
„Als ich evakuiert wurde, hatte ich nur ein Paar Hosen, Schuhe, eine Jacke und meine Papiere“
Interview vom 29.12.2022
Oleksandr Wasilijew
Petro Neschadym ist ein Rentner aus Moschun (ein Dorf in der Region Kyjiw), dessen Haus zerstört wurde. Petro hofft, dass der Krieg zu Ende geht und er wieder gesund genug sein wird, um ein neues Haus zu bauen.

Mein Name ist Petro Neschadym. Ich bin 62 Jahre alt. Seit 15 Jahren lebe ich in Moschun. Vor dem Krieg war ich Rentner, arbeitete aber in Teilzeit als Wachmann. Da unser Haus während des Krieges zerstört wurde, sind meine Familie und ich in die Region Tscherkassy gezogen. Wir leben jetzt in einem alten Haus, aber wir versuchen, es gemütlich einzurichten.
– Erinnern Sie sich noch an den 24. Februar?
– Ich erinnere mich an den Tag. Ich hatte gerade meine Schicht bei der Arbeit beendet. Es war spät und es fuhr kein Bus mehr, also nahm ich eine Mitfahrgelegenheit nach Hause. Ich habe nicht wirklich geglaubt, dass der Krieg beginnen würde. Und dann, ich weiß die genaue Zeit nicht mehr, flogen 28 russische Hubschrauber über unser Haus. Ich rannte aus dem Haus, meine Kinder auch. Die Hubschrauber flogen über uns hinweg und ich sah, wie sie über dem Flughafen von Hostomel kreisten und schossen. Sie flogen sehr niedrig, etwa einen Meter über den Baumwipfeln. Als ich jung war, habe ich bei der Luftwaffe gedient, also habe ich Flugzeuge im Tiefflug gesehen, aber ich habe noch nie Hubschrauber so tief fliegen sehen… Später sanken sie noch tiefer, fast bis zum Boden, und flogen über den Fluss in Richtung des Flughafens von Hostomel.
– Haben Sie die Landung der russischen Armee in Hostomel gesehen?
– Ja. Die ersten zwei oder drei Hubschrauber schwebten über dem Flughafen, die anderen kreisten am Himmel, warfen die Fallschirmspringer ab und begannen zu landen. Das dauerte etwa 20 Minuten: Sie warfen die Fallschirmspringer ab, es gab ein Feuergefecht, und dann flogen sie weg.
– Haben Sie außer den Hubschraubern russische Flugzeuge gesehen?
– Nun, ich habe die Hubschrauber gesehen, aber ich habe auch ihre Flugzeuge gesehen. Sie waren weit weg, ich weiß nicht, wem sie gehörten, aber sie kamen von der russischen Seite. Sie erreichten die Irpin-Brücke und flogen zurück, also glaube ich, dass es ihre Flugzeuge waren.
– Was passierte in den folgenden Tagen?
– Es gab Schießereien, unsere Armee und ihre Ausrüstung waren in Moschun. Meine Tochter und ihre Kinder fuhren weg, meine Frau und ich blieben. Später, am 6. März (2022), wurden wir evakuiert.
– Haben die Russen Moschun in den ersten Tagen der Invasion bombardiert?
– Ja, sie haben uns bombardiert. Eine Granate traf meinen Balkon, er stand in Flammen, überall lagen Trümmer. Ich habe das Feuer gelöscht. Aber im Großen und Ganzen wurde das Haus später, als wir das Dorf verließen, zerstört.
– Warum wurden Sie in den ersten Tagen der Invasion nicht evakuiert?
– Nun, wir wollten nicht weg. Am Anfang sind viele Leute hiergeblieben. Aber als unsere Militärs ihre Ausrüstung brachten, sagten sie uns, wir sollten gehen. Also sind wir gegangen.
– Wie sind Sie dem Beschuss entkommen?
– Meine Frau und ich versteckten uns immer in unserem Keller. Eines Tages schlug eine Bombe im Haus unseres Nachbarn ein, als ich gerade vorbeikam.
– War es emotional schwer, den Beschuss zu ertragen?
– Um ehrlich zu sein, war es emotional leichter, als der Beschuss tatsächlich stattfand. Erst jetzt begann ich, den ganzen Schrecken zu spüren. Damals fühlte ich nichts.
– Wurde Ihr Eigentum beschädigt?
– Alles, was ich hatte, ist weg! Als ich evakuiert wurde, hatte ich nur ein Paar Hosen, Schuhe, eine Jacke und meine Papiere. Mehr hatte ich nicht. Alles, was ich hatte, wurde vernichtet.

Zerstörtes Haus von Petro Neschadym in Moschun
– Was sind Ihre Pläne?
– Wir werden sehen. Wir werden Schritt für Schritt wieder aufbauen, aber zuerst muss der Krieg vorbei sein. Während des Krieges, wer weiß, was wir tun werden. Aber wir werden versuchen, das Haus wieder aufzubauen.
– Glauben Sie, dass alles gut wird?
– Natürlich glaube ich das! Ich bin ein Baumeister. Ich habe mein Haus gebaut, also werde ich auch ein anderes bauen. Das Wichtigste ist Gesundheit und dass der Krieg aufhört. Wir haben nicht viel Geld, aber wir werden Schritt für Schritt ein neues Haus bauen.
– Hilft Ihnen die Regierung?
– Wie kann sie mir helfen? Sie haben mir einmal 6600 UAH (ca. 160 EUR) gezahlt und uns mit Lebensmitteln geholfen, aber das war es auch schon. Die Einheimischen helfen meiner Familie übrigens sehr. Sie haben uns zum Beispiel mit Möbeln geholfen…
– Gab es viele zivile Opfer in Moschun?
– Ja, es gab viele Tote. Ich kenne eine Person, deren Mutter sehr schwer an Kopf und Hals verletzt wurde. Sie hat dann Selbstmord begangen, sie hat sich aufgehängt. Ich kenne diese Geschichte. Und Sie können sich nicht vorstellen, wie viele solcher Geschichten ich von anderen gehört habe… Viele Menschen sind gestorben oder verschwunden.
– Glauben Sie, dass die russischen Truppen absichtlich Wohnhäuser bombardiert haben?
– Ja, natürlich! Aber unsere Soldaten waren auch dort und unsere militärische Ausrüstung war in der Nähe, also haben die russischen Truppen dort geschossen.
– Haben die russischen Truppen in Moschun geplündert?
– Ja! Zum Beispiel wurde die Haustür meines Hauses mit einer Axt eingeschlagen. Bei meinem Nachbarn wurde das Schloss herausgeschossen. Einem anderen Nachbarn wurden alle Kleider gestohlen, auch alle Schuhe seiner Frau. Sie haben alles gestohlen, was sie finden konnten. In alle Häuser wurde eingebrochen.
– Hätten Sie sich vor dem Krieg vorstellen können, dass Russland eine groß angelegte Invasion starten könnte?
– Daran habe ich nicht gedacht. Ich dachte: „Wird er (Putin) das wirklich tun?“ Ich dachte, das würde höchstens im Donbas passieren.
– Hat sich Ihre Einstellung zu den Russen verändert?
– Auf jeden Fall! Obwohl ich Verwandte dort habe – meine Neffen – hat sich meine Einstellung zu Russland völlig verändert.
Das Interview wurde von der Charkiwer Menschenrechtsgruppe vorbereitet und von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte übersetzt.