Kommentar zur Hinrichtung

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) ist seit fast dreißig Jahren mit eigenen Sektionen in Armenien und Aserbaidschan vertreten und führt Projekte zur Stärkung der Zivilgesellschaft durch. In einem Brief an den Präsidenten der Republik Aserbaidschan Ilham Aliyev und den Präsidenten der Republik Armenien Armen Vardanovich Sargsyan hat die Menschenrechtsorganisation erst kürzlich ihre Besorgnis über die neuerliche militärische Konfrontation zwischen beiden Ländern ausgedrückt.

Nach der Hinrichtung Kriegsgefangener, pogromartiger Stimmung in türkischen Städten und Angst vor erneuter Vertreibung. Warum die NATO dem Treiben der Türkei ein Ende bereiten muss. Ein Kommentar: 

Frankfurt am Main, 22. Oktober 2020

Die kriegerischen Auseinandersetzungen im Südkaukasus zwischen den ehemaligen Sowjetrepubliken Armenien und Aserbaidschan eskalieren trotz der kürzlich verkündeten Waffenruhe. Bei Angriffen des aserbaidschanischen Militärs in Nähe der Stadt Hadrut im flachem Süden von Berg-Karabach kam es zu einer auf Video dokumentierten Hinrichtung zweier armenischer Kriegsgefangener.

Die Echtheit der Videos, die ab dem 15. Oktober 2020 im aserbaidschanischen Fernsehen ausgestrahlt wurden, ist vom Experten-und Analyse-Netzwerk Bellingcat bestätigt worden. Das aserbaidschanische Verteidigungsministerium ließ anschließend verlauten, dass die Videos nicht echt sondern gestellt seien. Die Experten von Bellingcat, ein unabhängiges internationales Kollektiv von Forschern, Ermittlern und Bürgerjournalisten, kommen jedoch zu dem Schluss, dass die Analyse darauf hindeutet, „dass es sich bei diesen beiden Männern tatsächlich um armenische Kämpfer handelte, die zwischen dem 9. und 15. Oktober von aserbaidschanischen Soldaten, möglicherweise Spezialeinheiten, gefangen genommen und wahrscheinlich kurze Zeit später hingerichtet wurden.“

Die Hinrichtung der beiden Armenier dokumentiert eindeutig ein schweres Kriegsverbrechen und ist auf das Schärfste zu verurteilen. Die neo-imperiale Expansionspolitik Präsident Erdogans trägt wieder Früchte in einer weiteren Region der Welt. Kriegsverbrechen wie die Hinrichtung dieser Menschen in Berg-Karabach sind die Folge der massiven Unterstützung der Türkei für Aserbaidschan, wie z.B. durch den Einsatzes dschihadistischer Söldner. Es ist zu befürchten, dass in Bergkarabach ein weiterer dauerhafter Krisenherd geschaffen wird.

Die Armenier befürchten zurecht aus Bergkarabach vertrieben zu werden, wenn nicht gar Schlimmeres. Üble Erinnerungen an den Völkermord von 1915 werden geweckt. In vielen türkischen Städten herrscht bereits pogromartige Stimmung gegenüber den wenigen verbliebenen Armeniern. Die Armenier in Deutschland und der restlichen Welt beobachten mit großer Angst das Geschehen in der Region. Armenien und Bergkarabach werden nicht nur als historische Feinde der Türkei und Aserbaidschans dargestellt. Sie gelten auch strategisch als Hindernis für die Zusammenführung der Turkvölker im Kaukasus unter Führung ihres vermeintlichen Präsidenten Erdogan. Die NATO als Wertebündnis muss dem Treiben ihres Mitglieds Türkei ein Ende setzen und notfalls die Mitgliedschaft der Türkei beenden. Ansonsten macht sie sich obsolet.

Vasilis Pavegos, Sprecher des Arbeitsausschuss Türkei und Mitglied des Vorstands der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM).

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