Interview mit Edgar Lamm

Links: Edgar Lamm, rechts: Vorbereitung der Lieferung humanitärer Hilfe in die Ukraine, organisiert und durchgeführt von der IGFM im März 2025.

„Wir wollen dort sein, wo andere nicht hingehen“

Edgar Lamm ist Vorsitzender der Internationalen Gesellschaft für
Menschenrechte (IGFM), die in Frankfurt gegründet worden ist.
Im Interview spricht er darüber, wie die Organisation Verfolgten beisteht
und warum Menschenrechte keine Pause kennen.

Herr Lamm, für viele ist Amnesty International ein Begriff – die IGFM ist weniger bekannt. Was ist das für eine Organisation?

Die IGFM wurde 1972 als Reaktion auf die Verharmlosung der Menschenrechtsverletzungen in der DDR und Osteuropa gegründet. Heute ist sie in 38 Ländern vertreten, zählt allein in Deutschland rund 3000 Mitglieder und hat Beobachterstatus beim Europarat sowie beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen. Wir verstehen uns als unabhängige, basisnahe Menschenrechtsorganisation – getragen von Freiwilligen und Spendern, die sich mit Appellen, Hilfsaktionen und Öffentlichkeitsarbeit für Verfolgte einsetzen.

Wie unterscheidet sich die IGFM von anderen Menschenrechtsorganisationen?

Die allgemeine Menschenrechtsarbeit, also Appelle, Unterschriftensammlungen und Patenschaftsprojekte, ist bei den verschiedenen Menschenrechtsorganisationen relativ ähnlich. Wir leisten allerdings auch humanitäre Hilfe – etwa durch Hilfsgütertransporte und medizinische Unterstützung. Wir bringen Nahrung, Medikamente und Kleidung dorthin, wo Menschen akut gefährdet sind. Wir wollen da sein, wo andere nicht hingehen – in China, Kuba, im Nordirak oder in Pakistan. Diese praktische Hilfe ist unser Alleinstellungsmerkmal.

Die IGFM wurde im Kalten Krieg gegründet. Der Vorwurf, sie konzentriere sich vor allem auf kommunistische Staaten, hält sich bis heute. Ist da etwas dran?

Das war einmal so. In den Siebziger- und Achtzigerjahren lagen unsere Schwerpunkte in der Sowjetunion, der DDR, Rumänien und Polen. Nach dem Mauerfall hat sich die Welt verändert – und wir mit ihr.  … (zum vollständigen Interview geht es unter diesem LINK).

Wo engagiert sich die IGFM konkret?

Wir helfen weiter in den ehemaligen Ostblockstaaten, auch mit Hilfstransporten, wo Armut und Nachwirkungen der kommunistischen Zeit bis heute spürbar sind. Projekte entstehen oft durch lokale Kontakte – man kann nicht überall tätig sein, aber dort, wo wir Partner haben, bleiben wir verlässlich. Gleichzeitig sind wir in Lateinamerika, Afrika und Asien aktiv, besonders dort, wo Menschen wegen ihres Glaubens verfolgt werden. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs liegt unser Fokus auf der Ukraine: Unser Büro in Kiew koordiniert Hilfstransporte und arbeitet mit lokalen Krankenhäusern zusammen. Rund 100.000 Menschen haben wir dort bereits mit Hilfsgütern erreicht.

Foto: Edgar Lamm

Religion spielt eine große Rolle in Ihrer Arbeit. Warum?

Weil Religionsfreiheit ein Grundrecht ist – und doch zu den am meisten bedrohten zählt. In Nigeria werden regelmäßig Christen entführt, in Pakistan stellen sie nur rund zwei Prozent der Bevölkerung und werden häufig diskriminiert. In Syrien unterstützen wir seit mehr als zehn Jahren die „Blauen Maristen“, einen katholischen Orden, der Kriegsopfern hilft. Für uns geht es nicht um Konfession, sondern um Gewissensfreiheit. Die Religionsfreiheit ist unser thematischer roter Faden, geographisch liegt der Schwerpunkt – historisch gewachsen – in Osteuropa.

Wie finanziert sich Ihre Organisation?

Etwa 90 Prozent stammen aus Spenden, fünf aus Mitgliedsbeiträgen, weitere fünf aus öffentlicher Förderung. Diese Unabhängigkeit ist uns wichtig. Zugleich arbeiten wir mit staatlichen Institutionen zusammen, etwa dem Bundesentwicklungsministerium oder der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, umgrößere Projekte stemmen zu können – zum Beispiel Ausstellungen, Tagungen und Publikationen.

Wie balanciert man humanitäre Hilfe und politische Arbeit?

Menschenrechte sind unteilbar. Wo Gefangene leiden, braucht es Öffentlichkeit, wo Not herrscht, Hilfe. Unsere Hilfstransporte – Hunderttausende Menschen erhielten so Lebensmittel, Kleidung oder Medikamente – sind praktische Menschenrechtsarbeit. Daneben fördern wir Patenschaften für politische Gefangene. Das ermöglicht direkte Anteilnahme – und sendet ein Signal, dass niemand vergessen wird.

