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Karolis Garuckas

 Foto: Canva.

Mutiger Einsatz: Katholischer Priester gründete Helsinki-Gruppe in Litauen

KAROLIS GARUCKAS, katholischer Priester (1. Mai 1908 bis 6. April 1979) 

Autor: Dr. Arūnas Bubnys, veröffentlicht im September 2026

Am 1. August 1975 unterzeichnete die Sowjetunion gemeinsam mit europäischen Staaten, den USA und Kanada die Schlussakte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (im Folgenden: KSZE) in der Hauptstadt Finnlands, Helsinki (im Folgenden: Schlussakte). Darin wurden die Grundsätze der Zusammenarbeit der KSZE-Mitglieder in Wirtschaft, Wissenschaft und Umweltschutz festgelegt. Der dritte Abschnitt der Schlussakte behandelte humanitäre Fragen und Menschenrechte. Eine regelmäßige Einberufung von Konferenzen war vorgesehen, um die Umsetzung der Helsinki-Vereinbarungen zu überprüfen[i]. Die Schlussakte wurde zur rechtlichen Grundlage für Dissidenten in der Sowjetunion im Kampf gegen das autoritäre Sowjetregime, gestützt auf die Verpflichtung der Staaten, die Menschenrechte und bürgerlichen Freiheiten zu achten. Die Missachtung der Bestimmungen der von der Sowjetregierung unterzeichneten Schlussakte sowie die Verfolgung von Dissidenten trugen zur Entstehung von Menschenrechtsorganisationen in der Sowjetunion bei.

Die Idee der öffentlich tätigen Helsinki-Gruppen wurde vom sowjetischen Akademiker Andrei Sacharow vorgeschlagen. Die Helsinki-Gruppen sollten Verstöße gegen die Bestimmungen der Schlussakte untersuchen und die Öffentlichkeit sowie die Regierungen der Unterzeichner-Staaten darüber informieren. Die erste Helsinki-Gruppe wurde in der Sowjetunion am 12. Mai 1976 in Moskau gegründet; sie stand unter der Leitung des aktiven russischen Dissidenten Juri Orlow. Im Laufe desselben Jahres wurden nach ihrem Vorbild Helsinki-Gruppen in der Ukraine und in Litauen gegründet. Alle in der Sowjetunion gegründeten Helsinki-Gruppen agierten unabhängig voneinander und öffentlich.[ii]

Zur Unterstützung der Umsetzung der Helsinki-Vereinbarungen wurde am 25. November 1976 eine Litauische Helsinki-Gruppe gegründet. Zu ihren Gründungsmitgliedern gehörten der Jesuitenpater Karolis Garuckas, der Physiker Eitan Finkelstein, die Dichterin und ehemalige politische Gefangene Ona Lukauskaitė-Poškienė, der ehemalige politische Gefangene Viktoras Petkus sowie der Dichter Tomas Venclova. Die Litauische Helsinki-Gruppe hatte keinen offiziellen Leiter, kein Programm und keine Satzung. Ihre Gründungsmitglieder beschlossen, sich an bestimmte Grundsätze zu halten. Ein Mitglied der Litauischen Helsinki-Gruppe hatte 1) die Grundsätze der Schlussakte von Helsinki einzuhalten und zu deren Umsetzung beizutragen; 2) nicht zum gewaltsamen Kampf aufzurufen und sich nicht daran zu beteiligen; 3) Personen, die in deutschen oder sowjetischen Strafverfolgungsbehörden tätig waren, durften keine Mitglieder der Litauischen Helsinki-Gruppe sein[iii]. In dem am 25. November 1976 veröffentlichten Manifest der Litauischen Helsinki-Gruppe wurde unter anderem erklärt: „[…] Wir hoffen, dass die Staaten, die die Helsinki-Vereinbarungen unterzeichnet haben, zur Kenntnis nehmen, dass der derzeitige Status Litauens durch den Eintritt der sowjetischen Armee in sein Hoheitsgebiet am 15. Juni 1940 bedingt ist, und dass sie darauf achten, dass in Litauen die Menschenrechte nicht verletzt werden“[iv].

