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Warum werden Christen verfolgt?

Warum werden Christen verfolgt?

Warum werden Christen verfolgt?

Christen sind in den Ländern, in denen sie verfolgt werden, nur kleine und kleinste Minderheiten – das macht sie besonders verwundbar. Religiöse Eiferer sind vielfach absolut von der Überlegenheit und Alleingültigkeit der eigenen Religion überzeugt. Verachtung und Hass auf Anders- und „Un“-Gläubige hat dabei seine Ursachen oftmals tatsächlich in religiösen Überlieferungen und wird von Fundamentalisten als Teil ihres (einzig) „wahren“ Glaubens tief empfunden. In religiös geprägten Staaten ist dadurch der Konversionsdruck auf Christen und andere Minderheiten enorm. Das Bild zeigt einen Ausschnitt aus einem Propaganda-Video des „Islamischen Staates“, der auch nach seiner militärischen Niederlage weiter hochaktiv ist. Der Mann rechts im Bild ist ein ehemaliger Christ.

Ursachen auf einen Blick

Wenn Menschen verfolgt werden, stellt sich die zentrale Frage nach den Gründen: Leiden sie wegen ihres Glaubens oder spielen andere Faktoren ebenfalls eine Rolle? Vielleicht sogar eine größere? Wie hoch ist dann der Anteil der „Christen”-Verfolgung an der Verfolgung und wie sollte man das objektiv ermitteln können? Die Einschätzungen gehen in den konkreten Fällen oft weit auseinander.

Wo Christen diskriminiert oder verfolgt werden, sind sie Minderheiten und daher besonders verletzlich – so wie andere Minderheiten. Christen werden nicht „gerade“, sondern so wie viele andere Minderheiten „auch“ verfolgt. Einige andere religiöse Gruppen leiden unter deutlich härterer oder umfassenderer Verfolgung.

Die Ursachen für die Verfolgung von Christen sind die gleichen wie bei anderen verfolgten Gruppen. Vor allem: Religiöser Extremismus, die Vermischung von nationaler oder Clan-Identität mit Religion, der Wille von Diktaturen zur absoluten Kontrolle und Gruppenrivalitäten.

Im Einzelfall sind die Hintergründe für Diskriminierungen, Übergriffe, Verfolgung und zum Teil schwerste Menschenrechtsverletzungen oft sehr komplex. Religiöser Fanatismus spielt dabei in besonders vielen Ländern eine Rolle. Sehr oft wirken viele Faktoren zusammen: Ethnische Auseinandersetzungen, Chauvinismus, Kämpfe um Einfluss und Ressourcen, die Durchsetzung des Machtmonopols von Regierungen oder Ideologien bis hin zu sehr individuellen Gründen, wie persönlicher Bereicherung oder archaische Vorstellungen von „Ehre” und daraus resultierendem Gruppenzwang. Auch heute noch dienen Minderheiten immer wieder als Sündenböcke und Blitzableiter bei Konflikten.

Befeuert wird all dies durch zum Teil völlig verzerrende Vorurteile und Deutungen historischer Ereignisse und zusätzlich durch eine ausgrenzende Vermischung von ethnischer Identität und Religion, von einem verbreiteten kollektivistischen Denken, das christliche Minderheiten für verhasste Handlungen „christlicher” Länder verantwortlich und haftbar macht. Gerade Letzteres, Vorurteile, kollektivistisches Denken, aber auch einige Vorschriften aus dem islamischen Recht, behindern einen echten Austausch, Kennenlernen, Freundschaften oder Ehen zwischen den Religionsgruppen – und zementieren damit Ausgrenzung und Isolation der Minderheiten. Welchen Anteil Religion, ethnische Identität, wirtschaftliche Interessen oder auch rein persönliche Gründe bei Konflikten haben, lässt sich in der Regel nicht feststellen. Vermutlich wird der Anteil der einzelnen Gründe den Tätern selbst oft nicht klar sein.

Religiös begründetes Überlegenheitsdenken und Hass

Global betrachtet ist religiöser Fanatismus die häufigste Ursache für Feindseligkeiten gegenüber religiösen Minderheiten. Islamische Extremisten sind dabei nicht die Einzigen, die mit systematischer Gewalt Andersgläubige und Andersdenkende einschüchtern. Fundamentalistische Hindus verüben seit Jahren in mehreren indischen Bundesstaaten gezielt Gewaltverbrechen, vor allem gegen Christen, aber auch gegen Muslime. Seit den Wahlsiegen der Hindu-Nationalisten in Indien in den Parlamentswahlen im Jahr 2014 und 2019 hat sich die Situation der religiösen Minderheiten dort wieder verschärft. Den Christen sind die Gewaltexzesse in den Jahren 2008 und 2009 in bitterer Erinnerung. Fanatische Hindus hatten im indischen Bundesstaat Orissa rund 50.000 Christen vertrieben und etwa 500 Menschen ermordet. Verbrechen in dieser Größenordnung hat es danach in Indien nicht mehr gegeben, aber die Zahl von Hasskampagnen hat in Indien erschreckend zugenommen.

