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Lettland: “Wir wären ohne NATO nicht sicher”

Lettland: „Wir wären ohne NATO nicht sicher“

Eine Delegation der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) und des Bundes der Vertriebenen hielt sich im Juli 2016 zu einem offiziellen Besuch in Lettland auf. Neben Solvita Aboltina, Fraktionsvorsitzende der Christdemokraten im lettischen Parlament und ehemalige Parlamentspräsidentin, standen unter anderen der Bürgermeister der lettischen Hauptstadt Riga Nils Usakovs, zugleich Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Lettlands, sowie die ehemalige Ministerpräsidentin Laimdota Straujuma (in der Bildmitte) auf dem Programm.

Solvita Aboltina steht auf der „Schwarzen Liste“ Russlands. Das heißt, sie würde von den russischen Behörden keine Einreiseerlaubnis bekommen. Das darf Frau Aboltina durchaus als Auszeichnung empfinden. Mit ihr stehen 88 weitere westeuropäische Politiker auf dieser seit Mai 2015 geltenden Liste. Es handelt sich um Persönlichkeiten, die der russischen Politik kritisch gegenüberstehen, also zum Beispiel die Annexion der Krim und die Einmischung in der Ost-Ukraine verurteilen sowie die Menschenrechtsverletzungen in Putins Reich deutlich ansprechen.

Alle drei Politiker, wiewohl unterschiedlichen Parteien angehörend, betonten die Wichtigkeit von NATO und EU für Lettland. Die drei baltischen Länder Estland, Lettland und Litauen sind seit 2004 Mitglied der beiden Staatenbündnisse.

„Wir wären ohne die NATO nicht sicher, ob wir unsere Unabhängigkeit bewahren könnten“, unterstrich Ministerpräsidentin a. D. Straujuma. Bezug nehmend auf die Krim und die Ostukraine betonte sie, dass es im
21. Jahrhundert nicht akzeptiert werden könne, dass sich ein Staat Teile eines anderen Staates aneigne. Zu den Wirtschaftssanktionen meinte sie: „Wir müssen eine Reaktion zeigen, auch wenn Lettlands Wirtschaft leidet.“ Alle drei Politiker befürworteten die Stationierung von NATO-Truppen in Lettland bzw. im Baltikum.

Lange Zeit der Okkupation

Die lettische Abgeordnete und Vorsitzende der christdemokratischen Fraktion Solvita Aboltina im Austausch mit dem IGFM-Vorsitzenden Edgar Lamm.

Wer Lettland besucht, sollte in jedem Fall Station im Okkupationsmuseum und im KGB-Gebäude in Riga machen. Dort traf die IGFM-Delegation in Prof. Dr. Valters Nollendorfs eine wahrhaft historische Figur und einen wichtigen Zeitzeugen.

Auf der Flucht vor der Roten Armee hatte er 1944, als 13-Jähriger, seine Geburtsstadt verlassen. 1945 – 1949 besuchte er das Lettische Gymnasium Greven bei Münster. 1951 ging er zum Studium in die USA. Dort lehrte

er 1961 – 1995 als Germanistik-Professor an der Universität Wisconsin. Nach der Pensionierung kehrte er 1996 zurück nach Riga, um den Vorstandsvorsitz des Okkupationsmuseums zu übernehmen, den er bis heute innehat.

Das Museum dokumentiert die dreifache Besetzung Lettlands im vorigen Jahrhundert:
• Im Juni 1940 durch die Sowjetunion
• Im Juni 1941 durch das Deutsche Reich
• Im Juli 1944 erneut durch die Sowjetunion

Es zeigt den verhängnisvollen Hitler-Stalin-Pakt mit dem Geheimen Zusatzprotokoll vom 23. August 1939, der die drei baltischen Staaten der Sowjetunion auslieferte. Auch die rund 60.000 Baltendeutschen mussten ihre Heimat unmittelbar nach Abschluss des Paktes verlassen.