Im Folgenden gebe ich einen Überblick über die Biografie von Pater Karolis Garuckas SJ, einem Unterzeichner der Litauischen Helsinki-Gruppe. Mir selbst war es eine Ehre, diese außerordentlich herausragende Persönlichkeit kennenzulernen, die sich der Kirche und dem katholischen Glauben voll und ganz gewidmet hat. Als Kind verbrachte ich meine Sommerferien im Heimatdorf meiner Mutter – im Dorf Girneliškės im Bezirk Ignalina, welches zur Gemeinde Ceikiniai gehörte (etwa zwei Kilometer von Ceikiniai entfernt). Meine Großmutter Genovaitė Baranauskienė war tief religiös und nahm mich jeden Sonntag mit in die Kirche von Ceikiniai, in der damals Karolis Garuckas als Priester tätig war. Im Jahr 1972 wurde ich, wenn ich mich recht erinnere, in Ceikiniai zur Erstkommunion geführt. Der Priester erzählte uns bei der Vorbereitung darauf verschiedene Geschichten aus der Bibel und aus dem weltlichen Leben. Wir haben nicht alles verstanden (z. B. über den Staat, den die Jesuiten im 17. Jahrhundert in Paraguay gegründet hatten), denn wir waren Kinder, außerdem wurde uns in der Schule vieles anders erklärt als durch Pater Garuckas. Damals war uns noch nicht bewusst, mit welch vorbildlicher Persönlichkeit wir uns unterhalten, und erst jetzt, wenn ich auf vergangene Zeiten zurückblicke, verstehe ich, was für eine Epoche das war und was für eine Persönlichkeit der Priester K. Garuckas war, der sich in dem grauen Alltag der Sowjetzeit und in einer verängstigten Gesellschaft opferbereit engagierte.

Karolis Garuckas wurde am 1. Mai 1908 im Dorf Užkalniai in der Gemeinde Ramygala im Bezirk Panevėžys als Sohn einer Bauernfamilie geboren. Seine Eltern – Ignacas Garuckas und Rozalija Šaparnytė-Garuckienė – besaßen zehn Hektar Land. Der Vater starb früh, im Jahr 1912, und hinterließ seine Frau mit vier kleinen Kindern: den neunjährigen Jonas, die siebenjährige Apolonija, den vierjährigen Karolis und den zweijährigen Petras. Seine Schwester starb bereits im Jahr 1916. Alle drei Brüder wurden erwachsen. Seine Mutter war sehr gläubig, sprach abends mit den Kindern Gebete und im Oktober den Rosenkranz. Sie gab ihnen den Rat, sich nicht mit schlechten Kindern anzufreunden und anderen ihre Beleidigungen zu verzeihen[v].

Nach dem Abschluss der Grundschule in Barklainiai begann Karolis am 9. September 1921 seine Ausbildung in der ersten Klasse des Progymnasiums in Ramygala. Als er nach Hause kam, half er immer seiner Mutter bei Hausarbeiten: beim Unkrautjäten, beim Pflanzen oder bei anderen anfallenden Arbeiten. Nach Abschluss des Progymnasiums reichte er eine Bewerbung beim Jungengymnasium in Panevėžys ein, jedoch vermutlich zu spät, da keine Plätze mehr frei waren. Daraufhin bewarb er sich am Lehrerseminar in Panevėžys, bestand die Aufnahmeprüfungen und wurde aufgenommen[vi].