Viele NGOs beklagen, dass ihre Arbeit in autoritären Staaten immer schwieriger wird. Wie erleben Sie das?

In einigen Ländern, etwa Russland oder Kuba, können wir heute kaum noch offiziell aktiv sein. In Kuba sind wir, wenn wir mit einer kleinen Mannschaft hingeflogen sind, regelmäßig von der dortigen Stasi entdeckt, beobachtet und bei unserer Arbeit behindert worden und mussten das Land vorläufig verlassen. Russische Partner riskieren, auf der „Agentenliste“ zu landen. Trotzdem halten wir Kontakt – über Drittländer, vorsichtig und geduldig, aber unbeirrt.

Wie hat sich die Wahrnehmung von Menschenrechten verändert?

Die Aufmerksamkeit ist gewachsen, aber die Lage vieler Menschen hat sich nicht verbessert. Wir sind dort aktiv, wo Diktatur herrscht oder … (zum vollständigen Interview geht es unter diesem LINK).

Foto: Humanitäre Hilfsreise in die Ukraine, organisiert und durchgeführt von der IGFM im März 2025. Zu den Hilfsgütern gehörten ein Krankenwagen für das Krankenhaus in Charkiw und ein Beatmungsgerät für das Kinderkrankenhaus in Odesa.

Die Ukraine-Arbeit der IGFM

Was macht Ihnen Hoffnung?

Jeder Einzelne, dem durch unsere Arbeit eine Stimme gegeben wird. Die Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh etwa, die immer wieder in Iran verhaftet wird, steht für diesen Mut. Solange es solche Menschen gibt, lohnt sich unsere Arbeit.

Was bedeutet Menschenrechtsarbeit in einer digitalen Welt?

Soziale Medien wie Instagram und X sind Fluch und Segen zugleich. Sie helfen, auf Missstände aufmerksam zu machen – aber sie bringen neue Formen von Hass hervor. Wir setzen sie gezielt für Aufklärung ein, etwa über unsere Berichte zu Religionsfreiheit oder politische Gefangene. Doch am Ende zählt nicht der Klick, sondern das Handeln.

Was treibt Sie persönlich an?

Ein starkes Gerechtigkeitsempfinden – und der Wunsch, anderen Menschen zu helfen.Das begleitet mich ein Leben lang und gibt mir täglich neue Motivation.

Das Gespräch führte Alexandra Dehe – Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Aktuelle Pressemitteilungen der IGFM

203, 2026

Russland: Keine Gnade für Ukraine-Kriegsgegnerinnen

Sich gegen Russlands Krieg gegen die Ukraine zu stellen, erfordert angesichts drohender politischer Verfolgung großen Mut. Aber wer gar finanzielle Hilfe an Ukrainer leistet, und sei sie noch so gering, sieht sich in Gerichtsverfahren mit dem Vorwurf des „Hochverrats für die Gewährung finanzieller Unterstützung an einen fremden Staat“ oder der „Bereitstellung von Mitteln zur Unterstützung der Aktivitäten einer extremistischen Organisation“.

1202, 2026

Alexej Lipzer: Der Gefangene von Abakan

Zwei Jahre nach dem Tod von Alexej Nawalny warnt die IGFM vor anhaltender Repression gegen seine ehemaligen Anwälte. Der schwer erkrankte Alexej Lipzer wurde nach monatelangen Verlegungen quer durch Sibirien in eine abgelegene Strafkolonie überstellt. Die IGFM fordert seine sofortige Freilassung, Zugang zu unabhängigen Ärzten und das Fallenlassen aller konstruierten Anklagen.

312, 2025

Russland – Vor dem Absturz in die Armut rechtzeitig helfen

Die Rechtsanwälte des verstorbenen russischen Oppositionsführer Alexej Nawalny sind wegen „Teilnahme an den Aktivitäten einer extremistischen Gemeinschaft“ inhaftiert. Ihr Eigentum und alle Konten wurden gesperrt. Die Familien sind inzwischen mittellos; sie haben kein Geld mehr für Medikamente, Lebensmittel, Kleidung für die Kinder oder um Rechnungen zu bezahlen. Jede Spende zur Unterstützung der Angehörigen ist nicht nur Hilfe, sondern auch ein Zeichen gegen die Willkür des Putin-Regimes.

1211, 2025

Russland: 14-Jährige bald lebenslang in Haft für angebliche Sabotage?

Die IGFM verurteilt das von der russischen Staatsduma verabschiedete Gesetz, das das Strafmündigkeitsalter für „Sabotage“ und „terroristische Straftaten“ auf 14 Jahre senkt. Damit drohen Minderjährigen künftig Haftstrafen bis hin zu lebenslanger Freiheitsstrafe.

411, 2025

Russland – Junge politische Gefangene brauchen Hilfe

In Russland sind hunderte politische Gefangene im Alter zwischen 14 und 23 Jahren in Haft. Die IGFM unterstützt mit finanzieller Hilfe für die Tätigkeit ihrer Anwälte, für Reisekosten der Eltern, um ihre Kinder in entfernten Haftanstalten besuchen zu können, für gesunde Lebensmittel, Medikamente, Hygieneartikel und für Öffentlichkeitsarbeit, damit sie nicht vergessen werden.

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