Kevin Lick

Bonn, 11. April 2026. Vortrag auf der Jahreshauptversammlung:
Kevin Lick der als jüngster wegen „Landesverrats“ verurteilter Häftling Russlands berichtet über die Gefahren von politischer Gleichgültigkeit und staatlicher Repression die er am eigenen Leib erfuhr. Trotz psychischer Folter und Haft nutzt er heute seine Freiheit, um an das Schicksal der über 1.500 verbliebenen politischen Gefangenen zu erinnern und gegen das kollektive Vergessen anzukämpfen.
Vielen Dank für die Einladung.
Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass ein so junger Mensch wie ich – ein Schüler, ein Gymnasiast ohne akademischen Titel – zu einer solchen Veranstaltung eingeladen wird.
Bevor ich beginne, muss ich gestehen: Ich weiß gar nicht, womit ich anfangen soll. Ich könnte stundenlang erzählen. Und obwohl ich wegen meines jungen Alters hier bin, bin ich kein Einzelfall in Russland. Viele junge Menschen wurden verurteilt und inhaftiert.
Diese Verantwortung liegt für mich nicht bei mir selbst, sondern gegenüber den Menschen, die noch immer in Russland inhaftiert sind. Es gibt derzeit offiziell mehr als 1.500 politische Gefangene laut Memorial, dazu viele, die nicht anerkannt sind. Es gibt über 1.900 Fälle von Landesverrat, mehr als 10.000 verschleppte ukrainische Zivilisten und über 25.000 verschleppte Kinder.
Deshalb möchte ich mit einer Frage beginnen: Warum sind wir so vergesslich?
Diese Vergesslichkeit habe ich selbst erlebt. Ich bin mit zwölf Jahren nach Russland gezogen und sprach damals kaum Russisch. Mit meiner Mutter habe ich vereinbart, nur Russisch zu sprechen. Meine Deutschkenntnisse habe ich durch Olympiaden aufrechterhalten.

Kevin Lick
In der Schule wurde ich als „Faschist“ beschimpft, wegen meiner Herkunft und meines Akzents. Das brachte mich dazu, mich intensiver mit Geschichte zu beschäftigen.
Diese Vergesslichkeit sehe ich auch heute.
Ich hole mein Abitur nach und erlebe, wie wenig sich viele Mitschüler für weltpolitische Ereignisse interessieren. Vor kurzem zeigte ein Mitschüler in einer Präsentation die russische Flagge und Hymne.
Nach Kriegsbeginn 2022 mussten wir jeden Montag beim Flaggenappell zur Nationalhymne antreten. Auch im Arbeitslager geschah das täglich um 6 Uhr morgens.
Vergesslichkeit ist gefährlich. Viele aktuelle Entwicklungen haben historische Parallelen – auch wenn sie nicht identisch sind.
Meine eigene Geschichte begann mit einem scheinbar kleinen Vorfall: Ich hatte in der Schule das Porträt von Putin durch eines von Alexej Nawalny ersetzt. Kurz darauf wurde meine Mutter in die Schule gerufen. Die stellvertretende Direktorin fragte mich, was ich gegen Korruption habe und ob ich nicht genauso handeln würde wie Putin.
Später erfuhr ich, dass sie mich beim FSB denunziert hatte.
Ich lebte mit meiner Mutter in einem Plattenbau. Von unseren Fenstern aus konnte ich einen Militärpark sehen. Ende 2021 machte ich Fotos davon – aus Interesse, als eine Art Dokumentation. Diese Fotos enthielten keine Staatsgeheimnisse, was später auch bestätigt wurde.
Trotzdem wurde ich wegen Landesverrats zu vier Jahren Haft verurteilt.
Nach meiner Verhaftung brachte man uns zum FSB. Dort sagte mir ein Ermittler, er wisse alles über mich – auch von der Porträt-Aktion. Das zeigte mir, wie eng das System überwacht. In Russland gibt es viele inoffizielle Mitarbeiter des FSB, oft unter Druck rekrutiert.
Der vollständige Vortrag von Kevin Lick als Video
Nach Beginn des Krieges wurde die Propaganda massiv verstärkt. Schulen erhielten zentral gesteuerte Präsentationen, die behaupteten, die Ukraine sei kein eigenständiges Volk. Kritische Fragen wurden nicht beantwortet.
Das Problem ist ein tief verwurzelter Apolitizismus: Viele Menschen interessieren sich nicht für Politik, weil sie keinen Einfluss darauf haben. Gleichzeitig existiert massiver Druck, etwa bei Wahlen.
Auch in der Schule blieb meine Verhaftung fast ohne Reaktion. Angst und Gleichgültigkeit spielten eine große Rolle. Es gab aber auch einzelne Gesten der Unterstützung, etwa eine Mitschülerin, deren Mutter mir Schulbücher besorgte.

Kevin Lick, Artem Kryvulia (IGFM), Michael Leh (IGFM)
Haftbedingungen:
Die ersten zwei Monate war ich in Einzelhaft – eine Form der weißen Folter. Danach wurde ich gezielt Provokationen ausgesetzt: Andere Häftlinge wurden in meine Zelle gebracht, um Konflikte auszulösen.
Nach meinem 18. Geburtstag wurde ich in ein Erwachsenengefängnis verlegt. Dort wurde ich Opfer sogenannter „Presshata“-Methoden: Mitinsassen, die im Auftrag der Behörden Gewalt ausübten.
Über eine Woche lang wurde ich nachts geschlagen, gefesselt, bedroht. Immer ging es um eine einzige Frage: Wer wusste von den Fotos?
Es blieb bei Drohungen schwerster Gewalt, aber die psychische Belastung war enorm.
Später wurde ich weiterverlegt. Insgesamt legte ich etwa 2.000 Kilometer zurück, oft in Etappen per Zug, über Wochen hinweg.
In verschiedenen Gefängnissen traf ich viele Menschen: ukrainische Zivilisten, religiös Verfolgte, politische Gefangene, darunter ein Krim-Tatare mit 25 Jahren Haft.
Schule und Zukunft:
Nach einem Gefangenenaustausch kam ich nach Ankara und einen Monat später ging ich wieder in die Schule, um mein Abitur nachzuholen. Bildung war und ist für mich immer zentral.
Während der Haft hatte ich 20 Bücher dabei – sie wurden mir im Lager abgenommen.
Heute versuche ich, meinen Bildungsweg fortzusetzen und nach vorne zu schauen.