Von 1927 bis 1931 lernte er am Lehrerseminar in Panevėžys; nach seinem Abschluss trat er in das Jesuitenkloster in Pagryžuvys ein. Während der Ausbildung am Lehrerseminar gehörte Karolis Garuckas der Organisation „Ateitininkai“ an und pflegte Freundschaft mit dem damals in Panevėžys lebenden berühmten Priester und Aktivisten der „Ateitininkai“, Alfonsas Lipniūnas. Im Jahr 1931 trat er in das Noviziat des Jesuitenordens ein und im Jahr 1933 legte er seine Mönchsgelübde ab. Im Jahr 1935 reiste er nach Deutschland (München-Pullach), um Philosophie zu studieren. Wie Garuckas in seiner Autobiografie schrieb: „In Pullach fühlte ich mich gesundheitlich oft sehr schlecht. Manchmal fiel es mir schwer, die Treppe zum zweiten Stock hinaufzusteigen. Während der Vorlesungspausen, die jeweils 15 Minuten dauerten, ging ich in mein Schlafzimmer, legte mich für eine Minute hin und schlief ein.“[vii] Nachdem er 1938 sein Philosophiestudium abgeschlossen hatte, kehrte er für kurze Zeit nach Kaunas zurück, wurde jedoch bald darauf nach Holland an das Jesuiten-Gymnasium in Valkenburg geschickt, um Theologie zu studieren. Dort wurde er 1940 zum Priester geweiht (andere Quellen geben den 30. April 1941 als Datum an). Im Mai 1940 wurden die Niederlande von Nazi-Deutschland besetzt. Aufgrund der schwierigen Lebensbedingungen plante K. Garuckas, nach Litauen zurückzukehren.

Im Jahr 1942 entzogen die Nazis den Jesuiten die Gebäude in Valkenburg und boten den ausländischen Ordensbrüdern an, in den Niederlanden zu bleiben oder nach Deutschland auszureisen. Im September 1942 kehrte er illegal nach Litauen zurück. Nach seiner Ankunft in Ramygala beschaffte er sich gefälschte Dokumente und wurde zum Kaplan und Leiter des Studentenwohnheims der IX. (ehemaligen Jesuiten-)Gymnasium in Kaunas ernannt. Obwohl es nicht leicht war, gelang es Garuckas an der Schule, sich den Respekt und die Zuneigung der Schüler zu verschaffen. Wie Garuckas schrieb: „Sie haben mich tatsächlich geliebt und respektiert, und auch ich habe sie geliebt“[viii]. Im Jahr 1945 wurde er vom Jesuitenorden nach Vilnius entsandt, wo er als Vikar an den Kirchen St. Kasimir und St. Johannes tätig war; später übte er seine Pastoralarbeit in verschiedenen Gemeinden des Erzbistums Vilnius aus: in der St. Isidor-Kirche in Reškutėnai, in Kabeliai (Bezirk Varėna), in Dūkštai, in Palūšė (Bezirk Ignalina) sowie in Paringis. Von 1963 bis zu seinem Tod war er Priester der Kirche in Ceikiniai im Bezirk Ignalina.

In Erinnerung an K. Garuckas schrieb Priester Jonas Lauriūnas: „Seit 1945 war Priester Garuckas in Vilnius tätig. Er war Vikar an der St.-Kasimir-Kirche und später an der St.-Johannes-Kirche (Universitätskirche). Er war als guter Prediger bekannt. Er hatte eine kraftvolle Stimme, war sehr belesen und sprach anschaulich und gefühlvoll – die Menschen schätzten ihn. Auch die Studenten in St.-Johannes-Kirche, in der sich damals die Gläubigen zahlreich versammelten, hörten ihm gerne zu. Oft erklang seine Stimme am „Tor der Morgenröte“ (Stadttor in Vilnius mit Kapelle und berühmter Marienikone, unter Litauern, Belarusen und Polen beliebter Wallfahrtsort; Anm d. Red.) – auf der Straße. Er wurde hier zu verschiedenen Anlässen eingeladen. Der Priester liebte seinen kirchlichen Dienst, und es fiel ihm nicht schwer, um Hilfe zu bitten – Beichte zu hören oder eine Predigt zu halten.“[ix] Die sowjetischen Behörden wollten Garuckas 1968 nach Linkmenys versetzen, doch er weigerte sich zu gehorchen und blieb bis zu seinem Tod in Ceikiniai, um dort seinen priesterlichen Dienst auszuüben. K. Garuckas pflegte oft zu sagen: „Ich werde entweder in Ceikiniai oder im Gefängnis sterben“.

