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Rechtfertigung der Steinigung

Rechtfertigung der Steinigung

So erstaunlich es Mitteleuropäern erscheinen mag: Rechtfertigungen für und Zustimmung zur Steinigung gibt es nicht nur in ländlichen Gebieten muslimischer Staaten, in denen bildungsferne Menschen in überkommenen Traditionen erstarrt sind. Die Steinigung wird in zahlreichen muslimisch geprägten Ländern auch von einer nicht zu unterschätzenden Zahl von muslimischen Geistlichen und Akademikern befürwortet. Die Rechtfertigungen zeigen dabei im Wesentlichen die gleichen Argumente.

Ausweichen

Am häufigsten wird der Frage nach der Steinigung jedoch ausgewichen oder zumindest eine eindeutige Ablehnung vermieden. Wenn durch wiederholte Fragen von Journalisten oder Moderatoren eine Antwort zum Thema unausweichlich geworden ist, folgt entweder ein Ausweichen auf das allgemeine Thema Todesstrafe, auf Menschenrechtsverletzungen anderer Staaten oder ein pauschaler Verweis auf das Deutsche Grundgesetz , ohne explizite Ablehnung der Steinigung. Diese Haltung wird so häufig praktiziert, dass sich der Eindruck aufdrängt, es gäbe eine latente Sympathie für die Hadd-Strafen der Scharia. Eine Sympathie, für die in Mitteleuropa zu Recht nur wenig Zustimmung erwartet wird.

“Göttlicher Wille”

Ein häufiges Motiv, insbesondere von Hassmails, die die IGFM erreichen, ist die Behauptung, die Steinigung entspräche dem Willen Allahs. Niemand habe das Recht, diesen Willen zu kritisieren oder gar in Frage zu stellen.

Durch diese vormoderne Argumentationsweise weigern sich ihre Verfechter, sich mit dem Thema Steinigung überhaupt inhaltlich auseinander zu setzen. Für jeden, der in der Denktradition der Aufklärung aufgewachsen ist, ist leicht erkennbar, dass die Vorstellung von einem barmherzigen Gott, wie ihn auch der Islam vertritt, und die ungeheuere Grausamkeit der Steinigung miteinander unvereinbar sind. Leider musste die IGFM feststellen, dass eine Reihe von Muslimen darin kein Problem sieht, sondern im Gegenteil das Hinterfragen der Steinigung als blasphemisch verketzert.

Besonders hier zeigt sich, wie sehr muslimische Geistliche, Verbände und Lehrautoritäten in der Pflicht sind, ihren Beitrag zur Überwindung zur Steinigung beizutragen. Wie der Verzicht auf die Steinigung theologisch begründet wird, erscheint dabei letztendlich irrelevant. Entscheidend ist, dass die islamische Theologie hörbar ihre Stimme erhebt und dieser Grausamkeit die Rechtfertigungsgrundlage entzieht.

Ende 2003 äußerte der islamische Geistliche Malawi Tshakari in der Moschee des Kabuler Stadtviertels Wazir Akbar-Khan. “Wenn wir Muslime sind, dann ist das einzige Gesetz die Scharia. Wenn einem Dieb die Hand abgehackt wird, muss er dankbar sein, dass ihn der Gottesbefehl von der Sünde befreit hat. Wenn eine Frau wegen unehelichen Verkehrs gesteinigt wird, soll sie mit jedem Stein rufen “Gott sei Lob, mein Leib wird gereinigt.”

“Hart aber gerecht”

Vor allem bei Unterschriftensammlungen zur Überwindung der Steinigung wurde IGFM- Aktiven entgegen gehalten, die Steinigung sei “hart aber gerecht”. Es macht beinahe sprachlos, wie das langsame Zu-Tode-Quälen eines Menschen durch einen hysterischen Mob als “gerecht” empfunden werden kann. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Steinigung nicht für Völkermord vorgesehen ist, sondern vor allem für außerehelichen Verkehr ,ein Vergehen, dass nach internationaler Rechtsauffassung zwar unmoralisch, aber überhaupt nicht strafbar ist.

Der Imam der Ghiassi-Moschee im afghanischen Faizabad, der damals 70jährige Mohammed Kharib, bezeichnete 2004 die Steinigung als “die einzige angemessene Strafe für Ehebrecher”. Faizabad ist eine der größten Städte Afghanistans – sie war nie in der Hand der Taliban. Sie ist die Hauptstadt der Provinz Badakhshan im Nordosten Afghanistans und liegt im Gebiet des deutschen ISAF Regionalkommandos.

