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Verletzung der Religionsfreiheit – wo ist die Lage am schlimmsten?

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Religionsfreiheit: Weltweiter Überblick

Christen stellen von Nordafrika bis in den Mittleren Osten (mit Ausnahme des Libanon) nur kleine und kleinste Minderheiten – das macht sie besonders verwundbar. Das Bild zeigt einen Blick aus einem Gemeindehaus im Nordirak am 25. Dezember 2016: Muslimische Kurden schützen einen Weihnachtsgottesdienst. Die kurdische Regionalregierung bemüht sich um Sicherheit und Freiheit der einheimischen und der geflohenen Christen. Doch auch unter Kurden gibt es eine islamistische Bewegung. Zudem sitzt das Misstrauen der geflohenen Christen gegenüber ebenfalls geflohenen arabischen Muslimen tief. Viele arabische Sunniten hatten sich an Übergriffen und Plünderungen des „Islamischen Staates“ gegen religiöse Minderheiten beteiligt. Bild: IGFM

Verletzung der Religionsfreiheit – wo ist die Lage am schlimmsten?

Wo sind die Einschränkungen der Religionsfreiheit erheblich, wo ist die Situation besonders schlimm – wo am schlimmsten? Das ist bei näherer Betrachtung sehr viel komplizierter als man zunächst annehmen mag. Ein zentraler Punkt dabei ist, dass es keine objektiven Kriterien gibt, um die verschiedenen Formen von Diskriminierung und Verfolgung zu gewichten. Die IGFM sieht in Gewalt die mit Abstand schwerwiegendste Form von Verfolgung und zwar in allen seinen Formen von körperlichen Angriffen über willkürliche Haft, Verschleppung von Mädchen und Frauen, Folter, Pogrome bis zum Mord. Nach Ansicht der IGFM sollte daher bei der Betrachtung, wo die Situation am schlimmsten ist, Gewalt besonders stark gewichtet werden. Andere Beobachter werten Gewalt deutlich geringer. Das aus den Niederlanden stammende internationale christliche Hilfswerk Open Doors lässt den Faktor Gewalt nur zu einem Sechstel in seine Bewertung einfließen.

Die meisten Staaten, in denen Christen wegen ihres Glaubens leiden, kann man im Wesentlichen zwei Gruppen zuordnen. In der größeren der beiden Gruppen stehen menschenrechtsfeindliche, religiöse Überzeugungen im Vordergrund: Vor allem konservative Auslegungen des islamischen Rechts, islamistisch geprägte Regierungen, Gesellschaften und Gruppen – aber auch extremistische Hindus und Buddhisten. Auf der anderen Seite stehen die verbliebenen Einparteien-Diktaturen kommunistischer Prägung wie China, Kuba, Laos, Nordkorea und Vietnam.

Eine Sonderrolle nehmen Kriegsgebiete ein wie z. B. der Südsudan. Dort verüben Christen wechselseitig völkermordartige Gewaltexzesse an Christen anderer Ethnien. Der Glaube der Opfer spielt dabei keine Rolle. Diskriminierung, Übergriffe und Verfolgung von Christen gibt es aber keineswegs nur in „gescheiterten Staaten”, Bürgerkriegsgebieten und Entwicklungsländern wie dem Irak oder Somalia, sondern auch in sehr wohlhabenden Golfstaaten wie Saudi-Arabien.

Wo Christen leiden, leiden immer auch andere – und umgekehrt

Dort wo Menschenrechte generell am stärksten verletzt werden, gilt das in aller Regel auch für die Rechte religiöser Minderheiten und damit auch für Christen. Arbeiten, die sich nicht unmittelbar mit der Religionsfreiheit von Christen auseinandersetzen, können daher trotzdem einen ungefähren Anhalt über die Lage christlicher Minderheiten geben. Selbstverständlich lässt sich an der Schwere anderer Menschenrechtsverletzungen nicht eins zu eins die Diskriminierung oder Verfolgung von Christen ablesen, aber sie spiegeln in guter Näherung die Schwere des Problems wieder. Grundsätzlich hat sich gezeigt: Dort wo Christen wegen ihres Glaubens entrechtet werden, leiden ebenso auch andere Menschen – und nur dort wo alle Menschen ihre Freiheit genießen, können es auch Christen. Beides lässt sich nicht trennen. Die Situation für Christen lässt sich dauerhaft nur verbessern, wenn sie für alle besser wird.