Ungeachtet zahlreicher Hindernisse seitens der sowjetischen Behörden, verwaltungsrechtlicher Strafen und Vorladungen vor Gericht setzte sich der Jesuit mutig für die Rechte der Kirche und der Gläubigen ein. Er wagte es, selbst gegenüber leitenden Amtsträgern der Kirche die Wahrheit auszusprechen, auch wenn diese, um sich bei den Behörden einzuschmeicheln, unzulässige Kompromisse eingingen. J. Lauriūnas beschrieb die Persönlichkeit von Pater K. Garuckas wie folgt: „Von Natur aus hatte er einen sanften Charakter, zeigte sich jedoch mutig und entschlossen, wenn es um die Verteidigung heiliger Werte ging. Am Tisch und im Alltag war er nicht besonders gesprächig, doch beim Predigen musste er nicht nach Worten suchen. Er sprach mit großem emotionalen Ausdruck, zuweilen lyrisch und sanft, zuweilen wie ein gewaltiger Donner. Man konnte seinen Predigten zwar einen Mangel an einheitlicher Struktur vorwerfen, doch waren sie stets interessant, durchdacht, bildhaft und lebendig. […] In der Kirche sprach er gerne bei vielen Gelegenheiten zu den Gläubigen, nicht nur bei den Pflichtgottesdiensten am Sonntag.

[i] Litauische Helsinki-Gruppe. Dokumente, Erinnerungen, Briefe, Vilnius, 1999, S. 5.

[ii] Siehe ebenda, S. 6.

[iii] Siehe ebenda, S. 6, 7, 8.

[iv] Zitat aus Litauische Helsinki-Gruppe. Dokumente, Erinnerungen, Briefe, S. 14.

[v] Der große Kämpfer, Priester Karolis Garuckas, S. J. (Hrsg. Priester Jonas Kidykas), Worcester, MA, 1989, S. 15.

[vi] Der große Kämpfer, Priester Karolis Garuckas, S. J. (Hrsg. Priester Jonas Kidykas), S. 16.

[vii] Siehe ebenda, S. 22-23.

[viii] Siehe ebenda, S. 26.

[ix] Zitat aus Der große Kämpfer, Priester Karolis Garuckas, S. J. (Hrsg. Priester. Jonas Kidykas), S. 36.

Arunas Bubnys

Der Priester war gegenüber Menschen in Not sehr mitfühlend. Während seines Aufenthalts in Kabeliai schickte er fast jede Woche ein Paket an die Gefangenen in den russischen Lagern. Er unterstützte Schüler und Kleriker. In seinem Privatleben war er sehr bescheiden und lebte sehr asketisch. Es kam vor, dass er bei der Renovierung der Kirche (in Ceikiniai) seinen letzten Rubel ausgab. […]“[i].

Pater K. Garuckas kritisierte in seinen Predigten das kommunistische Regime wegen der Diskriminierung der Kirche und der Gläubigen scharf und beachtete nicht das Verbot, Kinder in den Grundlagen des Glaubens zu unterrichten. Wegen Verstößen gegen „die Gesetze über religiöse Kulte“ wurde ihm 1961 sogar für ein Jahr die Erlaubnis entzogen, sein Priesteramt auszuüben. Im Jahr 1963 durfte K. Garuckas wieder als Priester tätig sein. Allerdings ließ sich der Pater von der Überwachung durch die sowjetischen Behörden nicht einschüchtern. Seit Ende der 1970er nahm er aktiv an den Versammlungen der Geistlichen des Erzbistums Vilnius teil und unterzeichnete Protestschreiben gegen Regierungsbeamte wegen der Einschränkung der Rechte der Kirche und der Gläubigen, sowie gegen die Verfolgung der Herausgeber von religiöser Untergrundliteratur und der „Chronik der katholischen Kirche Litauens“.

Am 20. September 1971 kritisierte der Priester in einem offenen Brief an Bischof J. Labukas auch die leitenden Amtsträger der Katholischen Kirche in Litauen und warf ihnen vor, die Verteidigung von Geistlichen vor Verfolgung und Diskriminierung, die ihre Pflichten gewissenhaft erfüllten, feige unterlassen zu haben. K. Garuckas veröffentlichte Artikel in Untergrundpublikationen – in der „Chronik der Litauischen Katholischen Kirche“ und in „Aušra“ – und unterstützte die Herausgabe von Untergrundpublikationen.