Auch buddhistische Extremisten haben Christen physisch angegriffen, insbesondere auf Sri Lanka, wo Gemeindehäuser und Kirchen verwüstet und Gemeindemitglieder zusammengeschlagen wurden. An manchen dieser Überfälle waren buddhistische Mönche beteiligt. Im ebenfalls überwiegend buddhistischen Myanmar (Burma), in dem das Militär nach wie vor eine dominante Machtfülle ausübt, müssen Christen ebenfalls Einschränkungen hinnehmen. Immerhin haben Christen dort inzwischen höchste Staatsämter erreicht. Anders ist die Situation der noch kleineren muslimischen Minderheit der der Rohingya. Sie wird vom Staat völlig entrechtet und ist das Ziel schwerster Gewalt durch buddhistische Burmesen. Die Vereinten Nationen sprechen inzwischen von Völkermord an den muslimischen Rohingya. Hunderttausende von ihnen sind zur Flucht gezwungen.

Islamischer Fundamentalismus
Dennoch: In der Mehrheit der betroffenen Staaten ist die wichtigste Ursache für Diskriminierung, Ausgrenzung und auch Verfolgung von Christen und anderen Minderheiten, islamischer Fundamentalismus. Islamischer Fundamentalismus hat in den vergangenen Jahrzehnten noch weiter an Einfluss gewonnen und bildet in vielen Ländern die religiöse Hauptströmung. Dazu gehören „gescheiterte“ Staaten wie Afghanistan und Somalia, oder Staaten mit schweren inneren Konflikten wie Nigeria und Pakistan ebenso wie wohlhabende und sehr einflussreiche Staaten wie Saudi-Arabien. Generell ist in Nordafrika, im Nahen und im Mittleren Osten die Bedrohung von Minderheiten durch islamische Extremisten unverändert sehr hoch. In Südasien und in Subsahara-Afrika wächst sie weiter.

Islamistische Terrorgruppen sind Symptom – nicht Ursache
Die Hoffnung, dass sich die Situation von Christen grundlegend bessert, nachdem der „Islamische Staat“ militärisch weitgehend niedergerungen ist, bleibt nach Auffassung der IGFM eine Illusion. Der „Islamische Staat“ war und ist nicht die eigentliche Ursache für die Verfolgung Andersgläubiger, sondern ein Symptom für den immer stärker werdenden militanten islamischen Fundamentalismus und Extremismus. Auch andere Islamisten haben Christen, Jesiden und jeweils „falsch gläubige“ andere Muslime vertrieben oder ermordet. Und keine dieser Islamistengruppen will zulassen, dass sie jemals in ihre Heimat zurückkehren.

Wenn sich die aktuelle Entwicklung fortsetzt, wird das orientalische Christentum in manchen Regionen erlöschen – so wie das früher blühende Judentum in Ägypten erloschen ist. Langfristig haben Christen und die Angehörigen anderer nicht-muslimischer Minderheiten wie z. B. Jesiden, Mandäer, Bahá’í oder Drusen in ihren Heimatländern nur dann eine Perspektive, wenn der islamische Fundamentalismus überwunden werden könnte. Doch nach wie vor versuchen alle beteiligten Regierungen den „Extremismus“ zu bekämpfen, sie ignorieren dabei aber dessen Wurzeln.

Beispielhaft dafür ist das bevölkerungsreichste Land der arabischen Welt: Ägypten. Die Antwort des Militärs auf alle Übergriffe und Anschläge bestand und besteht ausschließlich im Verbot der Muslimbrüder, Massenverhaftungen und Hinrichtungen. Doch die Muslimbrüder sind nicht verschwunden. Die noch fundamentalistischeren Salafisten werden praktisch nicht behelligt, da sie dem Militär im Augenblick nicht als Konkurrenten um die Macht erscheinen. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Muslimbrüdern und Salafisten fehlt völlig – nicht nur in Ägypten. Unzufriedenheit, Frustration und Wut der ägyptischen Islamisten steigen weiter und werden durch die willkürlichen Massenverhaftungen sicher nicht schwächer. Wahrscheinlich wird sich früher oder später dieser Druck wie in der Vergangenheit (auch) an der christlichen Minderheit entladen.

