Weinende Mütter hinter Gittern

Zum Muttertag 2020 stellt die IGFM stellvertretend inhaftierte Bürgerrechtlerinnen vor. Bild von Clker, Pixabay.
IGFM zum Muttertag am 10. Mai 2020: Diese Frauen haben keine Verbrechen begangen!
Frankfurt am Main, 6. Mai 2020 – Schläge statt Blumen, Einzelhaft statt Familienbesuch und Tränen statt funkelnde Kinderaugen: So sieht der diesjährige Muttertag für viele inhaftierte Bürgerrechtlerinnen weltweit aus. Diese Frauen haben keine Verbrechen begangen, sondern sich mutig für die Menschenrechte in ihrem Land eingesetzt, die Regierung kritisiert und auf Missstände aufmerksam gemacht. Deshalb wurden sie willkürlich verhaftet, gefoltert und zu hohen Strafen verurteilt. Zum Muttertag am 10. Mai erinnert die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) an diese Frauen.
„Mütter von ihren Kindern vorsätzlich zu trennen, ist schrecklich. Zusätzlich zu den absurd hohen und unrechtmäßigen Strafen, den Misshandlungen und schlimmen Haftbedingungen werden dadurch ganze Familien zerstört und Kinder traumatisiert“, erklärt Martin Lessenthin, Vorstandssprecher der IGFM. Stellvertretend für alle unschuldig inhaftierten Mütter stellt die IGFM inhaftierte Bürgerrechtlerinnen aus der Türkei, dem Iran, China und Kuba vor, die aktuell von ihren Familien getrennt sind. Die IGFM ruft die internationale Gemeinschaft dazu auf, die couragierten Bürgerrechtlerinnen weltweit nicht zu vergessen und sich für deren sofortige Freilassung und Rehabilitierung einzusetzen.

Nasrin Sotoudeh – 33 Jahre Haft und 148 Peitschenhiebe für die zweifache Mutter
Nasrin Sotoudeh hat sich vom iranischen Regime nicht einschüchtern lassen. Nicht durch Drohungen, Verhaftungen und Misshandlungen. Sie forderte vehement die Einhaltung iranischen Rechts und internationaler Mindeststandards. Zudem hat sie als Rechtsanwältin weiterhin Menschen vertreten, die von der Führung der Islamischen Republik seit Jahren unterdrückt werden – Frauen, Menschenrechtsaktivisten und Angehörige von Minderheiten. Außerdem sprach sie sich selbst öffentlich gegen den Kopftuchzwang aus. Am 13. Juni 2018 wusste sich das iranische Regime nicht mehr anders zu helfen als die Rechtsanwältin ohne Vorwarnung erneut zu verhaften. Sie wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, ohne die Möglichkeit zu haben, selbst beim Prozess anwesend zu sein oder sich verteidigen zu können. In einem erneuten Prozess wurde die zweifache Mutter aufgrund ihres Einsatzes gegen den im Iran allgegenwärtigen Kopftuchzwang zu 33 Jahren Haft und 148 Peitschenhieben verurteilt. Aus dem Evin-Gefängnis heraus fordert sie die Freilassung aller politischen Gefangenen im Iran und trat dafür am 17. März 2020 in einen einwöchigen Hungerstreik. Nasrin Sotoudeh erhielt im Jahr 2012 vom Europäischen Parlament den Sacharow-Preis für geistige Freiheit. Sie ist Mitglied des Kuratoriums der IGFM.

Martha Sánchez – Eine der inhaftierten „Damen in Weiß“ auf Kuba und vierfache Mutter
Die „Damen in Weiß“ („Damas de Blanco“) sind die international bekannteste Bürgerrechtsbewegung Kubas. Sie gründeten sich im Jahr 2003, als im so genannten kubanischen „schwarzen Frühling“ 75 Bürgerrechtler und unabhängige Journalisten willkürlich verhaftet wurden. Regelmäßig werden sie von regimenahen Schlägergruppen angegriffen und von staatlichen Stellen an friedlicher Meinungsäußerung gehindert. So auch Martha Sánchez, die am 11. März 2018 verhaftet wurde, als sie auf dem Weg zur Kirche San Marcos war. Unter anderem wegen Ungehorsam und Störung der öffentlichen Ordnung wurde die Mutter von vier Kindern zu einer viereinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt, die sie bis heute absitzt.

