Nähkurse der IGFM in Flüchtlingscamps

Die IGFM betreibt seit Anfang 2016 das Nähmaschinenprojekt im Irak und hat schon hunderte Frauen ausgebildet. Die Nähkurse fungieren als Treffpunkt für die Teilnehmerinnen, ermöglichen ihnen ein Stück Unabhängigkeit sowie eine finanzielle Zukunft und können in gewissem Maße auch als Psychotherapie gesehen werden.
„Der Nähkurs ist mein einziger Lichtblick im Flüchtlingslager“
Masken gehören mittlerweile zum Alltag vieler Menschen. Das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes soll dazu beitragen, die Ausbreitung von Covid-19 einzudämmen. Überall auf der Welt werden Gesichtsmasken hergestellt – von Firmen, Privatpersonen und auch als Projekt der humanitären Hilfe. Die 27-jährige Suzan leidet an einer Blutkrankheit und lebt im Flüchtlingscamp Esyan im Nordirak. Während ihre Geschwister an der Universität Duhok studieren, ernährt sie ihre ganze Familie mit dem Verkauf von selbstgenähten Masken und Kleidung. Sie konnte im Jahr 2018 ihr eigenes Geschäft eröffnen, nachdem sie am Nähkurs der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) teilgenommen hatte.
Die in Frankfurt ansässige Menschenrechtsgesellschaft betreibt seit Anfang 2016 das Nähmaschinenprojekt im Irak und hat schon hunderte Frauen ausgebildet. Die Nähkurse fungieren als Treffpunkt für die Teilnehmerinnen, ermöglichen ihnen ein Stück Unabhängigkeit sowie eine finanzielle Zukunft und können in gewissem Maße auch als Psychotherapie gesehen werden. „Die Nähkurse stellen für viele Frauen die einzige Möglichkeit dar, das gewohnte Umfeld zu erweitern, Kontakte zu knüpfen und Neues zu lernen. Ohne die IGFM gäbe es in den Lagern kaum Nähkurse“, erklärt Khalil Al-Rasho, Leiter Naher Osten der IGFM.
Nofe kann ihre Kinder nun selbst ernähren
Die IGFM sammelt in Deutschland gespendete Nähmaschinen und bringt sie im Rahmen von Hilfstransporten in den Nordirak. In den Flüchtlingscamps Mam Rashan, Shekhan, Esyan, Baadre, Qadian und Dawdia wurden Nähstuben eingerichtet, in denen Lehrerinnen im Auftrag der IGFM Kurse geben, die etwa 75 bis 90 Tage dauern. Die IGFM stellt neben den Maschinen und den Lehrern auch die Stoffe. An der Ausbildung nehmen pro Kurs zwischen fünf und 25 Frauen teil. Auch in verschiedenen wilden Lagern finden sich kleine Gruppen von Frauen, die nähen. Seit Anfang März 2020 gibt es fünf verschiedene Frauen in unterschiedlichen Lagern, die Masken herstellen. Wie Khalil Al-Rasho berichtet, hat zum Beispiel jede Näherin im Camp Esyan 2.000 Masken produziert. Die siebenfache Mutter Nofe lebt in Shekhan in einem wilden Lager. Zwei ihrer Kinder, die neunjährige Dünja und der siebenjährige Diar, leiden an der so genannten Fischschuppen-Krankeit, bei der die Haut verhornt und entzündet ist. Nachdem Nofe an einem Nähkurs der IGFM teilgenommen hatte, erhielt sie eine Nähmaschine und Material. Nun kann sie ihre Kinder selbst ernähren und auch die notwendigen Medikamente für sie selbst bezahlen.
Nähkurse als Psychotherapie
Die Nähkurse geben den Frauen Hoffnung. Die meisten Teilnehmerinnen im Camp Qadian sind chronisch krank und können deswegen nicht zur Schule gehen. Andere sind vom IS befreit worden und traumatisiert, arbeitslos oder behindert. Einige Frauen werden von ihrer Familie stark unter Druck gesetzt und dürfen ihre Zelte ausschließlich für den Nähkurs verlassen. Nur hier kommen sie auch mit Frauen in Kontakt, die anderen Religionsgemeinschaften angehören. Der Kurs bietet ihnen somit ein Stück Normalität. Oft geht damit auch eine Verbesserung des psychischen Zustandes einher, da die Teilnehmerinnen glücklich sind, einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen. „Der Nähkurs ist mein einziger Lichtblick im Flüchtlingslager“, sagt eine Teilnehmerin. Parallel mit den Nähkursen führt die IGFM auch Aufklärungsseminare zu Themen wie Gesundheit, Erste-Hilfe, Verhütung oder Datenschutz durch.
Die meisten Seminare und Gespräche mit den Teilnehmerinnen der Nähkurse werden von Frauen geführt. Wenn die Frauen über verschiedene Themen aufgeklärt werden, verbreiten sie diese Informationen auch in der Familie. So erreichen die Informationen letzendlich viel mehr Personen als nur die Teilnehmerinnen der Nähkurse. „Nach Einstieg und Kennenlernen bei Nähkursen entscheiden sich viele Teilnehmerinnen auch an einem Alphabetisierungskurs teilzunehmen“, so Khalil Al-Rasho.
Ein wichtiger Schritt in die Selbständigkeit
Hilfe zur Selbsthilfe: Der Mund-Nasen-Schutz, der im Camp genäht wird, besteht aus einem Stoff, der dreifach zusammengenäht wird. Dadurch übersteht die Maske das Waschen sowie Bügeln und kann nachhaltig genutzt werden. Für 2.000 Masken erhalten die Näherinnen umgerechnet 100 Euro – das Geld reicht für den Lebensunterhalt einer achtköpfigen Familie ungefähr für einen Monat. Nach der Ausbildung machen einige Teilnehmerinnen selbstständig ein Geschäft auf, um ihre Familie zu ernähren und wagen damit einen Schritt in ein selbstbestimmteres Leben. Die IGFM unterstützt die Frauen dabei und stellt beispielsweise Tische, Nähmaschinen und Schränke zur Verfügung.
Veröffentlicht: Juni 2020
Die IGFM freut sich über Nähmaschinen-Spenden. Nähere Informationen erteilt Khalil Al-Rasho unter Naherosten@igfm.de.