Schon mehrfach ist behauptet worden, der islamische Fundamentalismus hätte seinen Zenit überschritten, z. B. nach dem Sturz des Taliban-Regimes durch das US-Militär im Jahr 2001, nach der Entmachtung der Muslimbrüder in Ägypten am 3. Juli 2013 durch das Militär oder nach der Eroberung des zuvor vom Islamischen Staat kontrollierten Tikrit (durch schiitische Milizen im Jahr 2015). Das Bild ist in dieser Hinsicht uneinheitlich: Während im Iran schon seit Jahren viele Menschen von der Islamischen Republik Iran zutiefst enttäuscht und desillusioniert sind, gewinnt der Vormarsch der Extremisten z. B. in Pakistan immer noch weiter an Fahrt. Viele der Angehörigen der dortigen muslimischen Mehrheitsgesellschaft empfinden ein Gefühl der (nach ihrer Auffassung gottgewollten) Überlegenheit gegenüber Christen und anderen Nichtmuslimen, die ihnen das „Recht” gebe, Freiheit, Sicherheit, Menschenrechte und Würde Andersgläubiger massiv zu verletzen. Nach Einschätzung pakistanischer Christen spitzt sich diese Entwicklung immer noch weiter zu. Und das, obwohl bereits tausende pakistanische Christen die Situation als so unerträglich erlebten, dass sie auswanderten – oder es versuchten. Nur wenige Staaten der Erde erlauben Pakistanern die visumsfreie Einreise. Ab dem Jahr 2015 ist der IGFM berichtet worden, dass christliche Pakistaner an den Grenzen abgewiesen wurden, weil Behörden dieser Länder überzeugt waren, sie würden nicht mehr in ihr Heimatland zurückkehren wollen.

In vielen islamischen Gesellschaften bilden nicht liberale oder säkulare Strömungen des Islam die Mehrheit, sondern sehr konservative, traditionalistische – und fundamentalistische. Der dort nach wie vor sehr hohe Anteil von Analphabeten begünstigt den Einfluss der vielen islamistischen Fernsehsender und von islamistischen Geistlichen. Wie stark in vielen Ländern dieses Gedankengut ist, wird in Europa kaum wahrgenommen.

Totalitäres Religionsverständnis
Die barbarische Konsequenz, mit der der noch immer existierende „Islamische Staat” (IS), die Taliban (die “Koranschüler”) in Afghanistan und Pakistan, Boko Haram („westliche Bildung ist Sünde“) in Nigeria oder die Scharia-Gerichte in Somalia das islamische Recht durchsetzen wollen, kann inzwischen kaum mehr als vereinzeltes Randphänomen abgetan werden. Der totalitäre Charakter, mit dem der politische Islam in zahlreichen Staaten der Erde praktiziert wird, ist in jedem Fall sehr stark verbreitet. Besonders deutlich wird das durch die verschiedenen staatlichen Religionspolizeieinheiten, die keineswegs nur in Bürgerkriegsgebieten Andersdenkende tyrannisieren. Solche Einheiten bestehen ganz offiziell in Saudi-Arabien, in Afghanistan, in der indonesischen Provinz Aceh und in Nordnigeria – auch außerhalb des Herrschaftsgebietes von „Boko Haram”. Daneben existiert eine Reihe nichtstaatlicher oder halbstaatlicher Gruppen oder paramilitärischer Milizen, die ihre Vorstellungen von “Tugend” mit Gewalt erzwingen und “Sünde”, wie z. B. die Verbreitung von Säkularismus oder anderen Religionen, mit aller Härte bekämpfen. Etwa die Pasdaran im Iran: die “Armee der Wächter der Islamischen Revolution” und die ihr unterstellte Basidsch-Miliz. Selbsternannte, schwarz maskierte und bewaffnete Religionswächter verbreiten in Teilen des Irak Angst und Schrecken.

Wille zu Völkermord und Sklaverei
Einige islamisch-extremistische Gruppen bekennen sich offen und freimütig zu ihrer menschenrechtsfeindlichen Deutung ihrer religiösen Quellen: Koran, islamische Überlieferung mit dem Vorbild Mohammeds und der frühen islamischen Gemeinde sowie dem Konsens der (frühen) islamischen Rechtsgelehrten. Sie leiten daraus eine nach ihrer Auffassung gottgewollte Überlegenheit der Muslime über alle anderen Menschen, einen Herrschaftsanspruch und einen Auftrag zu Entrechtung und Tötung von Andersdenkenden ab. Christen sind dabei nicht die einzigen und auch nicht die am härtesten verfolgte Gruppe. Dort wo sunnitische Extremisten auf Schiiten treffen, werden diese als vermeintliche Ketzer oft noch grausamer verfolgt. Seit Jahren gibt es allerdings auch schiitisch-fundamentalistische Milizen, die sich in ihrer Grausamkeit mit dem (sunnitischen) „Islamischen Staat” (IS) messen können.

Schiiten und Angehörige von Religionen, die nach klassischer islamischer Sichtweise „nicht göttlich” sind, werden von mehreren sunnitisch-fundamentalistischen Milizen oft unmittelbar nach der Gefangennahme getötet. Christen erhielten die „Wahl” zwischen Annahme des (sunnitischen) Islam, zur Unterwerfung bei Zahlung einer Kopfsteuer, zur „Auswanderung” (bei faktischer Enteignung) oder dem Tod. Die Mehrheit der betroffenen Christen in Syrien und im Irak war bereits vorher geflohen. Fast alle übrigen wählten die „Auswanderung”. Der militärische Zusammenbruch des Islamischen Staates als staatliches Gebilde hat diese Bedrohungslage nur in einigen Gebieten verändert. Teile des nördlichen Syrien und des Irak sind nach wie vor „christenfrei”, weil die geflohenen Christen nicht wagen, in ihre Heimatorte zurückzukehren.

