
„Die Menschen in den zerstörten Häusern schrien, und niemand durfte ihnen helfen“
Interview vom 16.01.2023
Oleksij Sidorenko
Sergiy Vitkovskiy wurde nicht aus Borodjanka (Region Kyjiw) evakuiert, weil er seinen Hund, einen riesigen Alabai, nicht zurücklassen konnte. Sergiy erzählt, wie die russischen Truppen niemandem erlaubten, Menschen aus den zerstörten Häusern zu retten, und wie sein Freund auf offener Straße erschossen wurde.

Mein Name ist Sergiy Vitkovskiy. Ich bin 1958 geboren. Ich wohne in Borodjanka, Region Kyjiw. Ich war Flugzeugingenieur und bin jetzt pensioniert.
– Haben Sie einen umfassenden Krieg erwartet?
– Ich war mir sicher, dass das passieren würde, wenn ich an die vielen Kriegsübungen in Belarus denke. Natürlich konnte ich das Datum nicht wissen, aber aus irgendeinem Grund schien mir, dass es passieren musste, da ich unsere „freundlichen“ Nachbarn kannte. Wir bereiteten uns langsam vor, aber ich kann nicht sagen, dass wir zu 100 % bereit waren.
– Beschreiben Sie bitte den ersten Tag des Krieges.
– Am 24. Februar wachte ich auf und musste zur Arbeit. Ich hatte das Auto schon gestartet und wollte losfahren. Plötzlich hörte ich seltsame Geräusche, wie Explosionen. Und es war so laut wie Kanonendonner. Ich weiß nicht mehr wie der Tag endete. Am nächsten Tag versuchten die russischen Truppen nach Borodjanka vorzudringen. Sie wurden von den ukrainischen Territorialverteidigungskräften empfangen und es kam zum Kampf. Heute ist das alles vergessen und verworren, ich weiß nicht mehr genau, was passiert ist. Aber damals wurde viel (russisches) Militärgerät zerstört.
Dann sahen wir Kolonnen (russisches Militärgerät). Die Kolonnen waren so lang, dass sie sich 2-3 Stunden ununterbrochen bewegten. Wir schrieben dem Chatbot unserer Armee, dass wir die Kolonnen gesehen hatten, wo sie waren und in welche Richtung sie sich bewegten. Es war nicht ganz klar, wohin genau sie gingen, weil sie ständig die Richtung änderten. Ich traute mich nicht aus dem Haus, um sie zu sehen, weil ich Angst hatte.
Etwa drei bis vier Tage später rief ich die ukrainischen Territorialverteidigungskräfte an und teilte ihnen mit, dass (russische) Truppen kommen würden. Und sie sagten: „Wir wissen, dass Borodjanka schon besetzt ist“. Aber sie (die russischen Truppen) hatten noch nicht das ganze Dorf besetzt. Sie hatten nur ihre Kontrollpunkte errichtet. Und wenn ihre Militärkolonnen vorbeikamen, schossen sie aus ihren Panzern und Schützenpanzern auf die Häuser. Sie flogen auch Hubschrauber und Kampfflugzeuge. Sie bombardierten ein Öllager. Ich sah nach und alles brannte. Das konnten wir von unserem Haus aus sehen. Es war sehr gefährlich, auf die Straße zu gehen.
Ich erinnere mich auch an ein Gefecht nicht weit von uns. Dort wurden die Mannschaftstransportwagen und „Grads“ in Brand gesteckt und die Munition explodierte. Es war sehr laut und wir hatten uns im Keller versteckt. Wir wussten nicht, wo und was für Granaten flogen. Und am 1. März gegen 16 Uhr kam der erste Luftangriff. Eine Bombe traf ein Haus. Das Haus wurde beschädigt, aber nicht ganz zerstört. Später rief mich mein Nachbar an und sagte, dass seine Mutter im Haus sei. Er bat mich, sie zu suchen.
Kurz bevor er anrief, gab es einen zweiten Luftangriff und die Bombe zerstörte das Haus. Es brannte und die Leute liefen überall hin. Ich suchte die Frau und fand sie erst nach einer halben Stunde. Es war dunkel, nur das Feuer erhellte den Raum. Die Frau war völlig geschockt.
Ich wollte sie zu meiner Schwester bringen, um in ihrem Keller Schutz zu suchen. Aber da diese Frau gerade fast in ihrem eigenen Keller gestorben war, hatte sie Angst, sich wieder dort zu verstecken. Dann rief meine Schwester an und sagte: „Unser Haus wurde auch getroffen“. Also habe ich die beiden an diesem Tag mit zu mir genommen. Später gab es wieder einen Luftangriff…
Um den 3. März schickte ich meine Schwester und die Kinder zur Evakuierung. Sie fuhren mit dem Auto, meine Frau und ich blieben zurück. Sie schafften es, das Dorf zu verlassen. Es gab Situationen, in denen die Leute versuchten, das Dorf zu verlassen, und die russischen Truppen auf die Autos schossen. Es gab zwei oder drei Autos, in denen Menschen getötet wurden. Damals prüften sie (die russischen Truppen) nicht die Häuser, sondern richteten nur ihre Kontrollpunkte ein.
