
„Wir hatten eine ukrainische Fahne in unserer Wohnung versteckt“ – Das Leben in Isjum unter russischer Besatzung
Interview vom 29. September 2022
Iryna Skatschko
Olha Miroschnitschenko wurde in Isjum (Region Charkiw) geboren. Die junge Frau überlebte die sechsmonatige Besetzung ihrer Heimatstadt. Sie sagt, sie habe immer geglaubt, dass der Feind fliehen würde. Deshalb hatte sie keine Angst, den Russen zu sagen, was sie von ihnen hielt.
– Zuerst besetzten die Russen die andere Seite des Flusses. Fast einen Monat lang konnten sie nicht in unsere Stadt eindringen. Fast einen Monat lang haben sich die Menschen in den Kellern versteckt. Die Russen haben Bomben auf uns geworfen. Zivilisten starben. Glauben Sie mir, wenn Bomben auf Ihren Kopf fallen, ist ein Keller nicht der richtige Ort, um sich zu verstecken.
Wir sahen alles mit eigenen Augen – Bomben, die geworfen wurden, und Raketen, die aus Hubschraubern fielen. Man ging mit seinem Hund spazieren und sah den Himmel voller Hubschrauber; es war schrecklich und beängstigend.
In den ersten Tagen, als die Innenstadt zerstört wurde, waren wir in unserer Wohnung im vierten Stock. Wir gingen nicht in den Keller. Wir konnten es einfach nicht glauben. Später sind wir in die Wohnung meiner Mutter im Erdgeschoss gezogen. Dort war es nicht so beängstigend wie im vierten Stock.
Die Besetzung
– Ich sah die ersten Russen, die gerade über den Fluss in unser Viertel kamen. Das war in dem Viertel, wo wir Speck kaufen wollten. Wir gingen die leere Straße entlang und sie (die Russen) kamen auf uns zu. Sie hatten keine Fahnen, keine Schilder, nichts. Es waren Soldaten, aber wir wussten nicht, ob sie zu uns gehörten oder nicht.
Sie fragten mich auf Russisch: „Ist die Stadt sicher?“ Ich antwortete: „Die Stadt ist sicher, aber jenseits des Flusses sind viele russische Bastarde!“ Dann fragte ich sie: „Welche Armee repräsentiert ihr?“ „Die russische!“ „Dann habe ich euch nichts zu sagen…“ Und ich begann zu weinen.
Sie sagten zu mir: „Bitte beruhigen Sie sich! Wir sind hier, um Sie zu befreien!“ Ich sagte: „Vor wem?“ Sie antworteten: „Vor den Faschisten!“ Ich sagte: „Gut, dann halte mich für eine Faschistin… Also bitte, erschieß dich und lass mich frei!“
– Erinnern Sie sich an das Datum dieses Gesprächs?
– Es ist schwer zu sagen; die Tage verschmolzen zu einem. Wir waren die ganze Zeit im Keller. Es gab kein Licht, kein Wasser. Wir waren die ganze Zeit im Dunkeln, das war hart. Wir hatten keine Kerzen mehr, wir hatten nichts zu essen, nichts zu trinken. Wir haben im Hof gekocht. Es gab kein Holz. Unser Freund kam mit einer Kettensäge und wir fällten trockene Bäume und machten Feuer. Wir haben alle zusammen gekocht – Leute aus zwei Wohngebäuden. Es gab sogar eine Schlange, um zu sehen, wer als nächstes Wasser kochen durfte.
– Hatten Sie genug zu essen?
– Meine Freunde haben mir sehr geholfen. Sie haben mir Nudeln, Kartoffeln und Gemüse gebracht. Um ehrlich zu sein war ich, als der Krieg begann, sehr besorgt, wie ich meinen Hund ernähren sollte. Also kaufte ich alles, was ich in die Hände bekam: Leber, Getreide, Nudeln. Alles, womit ich den Hund füttern konnte. An mich selbst dachte ich nicht. Und später, im härtesten Monat im Keller, haben wir alle gegessen, was der Hund gefressen hat. Wir haben zusammen auf dem Boden geschlafen, in unseren Schlafsäcken. Der Hund hielt uns warm. Das Wasser in den Wohnungen gefror. Bei acht Grad über Null gingen wir wieder in die Wohnung. Da war es wärmer als im Keller.