In der „Chronik der Litauischen Katholischen Kirche“ (Band I, S. 228–235) wurde die Beschwerde der Gläubigen der Gemeinde Ceikiniai abgedruckt, die am 5. September 1972 mit den Unterschriften von 1.709 Gläubigen an den Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), Leonid Breschnew, gesandt worden war. In dem Schreiben wurde gegen das Verbot der Wiedererrichtung eines Priesterhauses protestiert, das zu jener Zeit mit einem Bulldozer abgerissen worden war. Am 28. März 1973 sandten 120 Eltern eine von ihnen unterzeichnete Beschwerde an den Bildungsminister der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik, M. Gedvilas, wegen der ständigen Terrorisierung und Diskriminierung von gläubigen Schülern.

Es wird berichtet, dass K. Garuckas beim Hören der Sendungen von Radio Vatikan absichtlich das Gerät auf volle Lautstärke stellte, damit auch diejenigen, die an der Bushaltestelle neben dem Pfarrhaus warteten, diese hören konnten. Aus diesem Grund mussten die örtlichen Behörden die Haltestelle an einen weiter entfernten Ort verlegen.

Seit Ende der 1970er Jahre nahm K. Garuckas an den Treffen der aktiven Priester der Erzdiözese von Vilnius teil und unterzeichnete die von ihnen an sowjetische Behörden gerichteten Erklärungen, darunter auch den Appell vom 28. April 1975 an den KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew, wegen der Repressionen gegen die Hersteller und Verteiler religiöser Literatur und der „Litauischen Katholischen Chronik“, die gegen Ende 1974 verurteilt worden waren. Am 26. Dezember 1975 richtete Pater Garuckas einen Appell an L. Breschnew, in der er die Umsetzung der Menschenrechte gemäß der Schlussakte von Helsinki von 1975 forderte, die auch von der UdSSR unterzeichnet worden war, und in dem er vor allem auf die Verletzung der Rechte von Gläubigen hinwies.

[i] Zitat aus Der große Kämpfer, Priester Karolis Garuckas, S. J. (Hrsg. Priester. Jonas Kidykas), S. 41-42.

Mauern des KGB-Museums in Vilnius

Als sich am 25. November 1976 in Vilnius die Litauische Helsinki-Gruppe zur Unterstützung der Umsetzung der Helsinki-Vereinbarungen bildete, gehörte Garuckas zu den fünf Gründungsmitgliedern. Gemeinsam mit anderen Gründungsmitgliedern unterzeichnete er verschiedene Protestdokumente gegen Menschenrechtsverletzungen in der Sowjetunion und verfasste auch selbst mehrere solcher Dokumente: unter anderem gegen die Verbannung der Bischöfe V. Sladkevičius und J. Steponavičius, die Verurteilung des Dissidenten Markas Niklaus, die Verhaftung von Balys Gajauskas, Romualdas Ragaišis und Henrikas Jaškūnas, die Zwangsbehandlung von A. Žyprė in einer psychiatrischen Klinik sowie die Diskriminierung politischer Gefangener.

Am 10. April 1977 unterzeichnete K. Garuckas gemeinsam mit anderen Gründungsmitgliedern eine Erklärung an die Belgrader Kommission, die die Umsetzung der internationalen Abkommen überprüfte, die 1975 in Helsinki unterzeichnet worden waren. Die Erklärung „Zur Lage der römisch-katholischen Kirche und anderer Gläubiger in Litauen“ endete mit folgenden Worten: „[…] Wir ersuchen Sie, uns dabei zu unterstützen, dass die eingegangenen internationalen Verpflichtungen nicht nur auf dem Papier bestehen bleiben, sondern konkret umgesetzt werden, damit:

