Zum Inhalt springen

Menschenrechte verteidigen beginnt mit Hinsehen.

Aktuelle Fälle
IGFM Internationale Gesellschaft
für Menschenrechte
Jetzt Spenden

Sieben Jahre Haft für Sascha Skotschilenko 

Sascha Skotschilenko

Am 11. April 2022 wurde die russische Künstlerin Sascha Skotschilenko festgenommen. Nach langer Untersuchungshaft wurde sie nun zu sieben Jahren Haft verurteilt. Noch in ihrer letzten Rede vor Gericht sprach sie sich gegen den Krieg aus und verurteilte die Verhältnislosigkeit ihrer Anklage.

Sieben Jahre Haft für Künstlerin

Gefängnisstrafe nach Aufkleben von Stickern

Frankfurt am Main/ St. Petersburg, 17. November 2023 – Nach langer Untersuchungshaft wurde die russische Künstlerin Sascha Skotschilenko am 16. November 2023 zu sieben Jahren Haft verurteilt. Der Grund für ihre Haftstrafe: fünf Aufkleber, die sie in einem Supermarkt an die Stelle der Preisschilder geklebt hatte. Die Aufkleber zeigten statt der Produktnamen Antikriegs-Botschaften. In ihrer letzten Rede vor Gericht, sprach sich Sascha Skotschilenko gegen die Verhältnislosigkeit im Umgehen mit ihrer Aktion aus.

Im Folgenden haben wir einen Teil ihrer halbstündigen Rede vor Gericht übersetzt:

Euer Ehren! Sehr geehrte Damen und Herren!

Mein Fall ist so komisch und lustig, dass die Mitarbeiter von SIZO-5 ihre Augen weit aufreißen und ausrufen: „Ist das wirklich das, wofür sie die Leute jetzt ins Gefängnis stecken?“

Mein Fall ist so komisch, dass sogar die Befürworter der „besonderen militärischen Operation“, die ich getroffen habe, nicht glauben, dass ich eine Gefängnisstrafe für das verdiene, was ich getan habe.

Mein Fall ist so komisch, dass mein Ermittler zurückgetreten ist, bevor der Fall abgeschlossen war. In einem persönlichen Gespräch mit meinem Anwalt sagte er: „Ich arbeite nicht in dem Untersuchungsausschuss, um Fälle wie den von Sascha Skotschilenko zu behandeln“.

Und er gab meinen Fall auf, der ihm eine glänzende Karriere versprach und ihm bereits einen Stern auf seinen Schulterklappen eingebracht hatte. Er verließ den Untersuchungsausschuss. Ich habe großen Respekt vor seiner Tat und glaube, dass wir uns ähnlich sind – wir haben beide nach unserem Gewissen gehandelt.

Aus datenschutzrechtlichen Gründen benötigt YouTube Ihre Einwilligung um geladen zu werden. Mehr Informationen finden Sie unter Datenschutzerklärung.

Das Wasileostrowski-Bezirksgericht von St. Petersburg hat die Künstlerin Sasha Skochilenko für „Falschaussagen über die russische Armee“ zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Video: Настоящее Время. Сюжеты

Die von mir verbreiteten Informationen konnten nur dank meiner Ermittler so weit verbreitet werden. Wäre ich nicht verhaftet worden, hätten nur eine ältere Frau, eine Kassiererin und ein Wachmann des Perekrestok-Ladens davon erfahren. Und zwei dieser drei waren, wie aus den Akten (meines) Strafverfahrens hervorgeht, von diesen Informationen (auf den Aufklebern) nicht beeindruckt.

Wir haben diese fünf Texte (von den Aufklebern) hunderte Male (vor Gericht) rezitiert, und was ist passiert? Hat sich die Erde aufgetan? Hat eine Revolution stattgefunden? Ist der Krieg zu Ende? Nein. Nichts davon ist passiert. Was ist dann das Problem?

Der Staatsanwalt hat wiederholt darauf hingewiesen, dass diese fünf Aufkleber für unseren Staat und unsere Gesellschaft äußerst gefährlich sind. Wie wenig Vertrauen hat unser Staatsanwalt in unseren Staat und unsere Gesellschaft, wenn er glaubt, dass unser Staat und unsere öffentliche Sicherheit durch fünf kleine Aufkleber ruiniert werden können!

Wer und wie wurde durch meine Taten geschädigt? Dazu äußerte sich der Staatsanwalt nicht.

Warum sitze ich dann seit anderthalb Jahren mit Dieben, Mördern, Vergewaltigern und Kinderschändern in Untersuchungshaft? Ist meine bescheidene Tat auch nur zu einem Hundertstel mit den großen Verbrechen vergleichbar?

Jedes Urteil ist eine Botschaft an die Gesellschaft. Sie werden mir zustimmen, dass ich meine eigenen moralischen Richtlinien habe. Sie werden mir zustimmen, dass ich Mut und einen unbeugsamen Charakter bewiesen habe.

Jemanden in Untersuchungshaft zu nehmen bedeutet in der Sprache der Ermittler, ihn „gefangen zu nehmen“. Ich habe mich also nicht unter Androhung von Gefängnis, Druck und Schikanen ergeben. Ich war nicht heuchlerisch, ich habe nicht gelogen, ich war ehrlich zu mir selbst und zum Gericht. Wenn Sie mich schuldig sprechen, welche Botschaft senden Sie dann an unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger? Dass man sich bei Strafe stellen muss? Dass man lügen und heucheln muss? Dass man sich keinen friedlichen Himmel über dem Kopf wünschen soll? Ist es das, was Sie unseren Mitbürgern in Zeiten der Depression, der Krise und des Stresses vermitteln wollen?