Wir fanden einen Brunnen, aus dem wir Wasser holen konnten. Später, als die Russen in die Stadt kamen, gaben sie einigen Leuten Heizöl, um die Generatoren zu betreiben. Es gab einen Mann, der den Leuten Wasser verkaufte. Die Russen bestraften diesen Mann und zwangen ihn, das Wasser umsonst abzugeben. Für kurze Zeit hatten wir Wasser.
– Wie war die Stimmung in der Stadt während der Besatzungszeit?
– Moralisch war es sehr schwer. Ständig sahen wir feindliches Militärgerät. Sie gingen ständig überall hin und kontrollierten alles. Sie nannten es „Säuberungsaktion“. Sie öffneten alle Wohnungen, in denen niemand wohnte. Alles hing vom menschlichen Faktor ab: Manche Russen traten alle Türen ein, ohne auf jemanden zu hören, aber einigen konnte man erklären, dass man die Wohnungstüren öffnen kann, wenn man einen Schlüssel hat. Sie gingen einfach rein und schauten sich um.
Unser Hof war der Einzige in der ganzen Nachbarschaft, der fast unbeschädigt war. Nur an einer Seite des Hauses sind die Fenster kaputt. Der Rest der Stadt ist zerbombt und beschädigt.
Ich habe mit ihnen Ukrainisch gesprochen
– …Eines Tages hörte ich, wie jemand versuchte, in die Wohnung meiner Freunde einzubrechen. Ich hatte die Wohnungsschlüssel. Ich rannte mit den Schlüsseln hin, aber sie (die Russen) hatten schon die Tür eingeschlagen und das Schloss beschädigt. Ich fing an zu schreien: „Was macht ihr da?! Raus hier!“ Sie haben die Wohnung nicht einmal betreten und sind wieder gegangen. Später fragten mich meine Nachbarn: „Hattest du keine Angst, so mit ihnen zu reden? Bist du unsterblich oder was?“ Manche sagten sogar: „Vergiss die Ukraine. Hier wird Russland sein!“ Doch ich habe die Ukraine nie vergessen.
In unserer Wohnung war eine ukrainische Fahne versteckt! Sie war im Schrank. Wir hatten auch eine kleine Fahne in der Küche meiner Mutter, aber wir haben sie nicht einmal versteckt. Sie war in einem Blumenstrauß und ist immer noch da. Bei meinem Freund gibt es einen Dreizack (ukrainisches Nationalsymbol) auf dem Haus, der aus kleinen Flaschendeckeln besteht. Den kann man nicht einfach weglegen oder verstecken wie eine Fahne. Also haben sie (die Russen) ihn gezwungen, den Dreizack mit einem Tuch zu bedecken.
– Hat das russische Militär den Einheimischen geschadet?
– Ich kann nicht sagen, dass sie sehr hart zu den Einheimischen waren. Wenn ich mich an den Checkpoints weigerte, meinen Ausweis zu zeigen, oder wenn ich sagte: „Was macht ihr hier? Geht zurück nach Russland!“, haben sie mir gedroht, mich zu erschießen. Es passierten verschiedene Dinge. Ich wurde dreimal festgenommen, aber sie taten mir nichts, sie redeten nur mit mir.
Ich habe Schimpfwörter genutzt, wenn ich mit ihnen gesprochen habe. Sie haben genauso geantwortet. Ich tat, was ich konnte, ich war sehr emotional. Ich nannte sie „Propagandazombies“, und sie antworteten genauso.
– Einmal kamen sie, um die Wohnung zu durchsuchen…
– Einmal, als sie (die Russen) eine Volkszählung durchführten, erlaubte ich ihnen nicht, ein Foto von meinem ukrainischen Personalausweis zu machen. Also kamen sie später für eine Durchsuchung. Außerdem habe ich sie dann auf Ukrainisch angesprochen, weil ich zwei Gummibänder – gelb und blau – an der Uniform eines der russischen Soldaten gesehen habe. Ich sagte: „Leute, es ist so schön, die ukrainischen Nationalfarben auf russischen Uniformen zu sehen! Ihr habt mir den Tag versüßt! Vielen Dank dafür! Wollt ihr zum Tee reinkommen?“ Sie lehnten ab. Und ich sagte: „Kommt, ich werde euch nicht vergiften. Kommt rein!“ Sie gingen und zwei Stunden später brachen sie das Tor auf und umstellten das Haus. Es war wie im Film: alle in Sturmmasken, mit Maschinengewehren. Ich fing an, sie anzuschreien, weil sie den Vorhang von der Haustür gerissen hatten. Sie haben mich mit Gewehren bedroht. Dann haben wir geredet. Sie wussten, dass ich Lehrerin bin. Sie haben mich gefragt, warum ich nicht arbeite. Ich habe doch Englisch unterrichtet. Ich sagte: „Wovon redet ihr? Hier ist Krieg. Und ihr seid hier. Wenn ihr (aus der Stadt) verschwindet, gehe ich wieder arbeiten“. Sie haben das Haus durchsucht, aber nichts gefunden. Sogar das Brennholz haben sie durchsucht. Sie haben mein Auto mitgenommen, so wie sie die Autos aller anderen mitgenommen haben. Sie malten „Z“ und „V“ auf die Autos der Leute, fuhren sie weg und ließen sie dann kaputt irgendwo stehen.
