Fatemeh Sepehri

Die politische Aktivistin Fatemeh Sepehri wurde bereits mehrmals aufgrund ihrer Teilnahme an friedlichen Protesten verhaftet und verurteilt. Das letzte willkürliche Urteil lautet 18 Jahre Haft für die Mutter von vier Kindern. Ihr derzeitiger Gesundheitszustand ist sehr kritisch und besorgniserregend. Trotzdem erhält sie keine medizinische Versorgung und wird in Isolationshaft gehalten.
Aktivistin in Lebensgefahr
Fatemeh Sepehri wuchs als einziges Mädchen mit sechs Brüdern in tief religiösen Verhältnissen auf – als Tochter eines Mullahs, der ihr eine höhere Ausbildung verwehrte und sie dazu aufforderte, einen Tschador zu tragen. Ihre Brüder hingegen durften zur Schule gehen und erhielten die Chance auf Bildung. Ihr brachte der konservative Vater selbst das Lesen bei. Sie sollte den Koran lesen können, aber keine anderen Bücher. Fatemeh sank regelrecht in die Bücher hinein, die sie in die Hände bekommen konnte. Ihr Vater erlaubte es ihr alleinig, in einer Mädchenschule schneidern zu lernen. Ihre Sehnsucht nach schulischer Ausbildung konnte sie sich endlich mit 40 Jahren erfüllen – so schaffte sie im Jahr 2004 die Aufnahmeprüfung der Firdausi-Universität in Maschhad und schloss ihren Bachelor-Abschluss in Business Management ab.
Doch zunächst wurde sie nach der Revolution, mit fünfzehn Jahren, ohne ihre Zustimmung mit einem Cousin ihres Vaters verheiratet. Ein Jahr nach der Heirat bekam sie ihr erstes Kind von vier. Fatemehs Ehemann war ein fanatischer Anhänger der Islamischen Republik und verstarb im Jahr 1982 im Iran-Irak-Krieg. So wurde Fatemeh zur jungen Witwe eines Märtyrers. Das Erbe ihres verstorbenen Mannes wurde ihr, nach islamischem Recht auf „legaler“ Weise, vorenthalten. Die „Foundation of Martyrs and Veteran Affairs“, die sich eigentlich um die hinterbliebenen Familien kümmern sollte, konfiszierte das Hab und Gut von Fatemeh. Sie rechtfertigten diese Handlung damit, dass sie ihren Kindern schon alles zurückgeben würden, wenn diese erwachsen seien. Nicht nur diese eine erlebte Ungerechtigkeit von vielen, sondern auch die generelle systematische Unterdrückung von Frauen ließ Fatemehs kritische Stimme gegenüber dem Regime laut werden. Auch die Verhaftung ihres ebenso aktivistischen Bruders hielt sie nicht dabei auf, gegen das Regime zu kämpfen.
Politisches Engagement und Inhaftierungen
«Ich möchte, dass der Oberste Führer, Ajatollah Seyyed Ali Chamenei, zurücktritt. (…) Ich verlange, dass der Iran eine säkulare Demokratie wird. Ein Staat, der die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte endlich achtet.»
Fatemeh ist bereits mehrmals verhaftet, verurteilt und auch gefoltert worden – zum Beispiel in 2019, als eine der 14 Unterzeichnerinnen eines offenen Schreibens, in dem Ali Khameneis Rücktritt, die Abschaffung der Islamischen Republik sowie die Einsetzung einer säkularen Regierung gefordert wurde. Oder am 01. August 2021, als sie während einer friedlichen Demonstration für die Unterstützung der Menschen in Khuzestan festgenommen wurde. Ihr Bruder Mohammad Hossein Sepehri hatte in 2019 auch das Schreiben unterzeichnet und befand sich ebenso willkürlich in Haft. Fatemeh wurde aufgrund von „ungebührlichen Verhaltens, Anstiftung zu Unruhen und Verbreitung von Lügen“ angeklagt und zu fünf Jahren Gefängnis sowie 154 Peitschenhieben verurteilt. Schließlich erhielt sie eine Bewährungsstrafe und wurde nach neun Monaten aus dem Gefängnis entlassen.
18 Jahre Gefängnis
Erneut wurde Fatemeh im Zuge der landesweiten Proteste im Iran am 21. September 2022 in ihrem Haus im Nordosten von Mashhad verhaftet. Sie wurde ins Vakilabad-Gefängnis gebracht. Am 23. Oktober 2022 veröffentlichte Fatemehs Tochter ein Video, indem sie auf die grausamen Haftbedingungen in der Isolationszelle ihrer Mutter und auch auf die besorgniserregenden gesundheitlichen Zustände der Aktivistin aufmerksam machte. In einem anderen Fall verurteilte das Revolutionsgericht Mashhad Fatemeh im Januar 2023 zu einem Jahr Haft und einer Geldstrafe wegen „Verbreitung von Unwahrheiten, Störung der öffentlichen Meinung durch Aktivitäten in sozialen Medien und Präsenz in Medien außerhalb des Irans“. Im Februar 2023 verurteilte die erste Kammer des Revolutionsgerichts von Mashhad Fatemeh zu insgesamt 18 Jahren Haft, unter anderem wegen „Propaganda gegen das Regime“, „Zusammenarbeit mit feindlichen Ländern“ und „Beleidigung des Obersten Führers“ Khamenei und seines Vorgängers Ruhollah Khomeini. Fatemeh legte Berufung ein, jedoch erfolglos. Der Prozess spielte sich höchst intransparent ab und wurde laut ihres Bruders Asghar Sepehri ohne juristische Verteidigung für Fatemeh durchgeführt.
Kritischer Gesundheitszustand der Aktivistin
Sie verlor seit ihrer Inhaftierung etwa 15 Kilogramm, teilte ihr Bruder auf Twitter mit. Vor der Festnahme wurde Fatemeh an der Hand operiert und benötigt dringend Physiotherapie sowie Medikamente. Ihr werden keine Medikamente zur Verfügung gestellt. Außerdem leidet Fatemeh an Diabetes und Bluthochdruck und musste Berichten zufolge am 25. Mai 2023 aufgrund von gastrointestinalen Blutungen kurzfristig in das Imam-Reza-Krankenhaus gebracht werden. Trotz ihres sehr kritischen Gesundheitszustandes, der sich unter dem psychischen Druck im Gefängnis weiter verschlechtert, verweigert die Staatsanwaltschaft eine Freilassung auf Kaution. Fatemeh wurde entgegen der ärztlichen Empfehlungen ohne die notwendige Behandlung wieder ins Gefängnis gebracht. Ihr wurden monatelang Besuche im Gefängnis verweigert, die erlaubten Telefonate sind sehr restriktiv und strengstens überwacht.
Stand: Dezember 2023