Opfer der religiös verherrlichten Versklavung durch den Islamischen Staat waren – und sind noch immer – fast ausnahmslos jesidische Frauen und Mädchen, selten auch schiitische Frauen und nur in sehr wenigen Einzelfällen Christinnen. Ihre Versklavung ist nach Auffassung des IS nur dann legitim, wenn ihre männlichen Angehörigen sich Muslimen zur Wehr gesetzt haben. Die Islamistengruppe Boko Haram aus Nordnigeria hält sich mit diesen theologischen Details nicht auf – die Mehrheit der von ihnen versklavten Mädchen sind Christinnen.

Bedeutung von Religion nicht unterschätzen
Manche Beobachter blenden Religion als Ursache für Unrecht und Gewalt weitgehend aus. Einige von ihnen sind der Überzeugung, dass Gewalt kein originärer Bestandteil von Religion sein könne und in solchen Fällen nur instrumentalisiert oder „missbraucht” würde. Die Ansichten darüber, was „wahrer” Bestandteil einer Religion ist, gehen aber weit auseinander. Zumindest ein Teil der Kämpfer islamistischer Milizen sind offenbar tatsächlich davon überzeugt, den Willen Gottes zu erfüllen.

Die enorme Bedeutung der Religion ist für viele säkulare Westeuropäer nur sehr schwer nachvollziehbar, vielleicht weil die eigene, säkular-abendländische Weltsicht als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Ein echtes Verständnis dafür, was in vielen muslimisch geprägten Ländern, aber auch in Indien oder Myanmar, vor sich geht, gelingt nicht leicht. Dabei muss in jedem Fall berücksichtigt werden, wie stark und wie tief dort religiöse Überzeugungen und damit eng verknüpfte soziale Normen das Denken und Handeln steuern.

In vielen islamischen Gesellschaften sind nicht liberale und säkulare Strömungen des Islam der Mainstream, sondern sehr konservative, traditionalistische – und fundamentalistische. Der dort nach wie vor sehr hohe Anteil von Analphabeten verheißt nichts Gutes. Wie stark in vielen Ländern dieses Gedankengut ist, wird in Europa kaum wahrgenommen. Höchstens dann, wenn die Folgen in oder an den Toren Europas spürbar werden: Am 14. April 2015 startete eine Gruppe von rund 100 Flüchtlingen in einem Schlauchboot von der Küste Libyens in Richtung Italien. Nach Angaben der italienischen Polizei ereigneten sich auf der Fahrt bis dahin beispiellose Gewaltexzesse. Muslimische Flüchtlinge, überwiegend aus der Elfenbeinküste, Mali und dem Senegal, drohten anderen, zahlenmäßig unterlegenen Flüchtlingen aus Nigeria und Ghana, sie „aus Wut über ihren christlichen Glauben” über Bord zu werfen. Zwölf Nigerianer und Ghanaer ertranken. Anderen gelang es nur mit Gewalt, sich zu retten. Sie hatten Menschenketten gebildet, um sich zu helfen. In der Polizeierklärung ist von „erschütternden Einzelheiten” die Rede.

Vermengung von Gruppenidentität und Religion

In vielen Staaten erwächst aus der Vermengung von Religion, Kultur und ethnischer Identität eine wesentliche Ursache für gewalttätige und tödliche Spannungen. Religion und Konfession sind oftmals ein zentraler Teil der persönlichen und der nationalen oder tribalen Identität und Abgrenzung – und allzu oft der Ausgrenzung. Viele Menschen gehen davon aus, dass ein „richtiger” Angehöriger ihrer Ethnie auch ihre Religion haben müsse. In manchen Ländern sind daraus politische Bewegungen erwachsen, wie beim „Hindu-Nationalismus“ in Indien. In anderen Fällen ist es eine unpolitische aber tief verinnerlichte Überzeugung, die auch mit Gewalt durchgesetzt wird. Die Emotionalität mit der z.T. auch weniger religiöse Menschen davon überzeugt sind ein Türke, ein Haussa usw. müsse Muslim sein, ist von westlichen Europäern vielleicht nur schwer nachvollziehbar. Sie ist gleichwohl eine wichtige Triebkraft bei vielen Konflikten.

Die „tribale” Komponente wird vielfach noch weniger beachtet. Doch gerade dort, wo die Gewalt gegen Christen und andere Minderheiten am schwersten ist, ist das Gegeneinander von Ethnien und Clans besonders stark ausgeprägt, etwa im Irak, in Syrien und in Nigeria. Unfähigkeit, Willkür und Korruption von Regierungen, Behörden und Justiz, allgemein das Fehlen von „Good governance”, verschärfen die Probleme weiter.

Oft werden die Zusammenhänge von leichter sichtbaren Entwicklungen überdeckt. In Nigeria sind z. B. nach Angaben der Vereinten Nationen rund 1,5 Millionen Menschen vor der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram geflohen. Aber schon lange vorher flohen seit der Einführung der Scharia in den Jahren 1999 bis 2001 tausende Christen aus dem islamischen Norden Nigerias: Die Verschärfung der religiösen Gegensätze hat auch die ethnischen Gräben vertieft. Ungezählte Kirchen wurden niedergebrannt, einige davon wieder aufgebaut und mehrfach gebrandschatzt – schon Jahre vor dem Auftauchen von Boko Haram.