“Die Steinigung wirkt abschreckend”

Auf argumentativ höherem Niveau bewegt sich die Behauptung, die Steinigung wirke abschreckend. Der in der Schweiz lebende Lehrer Hani Ramadan verglich sie mit der Atombombe, deren bloße Existenz ausreiche und dadurch nie eingesetzt zu werden brauche. Das besonders harte Strafen auch besonders stark abschrecken würden, ist eine sehr verbreitete, aber nicht belegte, eher intuitiv vorgebrachte Annahme. In der europäischen Rechtsgeschichte hat schon der athenische Gesetzesreformer Drakon (geboren um 650 vor Christus) versucht, die Kriminalität durch Abschreckung auszumerzen. Um abschreckend wirken zu können, kodifizierte er für die verschiedenen Delikte das Strafmaß und stellte seine Gesetze öffentlich aus, um sie allen Bürgern bekannt zu machen. Da seine Maßnahmen keinen Erfolg zeigten, verschärfte er das Strafmaß konsequenterweise, so dass die Härte seiner Strafen unter der Bezeichnung “drakonisch” berüchtigt wurde. Die erhoffte abschreckende Wirkung blieb jedoch aus: auch in Athen gab es , wie auf der ganzen Welt , weiter Kriminalität. Seine Regelungen wurden später von Solon von Athen (ca. 638 bis 558 v. Chr.) weitgehend überarbeitet.

Dieses Phänomen zieht sich durch die Rechtsgeschichte bis heute, denn auch in Staaten und Bundesstaaten, in denen das Schariastrafrecht implementiert worden ist, wird so wie im Rest der Welt gestohlen ,obwohl dafür die Amputation von Gliedmaßen droht. Der im nordnigerianischen Gusau, im Bundesstaat Zamfara geborene und in Kano aufgewachsene Prof. Obiora Ike Generalvikar der katholischen Kirche Enugu hat die Erfolglosigkeit der Abschreckung selbst erlebt. Er berichtete, dass schon viele Jahre vor der offiziellen Einführung der Scharia in Nordnigeria zahlreichen Jugendlichen und Erwachsenen Finger und Hände fehlten. Dennoch gab es kontinuierlich weiter Diebstähle , und Amputationen.

In einigen islamischen Staaten werden Menschen, die alkoholische Getränke zu sich genommen haben, öffentlich ausgepeitscht. Dennoch wird dort weiter Alkohol getrunken. Bier und Wein sind dort lediglich teurer und werden heimlich getrunken. Es ist illusorisch anzunehmen, die Steinigung könne Ehebruch verhindern. Die Steinigung ist nicht nur grausam und unangemessen, sie ist, was die Abschreckung angeht, ebenso wenig wirksam wie alle anderen “drakonischen” Strafen.

“Streng genommen dürfte nie gesteinigt werden”

Apologeten des islamischen Strafrechtes weisen zuweilen darauf hin, dass bei absolut konsequenter Anwendung des islamischen Rechtes praktisch nie gesteinigt werden dürfte. Die Kriterien für den Beweis des Ehebruches seien praktisch unmöglich beizubringen: vier männliche Muslime mit gutem Leumund müssen Augenzeugen gewesen sein.

Diese Argumentation verkennt die reale Steinigungspraxis. Viele Opfer wurden gesteinigt, ohne dass auf alle Details des islamischen Prozess- und Strafrechts Rücksicht genommen wurde. Die Täter waren dabei aber in der festen Annahme, dass sie die rechtmäßige und zwingend erforderliche islamische Strafe vollstreckten. Solange die Steinigung offiziell Bestandteil des islamischen Strafrechts ist, wird es auch weiter “wilde” Steinigungen geben.

Anders als von einigen Befürwortern der Steinigung behauptet, sind in mehreren Ländern Schariagerichte zu dem Schluss gekommen, dass die Steinigung sehr wohl rechtmäßig verhängt werden kann. In allen islamischen Rechtsschulen reicht ein “Geständnis” der Betroffenen als Beweis der Schuld aus. Einige Rechtsschulen sehen auch in einer nicht vom Ehemann anerkannten Schwangerschaft oder der illegitimen Schwangerschaft einer Witwe “Ehebruch”.

Würde tatsächlich die Überzeugung vorherrschen, die Steinigung können nie”rechtmäßig” verhängt werden, würde die Steinigung als Strafandrohung praktisch entfallen. Eine Strafe, die nie eingesetzt werden darf, könnte dann auch nur schwerlich die behauptete abschreckende Wirkung erzielen.

“Gesellschaftlich stabilisierend”

Das oft gebrauchte Argument, die Steinigung und die Körperstrafen der Scharia seien “gesellschaftlich stabilisierend” geht davon aus, diese Strafen könnten verschiedenen Delikten vorbeugen, sie zumindest aber zahlenmäßig verringern. Gleichzeitig wird impliziert, dass die Gesellschaftsformen, die durch die Steinigung “stabilisiert” würden, es auch wert seien, in der bestehenden Form stabilisiert zu werden.

Betrachten wir die Regionen, in denen gesteinigt wird, so finden wir dort extrem patriarchalische Strukturen, krasse Unterdrückung von Frauen und Minderheiten, oft eine besonders verbreitete Anwendung von Gewalt und das auffällige Fehlen von bürgerlichen Freiheitsrechten. Ist es wirklich wünschenswert, dass diese Gesellschaften in dieser Form konserviert werden?

2018-12-11T15:05:05+00:00Montag, November 5, 2018|