Iran: Wegsehen wäre Unrecht

Der Pastor Mohsen Kornelsen kommt ursprünglich aus dem Iran und berichtet, wie ihn das Leid der Menschen dort auch hier in Deutschland belastet.

Veröffentlicht am 14. Januar 2026

Ich kam aus dem Iran nach Deutschland – auf der Flucht vor Angst und Verfolgung.
Deutschland hat mir Schutz gegeben, Würde und eine neue Zukunft.
Hier habe ich den christlichen Glauben gefunden, studiert und bin Pastor geworden.
Ich bin Teil dieser Gesellschaft.
Meine Frau ist Deutsche, unsere drei Kinder sind hier geboren.
Deutschland ist mein Zuhause.

Und dennoch lebt meine Seele zwischen zwei Welten.

Denn meine Wurzeln liegen im Iran.
Dort sind meine Eltern.
Meine Mutter ist schwer krank – sie leidet an Krebs.
Seit mehr als 48 Stunden habe ich kein Zeichen von ihr.
Das Internet ist abgeschaltet.
Schweigen ersetzt Stimmen.
Ungewissheit ersetzt Hoffnung.
Diese Stille ist grausam.

Gleichzeitig gehen im Iran Menschen auf die Straße.
Nicht aus Hass – sondern aus Verzweiflung und Hoffnung.
Sie fordern Freiheit, Gerechtigkeit und ein Leben ohne Angst.
Sie zahlen dafür mit Freiheit, mit Blut, mit dem Leben.
Und die Welt reagiert zögerlich. Zu leise. Zu vorsichtig.

In diesen Tagen fühle ich mich wie Nehemia.
In Sicherheit – und doch innerlich zerbrochen.
Er hörte von der Zerstörung Jerusalems, setzte sich hin und weinte, betete und schwieg nicht.
Nehemia verstand:
Neutralität angesichts von Unrecht ist keine Weisheit – sie ist Versagen.
Auch ich kann und darf nicht schweigen.

Es zerreißt mich, zwischen zwei Leben zu stehen.
Mein Leben ist hier.
Mein Herz ist dort.
Zwischen Verantwortung und Sehnsucht, zwischen Dankbarkeit und Schmerz.
Aber eines weiß ich:
Freiheit ist unteilbar.
Menschenrechte sind nicht verhandelbar.
Und Würde kennt keine Grenzen.

Ich richte daher einen eindringlichen Appell an die deutsche Bundesregierung, an politische Entscheidungsträger, an Kirchen und an die Zivilgesellschaft:
Schauen Sie nicht weg.
Erheben Sie Ihre Stimme.
Nutzen Sie Ihren politischen Einfluss.
Setzen Sie sich klar und konsequent für die Menschen im Iran ein – für Freiheit, Schutz und Menschenwürde.

Und ich bitte die Menschen überall:
Betet.
Betet für meine Mutter.
Betet für die Familien, die ihre Kinder verlieren.
Betet für ein Volk, das nicht aufgibt.
Betet, dass aus Schweigen Gerechtigkeit wird und aus Angst Hoffnung.

Denn Geschichte wird uns nicht fragen, was wir wussten –
sondern, was wir getan haben.

Mohsen Kornelsen

Mohsen Kornelsen

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