Die Gewalt verlief und verläuft auch heute im Wesentlichen entlang ethnischer Grenzen, von denen fast alle vorwiegend einer Religion angehören. Eine bemerkenswerte Ausnahme sind die Yoruba: Eine der größten Ethnien Nigerias zu denen sowohl Christen, Muslime als auch Animisten zählen, zum Teil innerhalb einer Familie. Innerhalb der Yoruba fehlten und fehlen die Spannungen zwischen den Religionen bis heute.

Einigen westlichen Beobachtern erscheinen daher die ethnischen und materiellen Faktoren als die einzig “rationalen” Ursachen für die blutigen Auseinandersetzungen. In der Tat haben die Konflikte zwischen den Religionen in Nigeria ihren Ursprung nicht in der Religion, sondern vor allem in Konkurrenz zwischen einigen Ethnien. Im Verlauf der Konflikte wurde die Religion ein Teil der Abgrenzung und damit ein Teil des Konfliktes. Die junge Generation ist mit dieser Polarisierung aufgewachsen – für sie ist die Religion ein wesentlicher Teil des Problems.

Auch in Nordafrika ist es so, dass zunächst nichtreligiöse Konflikte zwischen Mitgliedern von Clans verschiedener Religionen eskalieren und dann eine religiöse Komponente bekommen können. Das bedeutet aber keineswegs, dass die Religion nicht in anderen Fällen eine überragende Rolle spielt. In Fällen wie dem Pogrom gegen die in Ägypten vollständig verbotenen einheimischen Bahá`í vom 28. bis zum 31. März 2009 ist das allgemein unstrittig. Aber auch bei zahlreichen Übergriffen gegen Christen spielt die Religion, und nicht “nur” wirtschaftliche oder ethnische Faktoren, eine zentrale Rolle.

Kollektivdenken & Blitzableiter

Anders als in Mitteleuropa ist in vielen Kulturen ein fatales Denken in Gruppen weit verbreitet, z. B. in Afrika und im Nahen und Mittleren Osten. In solchen Kulturen müssen Christen fürchten, für Handlungen anderer Christen (oder vermeintlicher Christen) angefeindet zu werden, obwohl sie mit den Menschen, die den Zorn verursacht haben, rein gar nichts gemein haben – außer ihren Glauben. Islamische Extremisten im Nahen Osten haben vor diesem Hintergrund die Wahl von US-Präsident Donald Trump sehr begrüßt, denn seine abfälligen Äußerungen gegenüber Muslimen und die Wahrnehmung seines Verhaltens verstärken Polarisierungen und sind Wasser auf den Mühlen der Islamisten.

Ein augenfälliges Beispiel dafür, dass christliche Minderheiten für die Handlungen der verhassten „christlichen” US-Regierung haftbar gemacht werden sind die orangefarbigen Overalls, wie sie die vielen Opfer von islamistischen Enthauptungsvideos tragen mussten. Die Opfer wurden hier (auch) dazu missbraucht, „Vergeltung” für die muslimischen Gefangenen in Guantanamo zu üben.

Nicht nur extremistische Gruppen denken in Kategorien von kollektiver Schuld und kollektiver Haftung. Das bisher vielleicht einprägsamste Beispiel dafür war der sogenannte dänische Karikaturenstreit. Die dänische Zeitung „Jyllands-Posten” veröffentlichte am 30. September 2015 eine Serie von zwölf Karikaturen zu Mohammed. Anlass dafür war eine Diskussion über Selbstzensur in Dänemark in Bezug auf Darstellungen oder kritische Auseinandersetzungen zum Islam. Die Veröffentlichung in Dänemark rief weltweit Demonstrationen und Proteste hervor, zum Teil mit Ausschreitungen und Toten, u.a. im Libanon, Libyen, Kenia, Nigeria, Malaysia, Afghanistan, Sudan und Indonesien. Allein in Nord-Nigeria zerstörten Muslime nicht nur zahlreiche Kirchen, sondern töteten über 130 Menschen – von denen vermutlich nicht ein einziger auch nur die geringste Verbindung zu den dänischen Zeichnern hatte.

Erfreulicherweise gibt es immer wieder Menschen, die sich diesem Denken auch unter persönlichen Risiken entgegenstellen. Die Muslimbrüder in Ägypten haben nach dem Verlust ihrer Macht vor allem im Juli und August 2013 mit massiver Gewalt gegen Christen reagiert. Ungezählte Brandanschläge, Angriffe und über 50 zerstörte Kirchen gingen auf das Konto der Islamisten. Doch viele muslimische Ägypter stellten sich unter großem persönlichem Risiko schützend vor die Kirchen und ihre koptischen Nachbarn und verhinderten so weitere Gewalttaten. Über ganz Jordanien verteilt stellten sich junge Muslime am Ostersonntag 2017 demonstrativ vor Kirchen, um die Christen vor Angriffen durch Islamisten zu schützen. Anlass waren vorausgegangene Bombenanschläge von Islamisten gegen Christen in Ägypten.

