GESCHICHTEN VON VERTRIEBENEN

Anyuta Azaryan musste gemeinsam mit ihrer Familie ihre Heimat Arzach verlassen. In Zusammenarbeit mit der armenischen Sektion der IGFM teilen wir hier in der Rubrik „Geschichten von Vertriebenen“ die Schicksale geflüchteter Karabach-Armenier.
Veröffentlicht am: 22. Februar 2024
Anyuta Azaryan schaut sich oft wehmütig alte Fotos auf ihrem Handy an. Sie vermisst ihre Heimat und ihr eigenes Haus in dem kleinen Dorf, in dem sie viele Jahre lebte und das sie im September 2023 unfreiwillig verlassen musste. Die Ungewissheit und die unsichere Zukunft machen ihr zusätzlich zu schaffen.
Anyuta ist im Jahr 1996 mit ihrer Familie nach Bergkarabach gekommen. Nachdem ihr Mann noch im gleichen Jahr starb, fing sie an, sich in einem kleinen Dorf ein Leben aufzubauen. Doch die Situation war die letzten Monate vor ihrer Flucht alles andere als leicht.
„Wir haben die Hölle durchgemacht. Es ist unmöglich, sie mit Geschichten zu beschreiben. Es gab neun Monate lang kein Essen, keinen Strom und keine Heizung. Wir hofften, dass etwas passieren würde, dass sie uns beschützen würden, aber…“
Am 19. September 2023, als die Schießereien und Explosionen begannen, war Anyuta gerade bei der Arbeit. Schnell ging sie dort in den Keller, wo sie – ohne Informationen über ihre Kinder – ausharren musste. Am nächsten Tag war es bereits nicht mehr möglich, weiterhin im Versteck zu bleiben.
„Man sagte uns, wir sollten uns schnell zusammentun, um rauszukommen. Aserbaidschaner drangen bereits in die Dörfer ein.“
Am gleichen Morgen erfuhr Anyuta, dass ihr Sohn bei den Angriffen verletzt wurde. Sie schaffte es, das Krankenhaus in Martakert zu erreichen. Ihr Sohn wurde wegen seiner Kopfverletzung mit anderen Verwundeten nach Stapanakert gebracht, Anyuta durfte nicht mit. Zurück im Dorf sagte man ihr, dass die Aserbaidschaner nur 500 Meter entfernt seien und dass sie schnell flüchten sollten. Zu zwölft machten sie sich auf den Weg: Anyutas Familie gemeinsam mit der Familie der Schwester ihres Mannes.
Man sagte ihnen, dass es in Chodschali bei der russischen Basis womöglich sicher sei. Auf der Suche nach Zuflucht, machten sie sich auf den Weg – vergebens. Man half ihnen nicht. Nachdem sie einige Tage im Freien vor dem geschlossenen Gebäude ausgeharrt hatten, gingen sie weiter.
Schlussendlich erreichten Anyuta und ihre Familie Armenien. Dort wurde ihnen zunächst eine Unterkunft in einem Grenzdorf angeboten, doch aus Angst lehnten sie ab – so nah an der Grenze trauten sie sich nicht zu bleiben. Nun wohnen sie zu zwölft in zwei Zimmern. Doch sie beschweren sich nicht, betont Anyuta. Viele Vertriebene wohnten in Gemeinschaftsunterkünften und hätten es schwerer.
„Die Zukunft ist ungewiss, aber wir sehen Fürsorge und Unterstützung. Vielen Dank, Sie haben uns die Sorgen sehr erleichtert.“
Die IGFM-Sektion Armenien hilft heimatvertriebenen Familien aus Arzach im Rahmen einer Erstversorgung. Die IGFM hat dafür direkt nach Beginn der Flucht finanzielle Mittel bereitgestellt. Auch langfristige Unterstützungsprogramme sind geplant.