Und am 9. März begannen sie, die Häuser zu prüfen. Ich war zu Hause. Mein Hund fing an zu bellen und ich sah ihre Helme neben der Tür. Ich rannte schnell los, um das Tor zu öffnen, denn ich hatte Angst, dass sie meinen Hund erschießen würden. Der Hund mag Fremde nicht besonders. Ich habe ihn schnell in das Hundegehege gesperrt. Und sie gingen in den Hof.
Etwa fünf ihrer Militärfahrzeuge sind in unsere Straße gefahren. Ungefähr acht Soldaten kamen in meinen Hof. Ich glaube drei davon waren Burjaten. Ich fragte sie: „Woher kommt ihr?“ Jemand antwortete: „Aus Russland.“ „Es gibt kein Russland“ entgegnete ich (gemeint war, dass es kein Russland gibt, sondern die Russische Föderation). Sie antworteten nicht. Ich fragte noch einmal: „Was suchen Sie?“ Sie antworteten: „Wir müssen das Haus nach Waffen durchsuchen“. Sie durchsuchten alles. Ich hatte eine Schrotflinte im Keller, zum Glück hatte ich sie vorher mit etwas zugedeckt. Ich fragte sie: „Wofür kämpft ihr?“ Sie antworteten nicht. Sie haben nicht einmal den Keller durchsucht, sie haben nur hingeschaut und sind gegangen.
Dann kam ein Offizier auf mich zu. Wir haben uns etwa 20 bis 30 Minuten unterhalten. Ich fragte ihn: „Warum kämpfen Sie gegen Zivilisten?“ Er antwortete: „Wir töten keine Zivilisten“. Ich sagte: „Wie kommt das? Schauen Sie sich doch an, was Sie angerichtet haben: überall zerstörte Häuser…“. Er antwortete: „Euer Militär hat das getan“. Und ich sagte: „Unser Militär schießt nicht auf das eigene Volk“.
Er fragte mich, wie wir in der Sowjetunion gelebt hätten. Ich sagte: „1937 gab es Repressionen. 1986 – die Katastrophe von Tschernobyl mit euren dummen Experimenten… Und wann sind Sie geboren?“ Er antwortete: „1986“. Ich fragte ihn: „Was wissen Sie dann überhaupt über die Sowjetunion?“ Er antwortete: „Na ja, meine Eltern haben mir davon erzählt…“ Ich fragte ihn noch einmal: „Warum sind Sie in unser Land gekommen?“ Er antwortete: „Wir brauchen euer Land nicht, wir wollen eure Regierung und euren Präsidenten ändern“. Ich fragte: „Warum? Wenn wir wollen, wechseln wir die Regierung und den Präsidenten selbst. Im Gegensatz zu Ihnen“.
Das Wichtigste für mich war, dass sie den Hund nicht erschossen haben. Natürlich war das ganze Gespräch beunruhigend und unangenehm. Niemand wusste, was in ihnen vorging. Ich wollte ihnen nicht zeigen, dass ich Angst hatte. Dann gingen sie durch die anderen Straßen und kontrollierten die Häuser. Wir sollten weiße Tücher an die Häuser binden, um zu zeigen, dass dort Zivilisten wohnen. Und später begann der Horror.
Später zeigte sich das wahre Gesicht der russischen Armee. Sie waren ungewaschen und dreckig. Sie fingen an, Garagen zu öffnen, Türen von Häusern und Wohnungen aufzubrechen und mit fremden Fahrrädern herumzufahren. Sie plünderten und stahlen, was sie finden konnten.
– Welche anderen Verbrechen begingen die russischen Truppen?
– Mein Freund wurde getötet. Er ging zu Fuß und bat (die russischen Truppen) um eine Zigarette. Sie gaben ihm eine Zigarette und dann schossen ihm in den Rücken. Er lag die ganze Nacht auf der Straße, dann kam er nach Hause und starb. Es kam vor, dass Leute in Häusern festsaßen, die durch Luftangriffe zerstört worden waren, weil die Treppenhäuser zerstört waren.
Sie konnten nicht herunterkommen, niemand half ihnen. Sie haben geschrien, aber niemand durfte ihnen helfen.
Es gab viele Fälle, in denen Menschen unter den Trümmern waren, aber niemand sie retten konnte. Und es gab eine Situation, in der eine Frau Schreie in einem zerstörten Gebäude hörte. Es gab ein Loch in dem Gebäude, und diese Frau brachte Essen und Wasser dorthin und versorgte diejenigen, die nicht aus dem Gebäude herauskamen. Als die russischen Truppen schließlich abzogen konnten diese Menschen gerettet werden.