Bekämpfung weltanschaulicher & religiöser Konkurrenz

Konkurrenzverhältnisse gehören mit zu den Gründen für Feindseligkeiten gegenüber religiösen Minderheiten. Vor allem in wachsenden und missionarisch aktiven Gemeinden sehen Einparteien-Diktaturen und religiöse Extremisten ihre Vormachtstellung, ihr Weltbild oder ihr ideologisches Monopol bedroht. In Staaten wie der Islamischen Republik Iran, deren Selbstverständnis und Legitimation ausschließlich auf islamischen Dogmen ruht, werden abweichende Glaubensauffassungen als Gefahr für die Fundamente des Staates aufgefasst.

In vielen Fällen sind auch Christen für Benachteiligung und Leiden anderer Christen verantwortlich. In manchen Ländern genießen einzelne christliche Kirchen eine gesellschaftliche oder auch rechtlich dominierende Position. Das Beispiel der Lutherischen Kirchen in Skandinavien zeigt, dass das (anders als in der Vergangenheit) keineswegs zwingend zu einer Belastung für andere Kirchen führen muss. In manchen Staaten, wie z. B. in Russland oder Griechenland, gehen große Kirchen gegen kleine, “konkurrierende” Denominationen vor. In Ägypten sind koptisch-orthodoxe Christen von ihren Geistlichen mit der Exkommunikation bedroht worden, wenn sie auch nur zu einem evangelischen Hauskreis gehen wollten. Fälle von körperlicher Gewalt an Kopten, die sich entschlossen hatten, zu einer anderen christlichen Konfession zu wechseln, sind keine Einzelfälle. Das gilt auch für „Ehrenmorde“ an Christen, die sich entschieden hatten, Muslime zu werden oder Muslime zu heiraten.

Während in muslimisch geprägten Ländern die Geheimdienstmitarbeiter, „Befrager“ und Folterer soweit bekannt fast ausnahmslos Muslime sind, stellen sich auch regelmäßig Angehörige der christlichen Minderheiten in den Dienst dieser Geheimdienste, teils als Spitzel, teils indirekt. Missionarisch aktive Konvertiten berichten, dass sie verhaftet und gefoltert wurden nicht weil Muslime, sondern weil Christen sie bei der Staatssicherheit angezeigt hätten, um “Ärger” zu vermeiden oder möglicherweise auch, um konkurrierenden (evangelischen oder charismatischen) Gemeinden zu schaden. Die Sorge vor Provokationen und Repressalien durch Sicherheitsbehörden und Extremisten gegen missionarisch aktive Gemeinden ist sehr berechtigt. Aber mancher Laie und mancher Geistliche geht deutlich weiter, als die Umstände ihn zwingen oder sein Gewissen ihm erlauben könnte.

Die sechs Jahre alte Rhalia (links) und ihre zehnjährige Schwester Dalia sind Anfang Mai 2018 von ihrem Vater aus den Händen von Islamisten freigekauft worden. Beide sind streng muslimisch erzogen worden, mussten Teile des Korans auswendig lernen und sprechen nur noch Arabisch. Ihren Vater können sie nicht mehr verstehen. Ihre Mutter und eine weitere Schwester werden weiter als Sklavinnen von Islamisten gefangen gehalten. Mehrere Tausend Frauen und Kinder werden noch immer im Irak und in Syrien von extremistischen Muslimen gefangen gehalten und missbraucht. Darunter sind auch Christen – die große Masse der Opfer gehört, so wie Rhalia und Dalia, allerdings der Religionsgruppe der Jesiden an. Bild: IGFM

Bemerkenswert ist, dass viele christliche Opfer auf Übergriffe und Verbrechen gegen sie nicht mit Gegengewalt reagiert haben. Sie wurden für die Täter zu leichteren und attraktiveren Opfern als z. B. die Muslime in Indien. Auch sie sind vielfach Opfer gewalttätiger Übergriffe durch Hinduextremisten geworden. Indische Muslime antworteten darauf in mehreren Fällen ihrerseits mit massiver Gewalt gegen Hindus. Allerdings sind Muslime in Indien eine zahlenmäßig sehr große und damit weniger verletzliche Minderheit. Das gilt für christliche Minderheiten oft nicht.

In nicht wenigen Fällen haben auch christliche Gruppen eigene Milizen aufgebaut. Vor allem in zahlreichen Konflikten in Afrika, aber auch im Libanon, Syrien und im Irak. In manchen christlichen Gemeinschaften war Bewaffnung im Prinzip selbstverständlich, wenn auch in der Praxis schwierig. Teilweise hat es aber Jahre von erduldeter Gewalt gedauert, bis innerhalb der örtlichen Christen überhaupt eine Bewaffnung diskutiert wurde. Das gilt z. B. für Christen in Indonesien, die in den vergangenen Jahrzehnten in mehreren Wellen Opfer von Brandschatzungen, Vertreibung und Morden durch islamische Extremisten wurden.