Nachfolgend sind die bekanntesten Ranglisten aufgeführt, die einen näheren Bezug zum Thema haben, auch wenn nur eine einzige davon sich ausschließlich auf die Situation von Christen bezieht.

Weltverfolgungsindex 2019 (Open Doors)

Der Weltverfolgungsindex von Open Doors ist die einzige jährlich durchgeführte systematische Untersuchung zur Religionsfreiheit von Christen. Er befasst sich ausschließlich mit der Situation von Christen, sodass z. B. der gegenwärtige Völkermord an den muslimischen Rohingya durch Buddhisten in Myanmar nicht thematisiert wird.

Der Index gibt einen raschen Überblick über die Brennpunkte der Christenverfolgung sowie vertiefte Informationen zu einer Vielzahl von Ländern. Allerdings kommen andere Beobachter bei einzelnen Ländern zu anderen Einschätzungen. Ein Grund dafür ist die Berechnungsgrundlage der Rangliste. Dabei kann u.a. die Situation sehr kleiner Gruppen innerhalb aller Christen eines Landes relativ stark gewertet werden.

Bei einigen der berücksichtigten Kriterien können problematische Ergebnisse in die Auswertung einfließen. z. B. haben sich in Saudi-Arabien die Behörden niemals geweigert, einem ehemaligen Muslim den Übertritt zum christlichen Glauben in dessen Personalpapieren einzutragen – allerdings nicht, weil Saudi-Arabien in dieser Hinsicht liberal ist. Die Lage ist im Gegenteil so furchtbar, dass niemand einen solchen Versuch unternehmen würde; es wäre glatter Selbstmord. Vor allem aber fließt Gewalt in nur geringem Maß in die Rangliste ein. Ein Beispiel: Würde man den Fragenkatalog auf die Situation der Juden in Deutschland Mitte der 30er Jahre anwenden, wäre das Ergebnis eine sehr hohe Punktsumme, die einen hohen Grad an Verfolgung widerspiegelt. Das Ergebnis wäre aber nach der Errichtung von Auschwitz annähernd unverändert. Die maximal mögliche Punktzahl würde sogar nie erreicht werden, trotz Vernichtungslager. Denn die ermordeten Juden litten z. B. nicht unter Verfolgung durch die eigene Familie.

Der jährliche Bericht ist in jedem Fall außerordentlich lesenswert und enthält eine große Fülle von interessanten Informationen zur Lage von Christen in vielen Ländern.

www.opendoors.de/christenverfolgung/weltverfolgungsindex

„Freedom in the World 2019“ (Freedom House)

Freedom House ist eine internationale Nichtregierungsorganisation (NGO) mit Hauptsitz in Washington, D.C. in den USA. Sie ist vor allem durch zwei jährliche Berichte bekannt: „Freiheit in der Welt“ und „Freiheit der Presse“, die beide in englischer Sprache veröffentlicht werden. Der Bericht „Freedom in the World 2019“ untersucht und bewertet die Situation der tatsächlichen Freiheit der Bürger in 195 Ländern und 14 Territorien. Jedes davon wird anhand von 25 Indikatoren untersucht, zu denen Punkte vergeben werden, die in den Bereichen der politischen Rechte und der bürgerlichen Freiheitsrechte insgesamt zu Wertungen zwischen 1 (besonders gut) und 7 (am wenigsten frei) führen. Diese Wertungen führen dann zu einer Einordnung in nur drei Gruppen: frei, teilweise frei und nicht frei. Die jeweiligen Berichte enthalten sehr ausführliche Informationen über die aktuelle Situation und Entwicklungen.

https://freedomhouse.org/report/freedom-world/freedom-world-2019

Rangliste der Pressefreiheit 2019 (Reporter ohne Grenzen)

Die ursprünglich aus Frankreich stammende Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen (ROG) vergleicht jährlich die Situation für Journalisten und Medien in 180 Staaten und Territorien im zurückliegenden Kalenderjahr. Grundlage der Rangliste ist ein Fragebogen mit inzwischen 71 qualitativen Fragen in sechs Kategorien zu unabhängiger journalistischer Arbeit. Außerdem die von ROG ermittelten Zahlen von Übergriffen, Gewalttaten und Haftstrafen gegen Journalisten. Daraus ergeben sich für jedes Land Punktwerte, die im Verhältnis zu den Werten der übrigen Länder die Platzierung in der Rangliste bestimmen.

https://www.reporter-ohne-grenzen.de/rangliste/2019/

Fragile States Index 2019 (Fund for Peace)