  • der Begriff „Gewissensfreiheit“ so verstanden und ausgelegt wird, wie er von den Menschen weltweit verstanden wird;
  • die Menschen nicht nur die Freiheit der antireligiösen, sondern auch der religiösen Propaganda erhalten;
  • den Gläubigen die Versammlungs-, Demonstrations-, Presse- und Meinungsfreiheit gewährt wird;
  • die Artikel in den Bildungsgesetzen aufgehoben werden, die die Religions- und Gewissensfreiheit einschränken;
  • alle diejenigen aus Gefängnissen und Lagern entlassen werden, die zu der Achtung und Wahrung der Menschenrechte und Grundfreiheiten überall beigetragen haben (N. Sadūnaitė, P. Plumpa. P. Petronis, Š. Žukauskas usw.).“[i]

K. Garuckas unterzeichnete insgesamt mehrere der ersten Dokumente der Litauischen Helsinki-Gruppe. Am 16. November 1978 sandte er ein Schreiben an den Ersten Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Litauens, Petras Griškevičius, an den Generalstaatsanwalt der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik, an den Chefredakteur von „Tiesa“ sowie Kopien an alle Bischöfe und Bischofsverwalter Litauens bezüglich der Aktivitäten der Helsinki-Gruppe und der Menschenrechtsverletzungen in der Sowjetunion.

Im Rahmen seiner Reaktion auf den beleidigenden Artikel von B. Baltrūnas mit dem Titel „Auf dem Weg der Lügen und Verbrechen“, der am 16. Juli 1978 in „Tiesa“ und anderen Zeitungen des sowjetischen Litauens veröffentlicht wurde, bezeichnete Garuckas diesen Beitrag als eine Verleumdung der Tätigkeit der Litauischen Helsinki-Gruppe: “[…] Der Inhalt des Artikels besteht ausschließlich aus irreführenden Andeutungen und unbegründeten Behauptungen; meine Aussagen während der Vernehmung und vor Gericht wurden vollständig verfälscht: Mir werden Worte zugeschrieben, als wären es meine eigenen, die ich jedoch mit Sicherheit nicht gesagt habe. […]“. Nachdem er alle Unwahrheiten in dem Artikel von B. Baltrūnas konkret widerlegt hatte, schloss Garuckas seine Erklärung mit folgenden Worten: „ […] Die anständige litauische Öffentlichkeit ist zutiefst betroffen und erschüttert über die Fälle von V. Petkus, B. Gajauskas und andere, ähnliche Fälle, über Zeitungsartikel, in denen die Fälle falsch dargestellt werden, sowie über die ständigen Menschenrechtsverletzungen in der Republik Litauen.

Ich ersuche das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Litauischen SSR und den Generalstaatsanwalt der Litauischen SSR, die Verurteilung von V. Petkus aufzuheben und B. Baltrūnas dazu zu veranlassen, die Verleumdungen gegen V. Petkus und die gesamte Litauische Helsinki-Gruppe zur Unterstützung der Umsetzung der Helsinki-Vereinbarungen zurückzunehmen, wie es das Gesetz zum Schutz der Würde der Bürger vorschreibt.“[ii].

Am 25. Januar 1979 wandte sich Garuckas gemeinsam mit dem Priester Bronislovas Laurinavičius sowie den Priestern der Erzdiözese Vilnius an die Präsidien der UdSSR und der Litauischen SSR und wies auf den diskriminierenden Charakter der Bestimmungen über religiöse Vereinigungen hin, die die Verfassungsrechte der Gläubigen einschränkten und gegen die internationalen Verpflichtungen der UdSSR verstießen: „Wir, die unterzeichnenden Priester der Erzdiözese Vilnius, schließen uns der Erklärung Nr. 5 des Komitees zur Verteidigung der Rechte der Gläubigen an, […] und erklären, dass wir die Bestimmungen der Religionsgemeinschaften für rechtlich ungültig halten und uns nicht daran halten können, da sie Gläubige diskriminieren, ihr Gewissen einschränken und im Widerspruch zur Lehre und zum Recht (den kanonischen Gesetzen) der Katholischen Kirche, zu den Verfassungen der Sowjetunion und der Litauischen SSR, der Erklärung der Menschenrechte sowie anderen internationalen Verpflichtungen der Sowjetunion stehen“[iii].