In vielen Fällen gibt es gar keine Option auf Notwehr – vor allem dort nicht, wo die Zahlenverhältnisse und das gesellschaftliche Klima Gegenwehr oder gar Gegengewalt selbstmörderisch erscheinen lassen. Wie berechtigt die Sorge vor weiterer Gewalt ist, mag ein etwas zurückliegendes aber besonders deutliches Beispiel aus Pakistan zeigen. Die kleine christliche Minderheit hatte dort zuvor alle Gewaltakte gegen sie widerstandslos erduldet:

Am 15. März 2015 griffen islamische Selbstmordattentäter in der Millionenstadt Lahore erst eine evangelische und kurz darauf eine katholische Kirche an. Neben den beiden Attentätern kamen 18 Katholiken ums Leben, über 100 Menschen wurden verletzt. Eine pakistanische Sondereinheit verhaftete zwei Helfer der Attentäter – übergab sie aber kurz darauf einer Gruppe aufgebrachter Christen. Die pakistanischen Christen, schlugen und misshandelten die Islamisten, verbrannten sie schließlich lebendig und plünderten Häuser und Geschäfte in einem muslimischen Viertel. Ein bis dahin einzigartiger Vorgang in Pakistan. Für diesen Lynchmord litten direkt oder indirekt alle Christen Lahores. Die Polizei nahm neben den tatsächlich Tatverdächtigen in kurzer Zeit insgesamt etwa 500 bis 600 Christen fest, auch aus anderen Stadtvierteln, und folterte sie, um sie zu Geständnissen und zur Denunziation zu zwingen. Die völlig unerwartete Gewaltreaktion einiger Christen auf das Bombenattentat hat in Lahore das Klima gegenüber den Christen drastisch verschlechtert. Attentatsopfern mit Splittern im Körper wurde in den staatlichen Krankenhäusern die Behandlung verweigert.

Machtmonopole und Bekämpfung kritischer Stimmen

Die diktatorisch alleinregierende Kommunistische Partei Chinas setzt auf lückenlose und totale Kontrolle. Unter anderem mit einem „sozial-Kredit“ Bewertungssystem. Die flächendeckende Kameraüberwachung mit automatischer Gesichtserkennung und vollständig automatisierter Überwachung ist in der Volksrepublik im Ausbau – ein orwellscher Albtraum, der vor unseren Augen entsteht. Als Mittel zur Einschüchterung und zu ihrem Machterhalt setzt die Kommunistische Partei auch heute noch das größte Arbeitslagersystem der Welt gegen die eigene Bevölkerung ein. Wie viele der dortigen Arbeitssklaven Christen sind, ist unbekannt. Bild: Pexels, pexels.com

Totalitäre Diktaturen bekämpfen Kirchen vermutlich nicht nur, weil Religionen mit der jeweils regierenden Partei weltanschaulich konkurrieren, sondern auch weil sie schwer oder auch gar nicht kontrollierbar sein können. Eine christliche Gemeinde stellt durch ihre bloße Existenz die Grundlagen sowohl alleinregierender kommunistischer Parteien, als auch herrschender islamischer Geistlicher oder königlicher Familien in Frage.

Oft werden Christen als verlängerter Arm ausländischer, westlicher Regierungen betrachtet. Sie erscheinen dadurch in den Augen von Machthabern und ihren Unterstützern als eine potentielle Gefahr ihrer Dominanz und werden als vermeintliche „Gefahr für die nationale Sicherheit” drangsaliert oder verfolgt.

In manchen Ländern engagieren sich eine Reihe von Pfarrern in den dortigen Bürgerrechts- und Demokratiebewegungen. Manche bieten Bürgerrechtlern einen Raum für Treffen und Austausch und kommen so durch ihren Einsatz für Menschen- und Bürgerrechte ins Fadenkreuz diktatorischer Regierungen oder auch – insbesondere in Lateinamerika – der organisierten Kriminalität.

Engagement von Christen für Menschenrechte, das z. B. in Vietnam oder China die diktatorisch herrschenden Regierungen herausfordert, fehlt bemerkenswerter Weise in islamisch geprägten Ländern weitgehend. Möglicherweise, weil die Gefahren dafür nicht ausschließlich von der Regierung ausgehen, sondern zusätzlich von Islamisten in der Mehrheitsgesellschaft. Das hat zur Konsequenz, dass in einigen Ländern praktisch alle Fürsprecher und Verteidiger der Kirchen Muslime sind. In der Islamischen Republik Iran haben muslimische Anwälte auch Konvertiten zum Christentum verteidigt, obwohl ihnen die Konsequenzen klar sind. In einem Fall wurde ein mit dem Tod bedrohter Mandant – ein Konvertit – schließlich freigelassen, während sein muslimischer Anwalt zu neun Jahren Gefängnis, Peitschenhieben und einem zehnjährigen Berufsverbot als Anwalt und Dozent verurteilt wurde. Der Anwalt, der Iraner Mohammad Ali Dadkhah, ist durch internationale Proteste inzwischen auf freiem Fuß. Ihm droht aber jederzeit die Vollstreckung der Reststrafe. Andere muslimische Anwälte lassen sich davon jedoch nicht abschrecken und verteidigen weiter christliche Konvertiten.

