Die vergessene Krise

Khalil Al-Rasho in einem Flüchtlingslager in der Autonomen Region Kurdistan, Irak / Foto: IGFM
12 Jahre Genozid an den Jesiden
Die Krise ist längst aus den Schlagzeilen verschwunden, aber noch lange nicht vorbei. Ein IGFM-Newsletter
Liebe Freundinnen und Freunde der IGFM,
heute, am 3. August, jährt sich der Genozid an den Jesiden durch die radikalislamische Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) zum zwölften Mal.
Zwar endete die Terrorherrschaft des IS, doch ihre Folgen prägen den Alltag der Überlebenden bis heute. Schätzungsweise befinden sich bis heute Tausende Jesiden in IS-Gefangenschaft. Zehntausende Familien leben immer noch in Flüchtlingslagern. Viele Dörfer sind weiterhin zerstört, die Sicherheitslage bleibt instabil, Arbeitsplätze fehlen, internationale Hilfsprogramme werden zunehmend eingestellt.
Die humanitäre Lage für über 200.000 jesidische Binnenvertriebene in der Autonomen Region Kurdistan bleibt katastrophal. Vor allem junge Menschen stehen vor einer schwierigen Entscheidung: ihre Heimat zu verlassen – oder zu bleiben, obwohl sie oft keinerlei Perspektiven haben.
Genau aus diesem Grund setzt die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) ihre Arbeit gemeinsam mit ihren Partnern vor Ort konsequent fort. Wir bleiben, auch wenn andere gehen. Im Folgenden stellen wir unsere aktuellen Aktivitäten in der Region vor.
Vielen Dank, dass Sie sich für unsere Arbeit interessieren und diese mit Ihrer Spende unterstützen.
Viele Grüße aus Frankfurt am Main,
Khalil Al-Rasho
Leiter der humanitären Hilfe Naher Osten

„Ich konnte meinen Traum verwirklichen“
Als Subaz Ali ihr Medizinstudium aus finanziellen Gründen nicht mehr fortsetzen konnte, schien ihr Traum vom Arztberuf vorbei. Heute behandelt die junge Jesidin Patientinnen und Patienten in der Autonomen Region Kurdistan. Dass sie ihren Abschluss machen konnte, verdankt sie dem Studienförderprogramm der IGFM.
Grußwort von Subaz Ali, Studentin der medizinischen Fakultät in Mosul, zur IGFM-Jahreskonferenz 2026
Subaz ist Jesidin. Als der „Islamische Staat“ im August 2014 den Genozid an den Jesiden verübte, verlor ihre Familie ihre Heimat. Wie hunderttausende andere floh sie in die Autonome Region Kurdistan. Seit 2014 lebt sie immer noch mit ihrer Mutter und sechs Geschwistern in zwei Zelten im Lager Al-Sheikhan.
Die Startbedingungen von Subaz waren von Entbehrung und Armut geprägt, und dennoch hielt sie an ihrem Traum fest, Medizin studieren zu dürfen. Sie lernte eifrig und machte ein gutes Abitur. Doch bei der Vergabe von Stipendien für ein Studium hatten Jesiden nicht die gleichen Chancen.
Als die IGFM auf diese schwierige Situation aufmerksam gemacht wurde, nahm die IGFM mehrere Studenten mit Nachweisen über gute Semesterabschlüsse in ein Förderprogramm auf. Darunter war auch Subaz Ali.
Subaz ist die zweite, die ihr Studium erfolgreich abschließen konnte. Und was der IGFM besonders wichtig ist: Subaz Ali geht nicht zwecks besserer Verdienstmöglichkeiten ins Ausland, sondern bleibt in ihrer Heimat Kurdistan, ist für ihr Umfeld ein Anker und damit Partnerin beim Wiederaufbau ihrer Heimat.
Ihre Geschichte zeigt, was langfristige Hilfe bewirken kann. Mit Ihrer Unterstützung möchte die IGFM weiteren jungen Jesidinnen und Jesiden die Chance geben, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Mit nur 500 Euro pro Semester können Studiengebühren, Lehrbücher, Lernmaterialien oder ein Teil des Lebensunterhalts finanziert werden. So erhalten engagierte junge Menschen in der Region Kurdistan die Möglichkeit, ihr Studium erfolgreich abzuschließen und ihre Kenntnisse später zum Wohl ihrer Gemeinschaft einzusetzen.
Neue Fluchtbewegungen und rechtliche Unsicherheit in Syrien
Khalil Al-Rasho im Interview mit einem kurdischen TV-Sender im Februar 2026
Nach dem tiefgreifenden politischen Umbruch in Syrien und dem damit einhergehenden Machtwechsel im Dezember 2024 sind vor allem Minderheiten wie Jesiden und Christen sind von neuen Fluchtwellen betroffen.
Für die dort lebenden Minderheiten bedeutet dies den Verlust rechtlicher Sicherheit und eine akute Bedrohung ihrer kulturellen sowie religiösen Identität. Besonders gravierend sind die Befürchtungen hinsichtlich der Frauenrechte, da mit den neuen Strukturen eine massive Einschränkung der weiblichen Selbstbestimmung und gesellschaftlichen Teilhabe droht.
Der Mangel an medizinischer Versorgung ist in der Region ausgeprägt. Betroffen sind davon vor allem Menschen mit Krebserkrankungen oder anderen schweren chronischen Erkrankungen, die auf eine regelmäßige Medikation angewiesen sind. Die IGFM versucht, diese Defizite durch finanzielle Soforthilfen auszugleichen, damit die Betroffenen die benötigten Medikamente weiter einnehmen können.
Erinnerung allein genügt nicht
Der Genozid hat den Jesiden nicht nur ihre Heimat genommen. Er hat vielen die Hoffnung und die Zukunft geraubt.
Seit 2014 begleitet die IGFM ununterbrochen jesidische Familien. Was mit Lebensmittelpaketen, Decken und medizinischer Versorgung begann, ist heute zur langfristigen, nachhaltigen und wirksamen Hilfe geworden. Unser Ziel ist es nicht nur, akute Not zu lindern, sondern den Familien neue Hoffnung und Stabilität zu geben.
Dank Ihrer Unterstützung konnten wir unter anderem:
- Lebensmittel und Hygienepakete bereitstellen,
- medizinische Hilfe vor Ort ermöglichen,
- besonders bedürftige Familien unterstützen,
- Kindern und älteren Menschen dringend benötigte Versorgung zukommen lassen,
- lokale Hilfsstrukturen stärken, die den Menschen dauerhaft zur Seite stehen,
- verlässliche Zukunftsperspektiven durch die Übernahme von Studiengebühren für junge Geflüchtete schaffen.
Khalil Al-Rasho und unsere Partner kennen die Menschen persönlich, wissen, wo die Hilfe am dringendsten gebraucht wird, und können auch abgelegene Gemeinden erreichen. Dadurch kommt Ihre Spende genau dort an, wo sie gebraucht wird. Alle Spenden in jeder Höhe sind willkommen.