Am 15. März 1979 wandte sich Pater Garuckas in einem öffentlichen Brief an den Ersten Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Litauens, P. Griškevičius, wegen der Folgen der sowjetischen Besatzung und der Verletzung der Rechte der Gläubigen. Der Priester hielt den Vortrag von P. Griškevičius, der im November 1978 in Vilnius auf einer nationalen Konferenz gehalten und in der Zeitung „Tiesa“ abgedruckt wurde, für „ein Programm zur Vernichtung der geistigen Werte Litauens, zur Entnationalisierung und Russifizierung. […] Heute wird Litauen vom Besatzer unterdrückt. Auf seinem Boden wird der Same des Bösen gesät. Seine Freiheit wurde weggenommen, seine Sprache verachtet – in vielen Einrichtungen ist es nicht möglich, sich auf Litauisch zu verständigen (die Dokumentation ist vielerorts nur auf Russisch, Wissenschaftsarbeiten und Dissertationen müssen zwingend auf Russisch verfasst werden). Die Herzen der litauischen Kinder bluten, doch das Land lebt heute noch. Es ruft aus den Gefängnissen, aus der Verbannung, aus den psychiatrischen Kliniken: ICH – LEBE! Doch wie lange wird das noch so bleiben? Und wer wird daran schuld sein?

Sehr geehrter Herr Generalsekretär, wir alle, das litauische Volk, erwarten von Ihnen, dass Sie Litauen verteidigen und es nicht verkaufen“[iv].

Der Priester konnte aufgrund seiner schwachen Gesundheit nicht immer direkt an den Aktivitäten der Helsinki-Gruppe teilnehmen und hatte daher andere Mitglieder bevollmächtigt, in seinem Namen Dokumente zu unterzeichnen, die den Grundsätzen der Helsinki-Gruppe entsprachen. Nach der Verhaftung von Viktoras Petkus im Herbst 1977 wurde der Priester K. Garuckas, ebenso wie andere Mitglieder der Helsinki-Gruppe, vernommen. Als Zeuge vor dem Gericht, das vom 10. bis 14. Juli 1978 in Vilnius tagte, verteidigte er V. Petkus und seinen gewählten Weg im Kampf für die Menschenrechte.

Bei der Gerichtsverhandlung gegen V. Petkus erklärte der Priester K. Garuckas als Zeuge: „Wir haben gemeinsam gehandelt, daher können Sie mich neben V. Petkus auf die Anklagebank setzen. Es wäre mir eine Ehre, im Lager zu sterben, so wie meine Lehrer – Bischof M. Reinys und Priester B. Andriuška – gestorben sind. Viktoras Petkus kämpfte für die Menschenrechte – das ist ein sehr ehrenwerter und gerechter Weg. Ich wünsche Litauen mehr solche Söhne……“. K. Garuckas wurde vom KGB kontaktiert und dann verfolgt. Er unterstützte russische Dissidenten und unterzeichnete mehrere ihrer Dokumente: die Erklärung vom 4. Februar 1977 mit dem Titel „Freiheit für Alexander Ginzburg“, das Dokument Nr. 56 der Moskauer Helsinki-Gruppe vom 15. Juli 1978 „Zu den Prozessen vom 10. bis 14. Juli“ (bezüglich der Verurteilten A. Ščaranskis, A. Ginzburgs, J. Orlov und V. Petkus), die Erklärung von 1977 „Ewiges Gedenken“, in der vorgeschlagen wurde, den 2. Juni als Gedenktag für die Opfer von Nowotscherkassk im Jahr 1962 festzulegen.

Nach der Verurteilung von V. Petkus, der Auswanderung von Tomas Venclova in den Westen und dem Austritt von Eitan Finkelstein aus der Gruppe verblieben in der Litauischen Helsinki-Gruppe nur noch der Priester K. Garuckas und Ona Lukauskaitė-Poškienė. Im September 1978 reichten sie gemeinsam mit weiteren 152 Unterzeichnern dem Präsidium des Obersten Rates der Litauischen SSR eine Erklärung bezüglich der rechtwidrigen Verhaftung von V. Petkus ein. Dies war einer der letzten Schritte in der bürgerrechtlichen Tätigkeit des Priesters.