Abhängigkeitsverhältnisse & wirtschaftliche Gründe

In einigen Fällen waren oder sind Angehörige christlicher Ethnien wirtschaftlich weit überdurchschnittlich erfolgreich – besonders deutlich war das bei den Armeniern im Osmanischen Reich vor dem Völkermord im Jahr 1915. Neid, Missgunst und der Wille zur persönlichen Bereicherung auf Kosten wehrloser Opfer waren mehrfach Triebfedern von Gewalt gegen Minderheiten, auch gegen christliche Minderheiten. Aktuelle Beispiele sind rar, denn in den meisten Staaten machen Christen entweder die Bevölkerungsmehrheit aus oder sie gehören – wenn sie in der Minderheit sind – selten zur wirtschaftlichen Elite. Eine Ausnahme bilden ethnische Chinesen, die wie in vielen anderen Ländern auch in Indonesien wirtschaftlich überdurchschnittlich erfolgreich sind. In Indonesien sind viele Unternehmer und Ladenbesitzer chinesische Christen. Sie waren besonders häufig das Ziel bei Ausschreitungen, Plünderungen und Pogromen gegen Christen in den 90er Jahren und um die Jahrtausendwende. Durch eine islamistische Hetzkampagne gegen den früheren Gouverneur Jakartas hat sich das Klima für die christliche Minderheit wieder zugespitzt. Der ethnische Chinese und Christ Basuki Tjahaja Purnama mit dem Spitznamen „Ahok“ war schließlich am 9. Mai 2017 unter dem Jubel indonesischer Islamisten wegen angeblicher Blasphemie zu zwei Jahren Haft verurteilt worden. Viele Indonesier fürchten, dass weiterhin wohlhabende (und christliche) Chinesen im Fadenkreuz von Islamisten stehen.

Ähnliches gilt für ganz überwiegend christliche Ibos, die im muslimisch geprägten Norden Nigerias lebten und dort wirtschaftlich ebenfalls sehr erfolgreich waren. Nach der Einführung der Scharia in diesen Bundesstaaten bis zum Jahr 2001 plünderten in sehr vielen Fällen muslimische Nachbarn christliche Geschäfte und muslimische Unternehmer bedrohten ihre Konkurrenten oder vertrieben sie. Tausende Ibos (und andere Christen) flohen in den Süden des Landes.

In Pakistan und einigen anderen Ländern ist die christliche Minderheit vom wirtschaftlichen Erfolg weitgehend ausgeschlossen. Sehr viele Christen leben – genauso wie sehr viele Muslime – in Schuldknechtschaft bei Großgrundbesitzern oder Unternehmern in de facto Leibeigenschaftsverhältnissen. Der Unterschied zu den muslimischen Opfern dieser Ausbeutung ist, dass die Angehörigen der christlichen Minderheiten noch leichter zu disziplinieren sind. Möglichkeiten, der Armutsspirale zu entfliehen, fehlen weitgehend. Versuche, der Leibeigenschaft zu entkommen sind daher sehr selten.

Verfolgung anderer Minderheiten

Um das Gesamtbild nicht aus den Augen zu verlieren, ist es wichtig, auch einen Blick auf die Lage anderer, nicht-christlicher Minderheiten zu werfen. Deren Probleme sind oft die gleichen wie die diskriminierter oder verfolgter Christen – nicht selten ist die Lage nicht-christlicher Minderheiten sogar schlechter oder weitaus härter.

Ein Hintergrund ist vermutlich, dass die „christlichen“ Länder des Westens über enorme wirtschaftliche Macht verfügen. Fast alle Diktaturen und autokratischen Regime scheinen daher für die christlichen Minderheiten zumindest in gewissem Maß Zugeständnisse zu machen, die sie anderen Minderheiten verweigern. Die Volksrepublik China verfolgt verschiedene Chi-Gong Schulen wie Falun Gong mit erbarmungsloser Grausamkeit. Tibetische Buddhisten und uigurische Muslime werden weit stärker unterdrückt als die nicht registrierten Kirchen Chinas.

Ein weiterer Grund liegt darin, dass selbst Islamisten aus theologischen Gründen Christen prinzipiell ein Existenzrecht zubilligen. Den sogenannten „nicht-geschützten“ Religionen streiten Islamisten dieses Recht grundsätzlich ab. Betroffen sind alle Religionen der Erde, mit Ausnahme von Christen, Juden und Zoroastriern. Konsequenter Weise werden Angehörige anderer Religionen in islamisch geprägten Staaten (noch weit) schlechter behandelt als die christlichen Minderheiten, selbst dann, wenn es sich wie bei den Jesiden und den Bahá’í um alteingesessene Minderheiten handelt.

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