Tibet: Muttersprache wird zur Fremdsprache

Anlässlich des Welttags der Lehrerinnen und Lehrer am 5. Oktober kritisiert die IGFM die neue Sinisierungsmaßnahme der KPCh. Tibetische Vorschulkinder müssen nun Mandarin lernen, protestierende Lehrer und Schüler wurden verhaftet.

Zum Welttag der Lehrerinnen und Lehrer am 5. Oktober

China: Tibetische Vorschulkinder müssen Mandarin lernen

IGFM kritisiert Verhaftungen von protestierenden Lehrern und Schülern

Peking / Frankfurt am Main, 4. Oktober 2021 – Wenn die Muttersprache allmählich zur Fremdsprache werden soll: Wie die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) berichtet, trat Anfang September ein Erlass des chinesischen Bildungsministeriums in Kraft, wonach alle tibetischen Kinder im Vorschulalter Mandarin lernen müssen. Die in Frankfurt ansässige IGFM kritisiert diese Maßnahme anlässlich des Welttags der Lehrerinnen und Lehrer am 5. Oktober als „weiteren Schritt der systematischen Sinisierung Tibets“ und bezeichnet sie als „Mittel, um die nächste Generation der Tibeter von ihrer eigenen Sprache und Kultur zu entfremden“.

Das chinesische Ministerium für Erziehung hatte den Erlass bereits im Juli angekündigt und damit begründet, dass dadurch schon „von klein auf ein Gemeinschaftsgefühl für die chinesische Nation entsteht“. Offiziell soll das Bildungsniveau in der Autonomen Region angehoben werden. Alle Kindergärten in Tibet wurden angewiesen, Mandarin als Unterrichtssprache bei den Vorschulaktivitäten zu verwenden. Die Vorschulerziehung betrifft Kinder im Alter von fünf bis sechs Jahren. Lehrerinnen und Lehrer müssen bis 2025 einen mehrstufigen „Kurs zur Anwendung der nationalen gemeinsamen Sprache“ absolvieren. Zudem werden ausgewählte Lehrkräfte vom chinesischen Festland in die Region geschickt.

Wegen Schulschließung in Hungerstreik getretene Lehrerin festgenommen

Am 1. August 2021 wurde Rinchen Kyi, eine der dienstältesten Lehrerinnen, an der am 8. Juli 2021 geschlossenen Sengdruk-Taktse-Schule im Kreis Darlag (chin. Dari) in der tibetischen autonomen Präfektur (TAP) Golog (chin. Guoluo) von den örtlichen Sicherheitskräften wegen „Anstiftung zum Separatismus“ festgenommen. Sie war nach der Schließung der Schule in einen Hungerstreik getreten.

Tibetische Schüler nach Einreichen von Petition verhaftet

Die Sengdruk-Taktse-Schule war dafür bekannt, dass sie die tibetische Sprache vermittelte und eine umfassende tibetische kulturelle Bildung anbot. Sie verzeichnete über 500 Absolventen. Zwei ehemalige Schüler wurden am 24. August im Kreis Darlag festgenommen, weil sie sich in einer WeChat-Gruppe kritisch über die neue Bildungspolitik geäußert hatten. Die IGFM fordert die sofortige Freilassung aller Tibeter, die sich keines Verbrechens schuldig gemacht, sondern sich nur für den Erhalt ihrer Sprache eingesetzt haben.

Die Sinisierung zielt vor allem auf tibetische Oberschulen in der Region ab, wobei auch karitative Schulen für arme tibetische Kinder nicht verschont bleiben. So bekam die Gyalten Getsa-Schule in der Gemeinde Tehor Rongbatsa (chin. Rongbacha) in Kardze in der tibetischen Provinz Kham Anfang August von der lokalen Regierung eine schriftliche Abmahnung. Die Schule sollte geschlossen werden, wenn sie nicht die staatlich erstellten Lehrbücher nutze und Mandarin als Unterrichtssprache sowie für die Durchführung der jährlichen Schulprüfung verwende. Außerdem wurde am 16. August 2021 eine Gruppe tibetischer Schüler festgenommen, die beim örtlichen Regierungsbüro eine Petition eingereicht hatten, in der sie forderten, dem Unterricht in tibetischer Sprache in der Gemeinde Trotsik in Ngaba den Vorzug zu geben. Alle Schüler der Gruppe wurden wieder freigelassen – mit Ausnahme des 19-jährigen Sherab Dorjee, der weiterhin inhaftiert ist.

Teilen Sie diesen Beitrag!

Nach oben