Die US-amerikanische Denkfabrik Fund for Peace publiziert seit 2005 zusammen mit der Zeitschrift Foreign Policy den „Fragile States Index“ (FSI), früher “Failed States Index“. Der Bericht versucht die Verletzlichkeit eines Staates mit Blick auf Konflikte und Kollaps einzuschätzen. Der Index betrachtet alle souveränen Staaten, die den Vereinten Nationen angehören, sofern ausreichend Daten vorhanden sind. Das Ranking beruht auf 12 Indikatoren, denen jeweils Punkte von 0 bis 12 zugeordnet werden:

https://fundforpeace.org/2019/04/10/fragile-states-index-2019/

„Globale Einschränkungen von Religionen” (PEW)

Das Pew Forum on Religion & Public Life, ein Projekt des Pew Research Centers (PEW) in Washington, D.C., hat seit 2009 in unregelmäßigen Abständen mehrere Berichte über die Lage der weltweiten Religionsfreiheit veröffentlicht, die international sehr starke Beachtung gefunden haben. Auch weil sich PEW sonst durch umfangreiche eigene Untersuchungen einen Namen gemacht hat und der Ansatz bei ihren Berichten unter dem Titel „Globale Einschränkungen von Religionen” interessant ist. Das Pew Research Center versucht Einschränkungen durch Regierungen (Government Restrictions Index, GRI) und Feindseligkeiten innerhalb von Gesellschaften (Social Hostilities Index, SHI) getrennt darzustellen.

Prof. Thomas Schirrmacher hat die Berichte einer eingehenden Prüfung unterzogen, da die Zuordnung einiger Länder wenig plausibel erscheint. Es zeigte sich dabei unter anderem, dass die Datenbasis der Berichte außerordentlich dünn ist. Ihnen lag in diesen Fällen keine eigene Forschung vor Ort zu Grunde. Externe Experten wurden nicht einbezogen. Außerdem beziehen sich die als Quellen zugrundeliegenden Berichte auf verschiedene Zeiträume. Sie berichten vielfach nur über ausgewählte Länder, sind zum Teil politisch gefärbt und stark voneinander abhängig. Letztlich sind die suggerierte Wissenschaftlichkeit und die Ergebnisse irreführend. [Näheres unter: Schirrmacher, Thomas: Plausibilitätsprüfung der PEW-Berichte zur Religionsfreiheit: Vergleich von Ländern untereinander; Länder im Querschnitt 2007–2014; grundsätzliche Einordnung von Ländern. Jahrbuch Religionsfreiheit 2016, S. 104 ff, Verlag für Kultur und Wissenschaft, ISBN 978-3-86269-125-8]

https://www.pewresearch.org/topics/restrictions-on-religion/

UN-Sonderberichterstatter zu Religions- und Glaubensfreiheit

Sonderberichterstatter (Special Rapporteurs) sind unabhängige Experten, die ein Mandat der Vereinten Nationen zu einem thematisch oder geografisch definierten Bereich erhalten haben. Sie werden vom UN-Menschenrechtsrat in der Regel für einen Zeitraum von drei Jahren ernannt. Zu ihren Arbeitsmethoden gehören Ländermissionen, thematische Studien und Dialog mit einzelnen Regierungen über individuelle Fälle von Menschenrechtsverletzungen. Sie erstellen keine Ranglisten aber Berichte, die sich allerdings in Teilen auf die Arbeiten von Nichtregierungsorganisationen stützen. Aktueller UN-Sonderberichterstatter zur Religionsfreiheit ist Ahmed Shaheed, ein Menschenrechtsverteidiger, der zwischenzeitlich Diplomat und Außenminister seines Heimatlandes Malediven war. Er arbeitete zuvor als UN-Sonderberichterstatter zum Iran:

https://www.ohchr.org/en/issues/freedomreligion/pages/annual.aspx

CrisisWatch (International Crisis Group)

CrisisWatch ist ein monatlicher Frühwarn-Bericht der Nichtregierungsorganisation International Crisis Group (ICG) in Brüssel. Sie liefert Informationen und Analysen, jedoch keine Rangliste. Die ICG bietet Analysen und Politikberatung zu über 50 aktuellen oder drohenden Konfliktsituationen weltweit an und gilt als wichtiger Ansprechpartner für Regierungen und internationale Organisationen, wie z. B. die Vereinten Nationen und die Europäische Union.

www.crisisgroup.org/crisiswatch

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