Jeder weiß und jeder sieht, dass Sie keine Terroristin, keine Extremistin und auch keine politische Aktivistin verurteilen. Sie verurteilen eine Musikerin, eine Künstlerin, eine Pazifistin.

Aus datenschutzrechtlichen Gründen benötigt YouTube Ihre Einwilligung um geladen zu werden. Mehr Informationen finden Sie unter Datenschutzerklärung.

Sascha Skotschilenko hielt ihre letzte Rede vor Gericht. Die russische Künstlerin wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt. Nach der Urteilsverkündung protestierten mehrere Personen gegen die haltlose Haftstrafe. Video: RusNews

Kriege enden nicht durch Krieger. Sie enden wegen der Pazifisten. Und wenn man Pazifisten einsperrt, rückt der ersehnte Tag des Friedens in immer weitere Ferne.

Selbst wenn ich hinter Gittern sitze, bin ich freier als Sie. Ich kann meine eigenen Entscheidungen treffen, ich kann sagen, was ich denke. Ich kann kündigen, wenn man mich zu etwas zwingt, was ich nicht tun will. Ich habe keine Feinde, ich habe keine Angst, ohne Geld oder gar ohne ein Dach über dem Kopf dazustehen.

Ich habe keine Angst davor, keine glänzende Karriere zu machen, komisch, verletzlich oder seltsam zu sein. Ich habe keine Angst, anders zu sein. Vielleicht ist das der Grund, warum mein Staat so viel Angst vor mir und meiner Art hat und mich wie ein gefährliches Tier in einem Käfig hält.

Euer Ehren! Mit Ihrem Urteil können Sie ein Beispiel für alle geben – ein Beispiel dafür, wie ein Konflikt durch Worte, Liebe, Barmherzigkeit und Mitgefühl gelöst werden kann und nicht dadurch, dass die so genannte Wahrheit durch ein Strafurteil erzwungen wird. Dies wird ein großer Schritt sein, um Wut abzubauen, die Gesellschaft zu heilen und zu versöhnen.

Euer Ehren! Ich verstehe, dass dies für Sie nur ein Job ist, ein Routinefall, stundenlange Arbeit und viel Papierkram. Vielleicht wird in dieser Routine, wie bei jeder Arbeit, die Wahrheit verdrängt und vergessen. Aber die Wahrheit ist, dass Sie große Macht haben: Sie können über das Schicksal von Menschen entscheiden. In diesem Fall liegen mein Schicksal, meine Gesundheit, mein Leben und das Glück meiner Lieben in Ihrer Macht. Ich vertraue darauf, dass Sie diese Macht weise einsetzen werden.

Aktuelle Pressemitteilungen der IGFM

210, 2026

Online-Pressegespräch Iran: Im Iran enteignet und entrechtet, aus Deutschland finanziert?

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) lädt am 7. Oktober 2026 um 11 Uhr gemeinsam mit iranischen Experten, Menschenrechtsaktivisten und Angehörigen von Betroffenen zu einem Gespräch über Menschenrechtsverletzungen, Festnahmen und Repressionen im Iran. Im Mittelpunkt steht der Bericht von Atossa Najafi über das Schicksal ihres Bruders Parsa Najafi.

110, 2026

Katrin Bornmüller erhält 30. Europäischen Sozialpreis zu Eschweiler

Der Europaverein GPB e.V. zeichnet am 3. Oktober die Ehrenvorsitzende der IGFM, Katrin Bornmüller aus Wittlich, mit dem Europäischen Sozialpreis aus. Unter dem Motto „Menschenrechte sind das Fundament Europas“ würdigt der Verein das jahrzehntelange ehrenamtliche Engagement der 86-Jährigen für die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) und ihren Einsatz für Menschen in Not – in Europa und im Nahen Osten.

3009, 2026

Peruaner im Krieg: „Sklaven der Russen“

In einem Pressegespräch der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) berichteten Angehörige über internationale Netzwerke, die Peruaner für die russische Armee rekrutieren. Mit hohen Gehaltsversprechen gelockt, werde die Reise nach Russland organisiert, dort würden unter Druck oder in völliger Unkenntnis über den Inhalt, Verträge unterzeichnet, sich den russischen Streitkräften anzuschließen.

2809, 2026

Gemeinsame Erklärung von Menschenrechtsorganisationen und der Zivilgesellschaft

Die Auslieferung von Mansur Mowlajew und Julia Emelianova nach Russland wird zu politisch motivierter Strafverfolgung, langjähriger Haft und Misshandlung führen. Daher fordert die IGFM und 149 weitere Unterzeichner Kasachstan auf, die Auslieferung zu stoppen und seine völkerrechtlichen Verpflichtungen einzuhalten.

2409, 2026

Ukraine/Russland: 28 Jahre Haft für verschleppten ukrainischen Zivilisten

Der ukrainische Ingenieur Kostiantyn Zinovkin ist am 22. September 2026 von einem Militärgericht in Rostow am Don zu 28 Jahren Haft verurteilt worden. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) verurteilt das Urteil auf das Schärfste und fordert seine sofortige Freilassung.

Teilen Sie diesen Beitrag!

Nach oben