Die Massendeportationen nach Sibirien werden ausführlich dokumentiert. Eine große Karte zeigt die über die ganze Sowjetunion verteilten Gefangenenlager des Archipel Gulag. Eine Zeichnung aus dem Jahre 1941 illustriert einen mit Häftlingen überfüllten Güterwaggon.

Beunruhigend ist, dass Russland als Nachfolgestaat der Sowjetunion bis heute nicht die Rechtswidrigkeit der seinerzeitigen Annexion der baltischen Staaten anerkennt. Die Parallelen zur Krim-Annexion sind unübersehbar. Erst 1991 konnte Lettland seine volle Unabhängigkeit wieder erlangen. Die Letten wollen das 50-jährige Martyrium der Okkupation nicht vergessen. Das Okkupationsmuseum hat deshalb für sie einen
hohen Stellenwert, was auch daran deutlich wird, dass es häufig Teil des offiziellen Programms im Rahmen von Staatsbesuchen ist.

„Wir sind eine deutsche Stadt“

So begann Bürgermeister Nils Usakovs die Vorstellung Rigas in Erinnerung an die jahrhundertelange deutsche Tradition im Baltikum. Riga ist mit 700.000 Einwohnern die größte Stadt des Baltikums. Ein Drittel der zwei Millionen Letten lebt in der Hauptstadt.

Usakovs ist russischer Abstammung und mit einer Lettin verheiratet. 27 % der Letten haben russische Vorfahren. Entgegen manch anderem Kommentar sieht Usakovs darin kein sehr großes Problem. Im Alltag gebe es wenig Konflikte. Die russischen Medien hätten großen Einfluss in Lettland. Genau dies wurde von anderen Gesprächspartnern als bedenklich charakterisiert.

Der Bürgermeister kann mit Recht stolz sein auf seine Stadt. Riga macht einen durch und durch sympathischen und sicheren Eindruck. Dem Besucher aus dem Westen fällt auf, dass es dort keine No-go-

areas gibt. Seiner wunderbaren Altstadt hat Riga seit 1997 einen Platz auf der Weltkulturerbeliste der UNESCO zu verdanken. 2014 war Riga Kulturhauptstadt Europas.

Deutsch-Lettische Zusammenarbeit

Während der Sowjetzeit war die deutsch-baltische Geschichte tabu. Dieser gemeinsamen Geschichte widmet sich heute das Deutschbaltisch-Lettische Zentrum in Riga mit seiner rührigen Geschäftsführerin Nora Rutka. Hier werden regelmäßige deutsch-lettische Begegnungen organisiert und die kulturellen Beziehungen zwischen beiden Ländern gepflegt.
Die Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche in Lettland fördert die Kooperation auf Kirchengemeindeebene zwischen Deutschen und Letten. Sie hält regelmäßig Gottesdienst in der Jesus-Kirche in Riga.
Der humanitären Zusammenarbeit widmet sich die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM). Während des Aufenthaltes ihrer Delegation kam gerade der 94. Hilfstransport (seit 1991!) der IGFM-Arbeitsgruppe Wittlich in der Kreisstadt Tukums an.
Einen besonderen Dank richtete die Delegation an den Gründer der IGFM-Sektion Lettland Peteris Lazda und seine Familie. Gleich nach Erreichen der Unabhängigkeit 1991 wurde er für die IGFM aktiv. Die IGFM hatte sich während der Sowjetzeit für ihn eingesetzt als er politischer Häftling war. Lazda war eines der Opfer des berüchtigten Missbrauchs der Psychiatrie zu politischen Zwecken in der ehemaligen Sowjetunion.

Oben: Unweit des Okkupationsmuseums befindet sich das ehemalige KGB-Gebäude. Heute erinnert ein Museum an die zahlreichen Opfer des sowjetischen Geheimdienstes während der Besetzung Lettlands. Bei der Besichtigung der Zellen und des Hinrichtungsraums ist das Grauen auch jetzt noch spürbar.

Unten: Die Karte zeigt alle bekannten GULAG-Lager und die Haupttransportationsrouten in der UdSSR.

2019-01-24T16:06:54+00:00Donnerstag, Januar 24, 2019|