Organraub in China

Für den dritten Abend der Veranstaltungsreihe zur Menschenrechtslage der Uiguren organisierten die IGFM, die Ilham-Tohti-Initiative und die Künstlergruppe „Wahrheitskämpfer“ am 12. März 2024 einen Vortragsabend mit einem zentralen Redebeitrag des uigurischen Chirurgen Dr. Enver Tohti. Die Veranstaltung behandelte besonders das Thema Organraub in der VR China. Zusätzlich berichtete der uigurische Aktivist Enver Can von seinem Lebensweg als Uigure.
Organraub in China – uigurischer Chirurg Enver Tohti berichtet
Bericht veröffentlicht am 5. April 2024
Die Volksgruppe der Uiguren sollte in China eigentlich kulturell durch das Gesetz geschützt sein. Die Realität sieht jedoch völlig anders aus. Im Nordwesten des Landes – in der Region Xinjiang, der Heimat der uigurischen Bevölkerung – kommt es zu Masseninternierung, Überwachung und Zwangsarbeit. Menschenrechtsorganisationen weltweit, sowie im Exil lebende Uiguren sprechen von einem kulturellen Genozid, der durch Zeugenaussagen immer mehr an die Öffentlichkeit gelangt.
von rechts: Valerio Krüger (IGFM), Enver Can (Enver Tohti Initiative), Susanne Köhler (Wahrheitskämpfer), Enver Tohti und Gerhard Keller (Wahrheitskämpfer)
Der ehemalige Chirurg Enver Tohti kommt aus dieser Gegend. Einer Gegend, in der die uigurische Bevölkerung, zu den am meisten überwachten Volksgruppen weltweit gehört. Einer Gegend in der die Angehörigen dieser Volksgruppe in Umerziehungslager gesteckt, gefoltert und ihrer Würde beraubt werden. Er selbst wurde in diese Gräueltaten involviert, in seiner damaligen beruflichen Position als Chirurg.
Nach einem kurzen Grußwort und einer thematischen Einführung durch IGFM-Mitarbeiter Valerio Krüger, sowie einer kurzen Vorstellung der Wahrheitskämpfer und ihrer Projekte zu Portraits ermordeter und verfolgter Journalisten und Journalistinnen, erhält der Gast aus London, Dr. Enver Tohti, das Wort. Vor seinem Vortrag, den Tohti durch eine visuelle Präsentation untermalt, wird das Publikum noch einmal vorgewarnt: Ein paar Szenen seien sehr explizit und sollten bei Sensibilität gegenüber Gewalt besser ignoriert werden – durch Augen verschließen oder wegsehen.

Tohti beginnt einsteigend mit ein paar Eckdaten – geo- wie auch biographisch – und bahnt sich so, zur Überwindung der Sprachbarriere von einer befreundeten Übersetzerin unterstützt, langsam den Weg zu dem Kernthema. Er berichtet von einem Tag, der weit in der Vergangenheit liegt, als er noch ein junger Chirurg am Railway Central Hospital außerhalb von Ürümqi war. An diesem Tag im Sommer des Jahres 1995 wurde er von Vorgesetzten angesprochen, ob er gerne einmal etwas Wildes machen wolle. Ungeahnt der Umstände sagte er zu und befand sich am nächsten Tag in einem Van, ausgestattet mit medizinischen Instrumenten und einem Bett.
Die Fahrt führte weit aufs Land in Richtung Westen und Tohti begriff allmählich, dass sie ihn zu der Hinrichtungsstätte im westlichen Gebirgsgebiet bringen würde. Der Van erreichte sein Ziel und er erhielt den Befehl erst nachzukommen, sobald Schüsse gefallen waren. Verängstigt, die Schüsse könnten als nächstes ihm, einem Uiguren, gedacht sein, wartete er im Wagen bis einzelne Gewehrsalven zu hören waren. Am Hinrichtungspunkt angekommen, bedeutete man ihm in Eile, sich einem der ungefähr 20 beschossenen Körper anzunehmen und ihm die Leber und beide Nieren zu entnehmen. Die Operation wurde ohne Betäubung durchgeführt, der Mann in Gefängniskleidung schien ohnehin nicht mehr am Leben zu sein. Als der Chirurg seine Schnitte setzte lief jedoch Blut aus den Adern – das Herz schlug noch, der Mann war noch nicht tot.
Laut Tohti wird durch die Gefangenenlager in Xinjiang und die lückenlose Überwachung der nicht inhaftierten Uiguren ein grausames System geschaffen, durch Menschen würden quasi auf Anfrage (Bestellung eines Organs) getötet. Die mitgebrachten Videos untermalen die beschriebene Grausamkeit, die sich mit medizinischem Kalkül vereint und welches Menschen auf Organträger reduziert.

Enver Tohti vor einer Grafik der chinesischen Regierung, die die angeblich freiwillig gespendeten Organe auflistet
Erst Jahre später berichtete Tohti, der zum Schweigen gezwungen wurde, bei einer Veranstaltung von Ethan Gutmann in Westminster von diesem düsteren Tag und von den Praktiken des Organraubs.
Am Abend des 12. März jedoch hält er den Vortrag in einer kleinen Räumlichkeit im Frankfurter Nordend vor rund einem Dutzend Zuhörerinnen und Zuhörern – doch diese Thematiken sind dafür bestimmt von einer breiten Öffentlichkeit gehört zu werden.
Dieser Meinung sind auch Susanne Köhler und Gerhard Keller von der Künstlergruppe „Wahrheitskämpfer“. Nach Enver Tohtis Vortrag stellt Gerhard Keller, stellvertretender Vorsitzender der Gruppe, das Leben und Wirken des wohl berühmtesten Uiguren und Sacharow-Preisträgers Ilham Tohti vor und plädiert für eine ähnliche Anerkennung der Person Ilham Tohtis, wie sie den Ikonen Martin Luther King und Nelson Mandela zuteilwerden.

Gerhard Keller und Susanne Köhler von den Wahrheitskämpfern mit einer Ausgabe der „kleinen Bibliothek“ zu Ilham Tohti
Im Anschluss und zum Abschluss des Abends trägt der uigurische Aktivist Enver Can seine Biographie vor. Er erzählt, wie er als Kind seine Heimat verlassen musste und ohne eine langfristige Bleibe über Afghanistan schließlich in die Türkei gelangte. Nach einem siebenjährigen Aufenthalt kam er nach Deutschland, um Arbeit zu finden. Er fand sie bei dem US-Sender „Radio Liberty“ in München, wo er auch mehr und mehr über die Geschichte seines eigenen Volkes erfuhr und schließlich den Entschluss fasste, sich für die Freiheit seines Volkes, das er so früh verlassen musste, einzusetzen.
Mittlerweile ist Can ein bekannter Aktivist. Er war maßgeblich an der Verleihung von mehreren Menschenrechtspreisen an Ilham Tohti beteiligt und ist Vorsitzender der Ilham Tohti Initiative, die sich für Tohtis Freilassung aus seiner lebenslangen Haft im chinesischen Staatsgefängnis und gegen das Vergessen seines Schicksals, sowie seiner vereinigenden Ideologie einsetzt.

Enver Can von der Ilham Tohti Initiative