Narges Mohammadi – Iranische Journalistin und zweifache Mutter zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt
Narges Mohammadi war Vizepräsidentin und Sprecherin des iranischen Menschenrechtszentrums, als sie im Oktober 2011 zu elf Jahren Haft verurteilt wurde. Nach internationalen Protesten wurde die Haftstrafe im März 2012 auf sechs Jahre reduziert. Wegen ihres schlechten Gesundheitszustands wurde die zweifache Mutter gegen eine hohe Kaution in ein Krankenhaus entlassen. Doch dem iranischen Regime war die Journalistin weiterhin ein Dorn im Auge: So wurde sie aufgrund ihres Eintretens für die Gleichberechtigung im Iran und eines Treffens mit der damaligen hohen Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik Catherine Ashton im Mai 2015 erneut inhaftiert und zu 16 Jahren Haft verurteilt. Am Tag der Menschenrechte 2016 erhielt Narges Mohammadi auf Vorschlag der IGFM den Menschenrechtspreis der Stadt Weimar. Ihre Kinder Kiana und Ali leben mit ihrem Ehemann Taghi Rahmani, der als Journalist selbst 15 Jahre lang politischer Gefangener im Iran war, in Frankreich. Trotz der Coronavirus-Pandemie sitzt Narges Mohammadi weiterhin als politische Gefangene im Zanjan Gefängnis im Westiran ein. Eine vorzeitige Haftentlassung oder Begnadigung aufgrund der aktuellen Krise wurde kürzlich abgelehnt.

Gulseren Yildirim – Seit 4. November 2016 im Gefängnis wegen „kurdischer Aktivitäten“
Die kurdisch-stämmige Politikerin der Demokratischen Volkspartei (HDP) ist gewählte Abgeordnete in Mardin und wurde 2011 und 2015 wiederholt gewählt. Die Abgeordnete der HDP Mardin wurde zu 7 Jahren und 6 Monaten Gefängnis verurteilt, weil sie angeblich „Mitglied einer bewaffneten Terrororganisation“ sei. Gülseren Yildirim gehörte zu insgesamt zwölf Abgeordneten, die am 4. November 2016 festgenommen wurden, darunter die HDP-Ko-Vorsitzenden. Die 1963 in Nuseybin/ Mardin geborene Politikerin hat vier Kinder, ihr Ehemann arbeitet als Zahnarzt in Mardin.

Erdenetuya – Zweifache Mutter in der Inneren Mongolei zu 5 Jahren und 6 Monaten Haft verurteilt
Die 63-Jährige Erdenetuya wurde drei Jahre lang von der Polizei verfolgt, weil sie an Gott glaubt, sich in der Kirche engagiert und christliche Versammlungen organisiert. Die Mutter eines Sohnes und einer Tochter wurde am Abend des 17. Mai 2018 von mehreren Polizisten der Grenzpolizeistation in Tamusu in der Autonomen Region Innere Mongolei festgenommen. Die offizielle Anklage lautete „Ausnutzung einer xie jiao-Organisation zur Gefährdung der Staatssicherheit“. Als „xie jiao-Organisation“ bezeichnet die Regierung der Volksrepublik China jegliche religiöse Bewegung, die in der Volksrepublik verboten ist. Erdenetuya wurde zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt, die sie im Nr. 4 Frauengefängnis in der Inneren Mongolei absitzt.

Hozan Cane – Wegen Terrorvorwürfen zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt
Die seit Juni 2018 in Istanbul inhaftierte deutsche Sängerin mit kurdischen Wurzeln Hozan Cane ist eine von fünf deutschen Staatsbürgern, die aus politischen Gründen festgehalten werden. Türkische Sicherheitsbeamte verhafteten die Kölner Sängerin, die mit bürgerlichem Namen Saide Inac heißt, im Juni 2018 auf einer Wahlkampfveranstaltung der kurdischen HDP in der Türkei. Nach nur drei Verhandlungstagen wurde sie wegen Terrorvorwürfen zu sechs Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Das Gericht im westtürkischen Edirne sprach Hozan Cane wegen Mitgliedschaft in der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK für schuldig. Von den Vorwürfen der Volksverhetzung und der Beleidigung des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk sprach das Gericht die Sängerin allerdings frei. Hozan Canes Tochter, Gönül Örs, wurde ebenfalls verhaftet und sitzt ebenso in einem türkischen Gefängnis im Großraum Istanbul. Textquelle: Hülya Topcu, Deutsche Welle, LINK:

Li Fangli – 10 Jahre Gefängnis wegen Glaube an Gott
Zusammen mit drei anderen Christen wurde Li Fangli am 29. September 2017 von der Polizei festgenommen, als sie in einem Haus in Suining in der Provinz Sichuan kirchliche Arbeit besprachen. Ohne irgendwelche offziellen Dokumente zu zeigen, durchsuchte die Polizei das Haus. Die Beamten gingen gewaltsam vor und konfiszierten unter anderem Bargeld der Kirche in Höhe von umgerechnet rund 1.100 Dollar und vier Laptops. Li Fangli und die drei anderen Gläubigen wurden mit Handschellen gefesselt zur Polizeistation gebracht. Die 56-Jährige Mutter eines Sohnes und einer Tochter wurde wegen „Ausnutzung einer xie jiao-Organisation zur Gefährdung der Staatssicherheit“ angeklagt und zu zehn Jahren Haft verurteilt. Sie befindet sich im Frauengefängnis in Chendu in der Sichuan Provinz.
Im Iran sitzen viele Mütter hinter Gittern der Mullah-Diktatur.
Lesen Sie hier, welche Bürgerrechtlerinnen im Gefängnis sitzen und wie Sie ihnen helfen können.
