Die Stimme einer Tochter

Shahriyar Bayat wurde im Zuge der „Frau Leben Freiheit“-Proteste festgenommen und wird seit September 2022 im Evin-Gefängnis im Iran gefangen gehalten. Wegen angeblicher Beleidigung eines Propheten und der Regierung über die sozialen Medien wurde er 2024 zum Tode verurteilt. Im April 2025 wurde das Todesurteil aufgehoben.
„Als Tochter eines Menschen, der ein Todesurteil überstanden hat, weiß ich, dass das Hören eines solchen Urteils das Leben bitter macht und jeden Moment zur Qual“
veröffentlicht am 3. Februar 2026
Shahriyar Bayat wurde während der landesweiten „Frau Leben Freiheit“-Proteste im September 2022 durch iranische Sicherheitskräfte festgenommen. Aktuell wird er im Evin-Gefängnis gefangen gehalten. Grund dafür ist der Vorwurf, dass der Rentner über Social Media angeblich einen Propheten und die Regierung beleidigt haben soll. Aufgrund dieser „Tat“ wurde gegen ihn am 14. Februar 2024 das Todesurteil ausgesprochen. Im April 2025 wurde das Todesurteil vom Generalstaatsanwalt aufgehoben und sein Fall wird erneut geprüft.
Hinter diesen Ereignissen und Gerichtsentscheidungen steht eine Familie, die jeden Tag zwischen Angst, Schmerz und Hoffnung lebt. Im Folgenden wird das Zeugnis ihrer Tochter wiedergegeben.
Mein Name ist Elaheh Bayat, ich bin die Tochter von Shahriar Bayat, der seit fast drei Jahren in iranischen Gefängnissen inhaftiert ist, nur weil er nicht bereit war, angesichts der Unterdrückung durch die Islamische Republik zu schweigen. Wir Iranerinnen und Iraner haben immer wie der unsere Freiheit eingefordert und auf die Wahrung der menschlichen Würde in unserem Land bestanden – doch jedes Mal wurden wir mit Kugeln, Gefängnis und anderen grausamen Mitteln unterdrückt. Während der jüngsten Protestbewegungen im Iran waren die Menschen erschöpft von einem Leben ohne Freiheit und Hoffnung und gingen auf die Straßen, um ein normales, würdevolles Leben einzufordern. Doch die Antwort der Islamischen Republik war tödliche Gewalt. Die jungen Menschen, die getötet wurden, waren voller Talente, Träume und Zukunftspläne; all das wurde ausgelöscht.
Zehntausende sitzen heute in den Gefängnissen der Islamischen Republik und warten darauf, dass über sie Todesurteile vollstreckt werden, während ihre Familien in ständiger Sorge leben. Ich möchte von meinem eigenen Schmerz erzählen: Meinem Vater wurden falsche Vorwürfe gemacht, er wurde während der Verhöre geschlagen und 29 Tage in Einzelhaft gehalten, um zu Geständnissen gezwungen zu werden.
Allein der Gedanke daran ist für eine Tochter unerträglich. Ich sehnte mich danach, wenigstens die Stimme meines Vaters zu hören, doch er war im Gefängnis und ich hatte keinen direkten Kontakt zu ihm – nur über die Familie konnte ich von seinem Zustand erfahren. Er war krank, erhielt keine medizinische Versorgung und musste mehrfach in den Hungerstreik treten, was mich in tiefer Sorge um sein Leben zurückließ. Ein Todesurteil wurde über ihn verhängt; diese Tage und Nächte waren unerträglich schwer, und das Leben verlor jegliche Farbe – alles erschien schwarz, düster und hoffnungslos.
Als Tochter eines Menschen, der ein Todesurteil überstanden hat, weiß ich, dass das Hören eines solchen Urteils das Leben bitter macht und jeden Moment zur Qual. Die Last ist kaum zu ertragen, und mein Herz zittert bei dem Gedanken, dass andere Familien gerade denselben Kampf erleben müssen. In diesen schweren Tagen standen mir viele Menschen in Deutschland mit großer Menschlichkeit und Solidarität zur Seite. Diese Unterstützung gab mir die Kraft, aktiv zu bleiben – für meinen Vater zu kämpfen, seine Stimme zu sein und sie lauter in die Welt zu tragen, um sein Leben zu retten.
Durch diese gemeinsame Anstrengung konnten wir über 40.000 Unterschriften aus aller Welt sammeln. Diese internationale Solidarität und menschenrechtliche Arbeit – sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern – haben dazu beigetragen, dass das Todesurteil aufgehoben wurde. Dennoch befindet sich mein Vater weiterhin in iranischen Gefängnissen. Deshalb ist es heute besonders wichtig, die Stimmen jener zu sein, denen ihre Stimme genommen wurde, und gemeinsam zu handeln – denn diese Solidarität kann Menschenleben retten.
Foto: Shahriar Bayat
Die Unterdrückung durch die Islamische Republik kennt kein Ende. Sie ist durstig nach Blut. Während der jüngsten Proteste im Iran wurden nach Berichten fast 30.000 Menschen getötet. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass Menschen auf der ganzen Welt und insbesondere Menschenrechtsaktivistinnen an unserer Seite stehen, damit das Blut unserer Liebsten nicht umsonst vergossen wird.
Als iranische Migrantin habe ich das Land verlassen, um ein normales, freies Leben zu führen, doch Herz und Geist sind weiterhin an mein Heimatland, meine Familie und mein Volk gebunden. Zwar lebe ich jetzt in einem freien Land, doch innerlich fühle ich mich immer noch gefangen im Griff der Islamischen Republik.
Wie Tausende andere iranische Migrant:innen weltweit wünsche auch ich mir, dass Freiheit eines Tages in meinem eigenen Land möglich ist. Ich sehne mich danach, meinen Vater wieder in die Arme zu schließen, das Gesicht meiner Mutter zu küssen, mit meiner Schwester Tee zu trinken und mit ihren Kindern zu spielen, mit meinem Bruder zu lachen – einfach wieder den Geschmack eines normalen, einfachen Lebens zu erleben, voller Freiheit, Frieden und alltäglicher Momente, die jedem Menschen zustehen. Jetzt bitte ich all jene, die meine Stimme hören, uns zu unterstützen, damit wir ein Leben führen können, das grundlegende Freiheiten und menschliche Würde wahrt. Wir Menschen haben, unabhängig von Religion, Glauben oder Nationalität, die Pflicht, Mitgefühl zu zeigen und einander zu helfen.
Mit ganzem Herzen hoffe ich, dass unsere Stimmen die Welt erreichen und keine Familie erneut die Qual von Schmerz und Ungerechtigkeit erleben muss. Mit eurer Solidarität und Unterstützung können wir Menschenleben retten, Gerechtigkeit stärken und einen Tag schaffen, an dem Freiheit, Würde und ein sicheres Leben für alle Menschen im Iran Realität sind.