Zerstörtes Borodjanka
– Warum haben Sie nicht evakuiert?
– Wir dachten, es würde schwierig werden, mit unserem Hund zu evakuieren. Wir beschlossen, zu Hause zu bleiben. Es war eine Grundsatzfrage. Ich sagte, ich würde nirgendwo hingehen. Wenn mein Haus so beschädigt wäre, dass ich nicht mehr darin leben könnte, würde ich natürlich gehen. Aber da es intakt war, konnten wir dort leben.
– Wurde Ihr Haus beschädigt?
– Ich hatte einen Raum aus Porenbeton. Eine Wand ist fünf Zentimeter verschoben. Wahrscheinlich wurde das Dach bei der Explosion angehoben, die Wände wurden durch die Explosion zerrissen und dann fiel das Dach herunter. Eine Wand ist eingerissen, eine andere scheint intakt zu sein. Eine weitere Wand ist nicht eingestürzt, steht aber kaum noch. Das Dach der Werkstatt wurde durch einen Granatsplitter beschädigt, der auf das Dach des Hauses flog. Bei den Fenstern hat sich die Gipskartonplatte gelöst. Das ist der einzige Schaden. Wenn es mehr Schäden gäbe müssten wir das Haus verlassen.
– Wann wurde Borodjanka befreit?
– Am 31. März sind sie (die russischen Truppen) abgezogen. Sie plünderten, sie nahmen den Einheimischen die Autos weg. Sie fuhren mit ihren Lastwagen vor und beluden sie mit Diebesgut: von Toiletten bis zu Kinderwagen. In der Nähe gab es eine Reifenwerkstatt, also haben sie dort alles gestohlen. In der Nähe tankten sie auch ihre Panzer und Mannschaftstransportwagen auf. Ab und zu schossen sie. Wir haben nicht viel darauf geachtet. Dann kamen Hubschrauber und schossen auch.
Am 31. März haben sie morgens von einer Parallelstraße aus geschossen und Granaten sind über unsere Häuser geflogen. Mittags schossen sie wieder, dann war alles ruhig. Sie begannen, ihre Sachen einzuladen. Dann explodierte etwas und sie rannten einfach los! Sie haben ganz schnell angefangen zu packen. Sie haben sogar den Tankwagen angezündet. Zwei Räder des Lastwagens wurden abgerissen. Der Soldat schafft es, ein Rad zu wechseln, aber er zog die Muttern nicht an. Der Offizier schrie ihn an: „Lass das, zünde es an und lass uns gehen. Sonst haben wir keine Zeit mehr zu fliehen“. Sie gingen, und dann gab es eine furchtbare Explosion: Sie hatten die Brücke gesprengt. Und dann war alles still. Wir konnten nicht glauben, dass nicht mehr gekämpft wurde, dass sie geflohen waren. Am nächsten Tag kam die ukrainische Armee ins Dorf. Und wir haben ihnen diesen ausgebrannten Tankwagen gegeben.
– Haben Sie irgendwelche Pläne für die Zukunft?
– Ich möchte leben. Ich bin pensioniert und möchte noch arbeiten. Ich mache etwas Hausarbeit. Ich muss Geld verdienen.
– Hat sich Ihre Einstellung zu den Russen geändert?
– Ich sage Ihnen was. Vor vielen Jahren habe ich mit Russen zusammengearbeitet. Die haben immer auf uns herabgeschaut. Für sie waren wir immer „chochly“ (so die abwertende Bezeichnung der Russen für die Ukrainer). Ich habe mit Kasachen studiert, mit verschiedenen Nationalitäten aus der ganzen Sowjetunion, und alle haben uns als Gleichwertige behandelt. Aber die Russen nicht. Nach der Unabhängigkeit unseres Landes haben wir das noch stärker gespürt. Ich habe acht Jahre in der Mongolei gearbeitet, auch dort gab es Russen. Ich habe mich nicht mit ihnen gestritten, aber ich habe mich von ihnen ferngehalten. Jetzt mache ich sie kollektiv verantwortlich für das, was sie uns angetan haben. Es ist unmöglich mit ihnen zu reden, sie sind Zombies. Aber sie stritten nicht mit uns, weil sie gesehen haben, dass ihre Führer sie auf dem Schlachtfeld im Stich gelassen haben. Als sie sahen, dass wir gute Straßen in unseren Dörfern und Toiletten in unseren Häusern haben, war das ein absoluter Schock für sie. Was für Wilde!
Das Interview wurde von der Charkiwer Menschenrechtsgruppe vorbereitet und von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte übersetzt.