– Wurde jemand, den Sie kennen, verhaftet?
– Ein Freund von mir wurde verhaftet. Er heißt Jascha und war bei der Territorialverteidigung. Seine Wohnung wurde angezündet. Als die Russen ihn in ein Auto setzen, konnte ich sehen, wie er geschlagen und mit Handschellen gefesselt wurde. Ich weiß nicht, was mit ihm passiert ist. Es ist jetzt ein halbes Jahr her – und immer noch keine Nachricht von ihm (der Mann ist jetzt frei – Anm. d. Red.). Im Nachbarhaus wohnte ein Mann, der in der Armee gedient hatte. Sie (die Russen) schlugen ihn schwer, und die Ärzte durften ihm keine erste Hilfe leisten. Seine Nachbarn wussten aber Bescheid und eine junge Frau kümmerte sich um ihn. Sie brachte ihm Essen und Medikamente. Aber es gab auch Leute, die ihn tot sehen wollten. Es war schwer, umringt zu sein von Russen und Nachbarn, die ihnen die Hände schüttelten. Einige von ihnen hörten Radio „Z“. Ich sagte zu ihnen: „Wie könnt ihr so etwas hören? Hört doch ukrainisches Radio!“
– War es möglich, während der Besatzung ukrainischen Rundfunk zu hören?
– Ja, wir konnten ihn hören! Solange wir Batterien für das Radio hatten, konnten wir es hören. Meine Patentante hörte es und erzählte uns die neuesten Nachrichten. Wir konnten sogar ukrainische Fernsehsender schauen, wenn es Strom gab. Na ja, wir konnten es kaum sehen, aber wir konnten es hören. Heute haben wir keinen Strom und keine Batterien, aber damals haben wir zugehört und geglaubt. In der Stadt gab es zu viele Gerüchte. Es gab zum Beispiel das Gerücht, dass wir neue russische Ausweise bekommen würden, statt der ukrainischen… Nun, ich habe hier keine russischen Ausweise gesehen.
– Welche Monate waren die schlimmsten? War es der Frühling 2022?
– Ja, im Frühjahr 2022 sind viele Menschen gestorben. Es gab viele Bomben und Granaten. Die Ermittler graben jetzt Massengräber aus.
– Kennen Sie die Orte, an die die Häftlinge gebracht wurden?
– Es gab solche Orte. Ein Freund von mir hat mir davon erzählt, er war dort. Ich selbst habe sie nicht gesehen. Er sagte, sie (die Russen) hielten die Leute irgendwo in Garagen fest.
Die Befreiung
– …Als unsere (ukrainischen) Autos zum ersten Mal in die Stadt fuhren, trugen wir Wasser nach Hause.
Mein Fahrrad und das Wasser fielen zu Boden: Wir sprangen und riefen: „Ehre der Ukraine!“
Die Autos wurden langsamer, als sie die Menschen sahen. Sie machten auf sich aufmerksam, sie reagierten! In der Nähe dieses Ortes lag verlassenes Militärgerät. Als wir Wasser holten, war ein „Z“ darauf gemalt. Als wir zurückkamen, war bereits eine ukrainische Flagge auf der Ausrüstung. Das „Z“ war durchgestrichen und stattdessen war „ЗСУ“ (die Streitkräfte der Ukraine) aufgemalt. Es war fantastisch! Ich weiß gar nicht, wie ich das beschreiben soll! Solche Gefühle habe ich in meinem Leben noch nie erlebt.
Das Interview wurde von der Charkiwer Menschenrechtsgruppe vorbereitet und von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte übersetzt.