Am 25. März 1979 unterzeichnete K. Garuckas gemeinsam mit anderen Dissidenten das letzte Dokument, den „Offenen Brief an den Herausgeber von „Tiesa“, A. Laurinčiuk“. Dieses Dokument verteidigte Balys Gajauskas, der von den Behörden der Sowjetunion zum zweiten Mal verurteilt und mit Schmutz beworfen worden war. Die Verfasser des Briefes deckten die Verleumdungen der sowjetischen Propaganda auf und schlossen den Text mit folgenden Worten: „Wir glauben an die Zukunft unseres Landes, denn Litauen hat selbst in den dunkelsten Jahren seiner Geschichte Helden wie Balys Gajauskas herangezogen. Niemand wird diejenigen zum Schweigen bringen können, die entschlossen sind, sich zum Schutz des wertvollsten Gutes – der Freiheit – zu opfern. In diesem Kampf wird stets das Vorbild von Balys Gajauskas leuchten, der als ehrlicher Litauer sein Vaterland nicht verraten hat. Er ist bereits zum Symbol für das Leid des litauischen Volkes geworden. Und wir neigen vor ihm unsere Köpfe“[v].

Am 6. April 1979 starb Pater Garuckas nach schwerer Krankheit. Die Beisetzung des Jesuiten war feierlich und zog eine außerordentlich große Menschenmenge an. Sein Bruder, Petras Garuckas, beschrieb sie: “[…]

Er wurde im Presbyterium auf einem kleinen Podest beigesetzt, nur etwas höher über dem Altar. […] Die Kränze auf den Trachten sind mit Trauerbändern geschmückt, und die weißen Kränze sind mit einem schwarzen Band umwickelt. Es gibt genauso viele davon wie früher bei den Kirchenfesten, nur sind jetzt alle traurig.

Während dieser ganzen Tage finden zahlreiche Heilige Messen statt, da viele Gastpriester anreisen. […]

Mein Dank richtet sich an alle Trauergäste, angefangen bei den Bischöfen S. E. J. Steponavičius, J. E. V. Sladkevičius, dem derzeitigen Verwalter der Bistums Vilnius, Priester A. Gutauskas, dem Dekan J. Baltušis und den anderen zahlreich erschienenen Priestern, deren Zahl wir auf bis zu 120 geschätzt haben. […]

Vielen Dank auch an alle Trauergäste, die aus den unterschiedlichsten Ecken Litauens angereist sind, sowie an die jungen Menschen mit ihren schönen Blumen“[vi].

Durch ein Dekret des Präsidenten der Republik Litauen vom 1. Februar 1999 wurde der Priester K. Garuckas (nach seinem Tod) mit dem Orden des Vytis-Kreuzes 4. Grades (heute: Offizierskreuz des Vytis-Kreuz-Ordens) ausgezeichnet.

Dr. Arunas Bubnys, geboren am 7. November 1961 in Ignalina, Litauen, ist seit April 2021 Generaldirektor des Litauischen Forschungszentrums für Völkermord und Widerstand (LGGRTC). Er promovierte in Geisteswissenschaften an der Universität Vilnius, wo er sich auf den litauischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs spezialisierte. Dr. Bubnys, der zuvor leitender Wissenschaftler am Litauischen Institut für Geschichte sowie Direktor des Litauischen Sonderarchivs war, publizierte in mehreren Sprachen, darunter auf Deutsch.

 

[i] Zitat aus Litauische Helsinki-Gruppe. Dokumente, Erinnerungen, Briefe, S. 109.

[ii] Zitat aus Litauische Helsinki-Gruppe. Dokumente, Erinnerungen, Briefe, S. 257.

[iii] Zitat aus Litauische Helsinki-Gruppe. Dokumente, Erinnerungen, Briefe, S. 258.

[iv] Zitat aus Litauische Helsinki-Gruppe. Dokumente, Erinnerungen, Briefe, S. 275.

[v] Zitat aus Litauische Helsinki-Gruppe. Dokumente, Erinnerungen, Briefe, S. 278.

[vi] Zitat aus Der große Kämpfer, Priester Karolis Garuckas, S. J. (Hrsg. Priester. Jonas Kidykas), S. 20-21.

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