von religiös motivierten Menschenrechtsverletzungen in der Türkei auf. „Am Ende des Fastenmonats Ramadan setzen einige Staaten mit islamischer Bevölkerungsmehrheit Zeichen der Versöhnung und Wiedergutmachung. Diese Chance sollte die Türkei im Jahr 2020 nutzen und die Ausweisungen von missionarisch aktiven Christen zurücknehmen sowie die Rückkehr bereits ausgewiesener Christen ermöglichen“, so die IGFM.
Aktuell weist die IGFM auf den Fall des Ehepaars Stephen und Deborah Coombs aus einer protestantischen Gemeinde in Mardin hin, die im März 2020 aufgefordert wurden, die Türkei umgehend zu verlassen. Nach Auffassung des türkischen Innenministeriums sei das in ihrer Gemeinde aktive Ehepaar ein Sicherheitsrisiko für die Türkei.
Im Jahr 2019 wurden – nach Informationen der IGFM – 29 in ihren türkischen Gemeinden aktive protestantische Christen aus der Türkei ausgewiesen. Die Betroffenen werden inoffiziell als „Bedrohung der nationalen Sicherheit“ dargestellt, so die IGFM. Breits seit Juli 2017 wurde vermehrt in der Türkei Christen lebenden nach Auslandsreisen die Rückkehr verweigert.
Hinzu kommen Ehepartner und weitere Familienangehörige, so dass allein in diesem Jahr bereits 60 bis 70 Personen Opfer dieser Politik geworden sind. Die Opfer sind Ausländer, die sich zum Teil bereits vor Jahrzehnten in der Türkei niedergelassen hatten und die in ihren türkischen Gemeinden als besonders aktiv gelten. Sie stammen aus Deutschland, Großbritannien, Finnland, USA, Neuseeland, Kanada und Australien. Die meisten Betroffenen erfuhren von ihrer Ausweisung bei einer Ausreise aus der Türkei, manche auch erst bei der Wiedereinreise.
„Die Religionsfreiheit einschließlich des Rechts auf Mission wird in der türkischen Gesetzgebung garantiert. Eine Ausweisung von missionarisch aktiven Gläubigen ist rechtswidrig. Die Anschuldigung, die Betroffenen seien eine Bedrohung für die öffentliche Sicherheit, ist lächerlich und empörend“, erklärt dazu Martin Lessenthin, Vorstandssprecher der IGFM.
Vertriebene Christen waren integriert
Die Ausgewiesenen sind in der Türkei integriert. Die allermeisten lebten und arbeiteten im Großraum Istanbul, Ankara und Izmir. Sie haben dort Familien und Beruf, besitzen Häuser oder haben Kinder in Ausbildung. Sie haben sich nie etwas zu Schulden kommen lassen, sind teilweise sogar Arbeitgeber für Einheimische. Die Ausgewiesenen erhalten gleichzeitig ein Einreiseverbot. Die türkische Regierung gibt keine schriftliche Erklärung ab, warum die Betroffenen plötzlich eine Bedrohung darstellen und ihnen der Code „N-82“ oder „G-82“ zugeordnet wird, der faktisch als Einreiseverbot wirkt. Etliche ausgewiesene Christen haben gegen diese Anordnung der Behörden Klage eingereicht.
Die IGFM weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass trotz gegenteiliger Behauptungen der türkischen Regierung alle religiösen Minderheiten in der Türkei in vielfältiger Weise diskriminiert werden. Dies gilt für Aleviten, Juden, Jesiden, syrisch-orthodoxe und armenische Christen. Die Regierung Erdogan verfolgt im Lande und jenseits der Landesgrenzen das Ziel einer Gleichschaltung. Minderheitenschutz ist aus Sicht Erdogans ein Zeichen von Schwäche.
„Fetös Diener“
Im Mai 2020 nahm die Bedrohungslage der christliche und auch jüdischen Minderheit zu.
Eine 176seitige Sonderausgabe der regierungsnahen Zeitschrift Gercet Hayat (Echtes Leben) brachte armenische und griechisch-orthodoxe sowie die jüdische Minderheit in Verbindung mit dem dem Islamprediger Fetullah Gülen vorgeworfenen Umsturzversuch von 2016 und seiner als Fetö bezeichneten staatlich geächteten Bewegung. Die als „Fetös Diener“ bezeichneten Christen und Juden befürchten in der coronabedingten Wirtschaftskrise als Sündenböcke und Angriffsziele benannt zu werden.