GESCHICHTEN VON VERTRIEBENEN

Ilona Hovsepyan teilt die Geschichte ihrer Familie. Ihre Mutter musste bereits drei Mal vor aserbaidschanischen Truppen fliehen. In Zusammenarbeit mit der armenischen Sektion der IGFM teilen wir hier in der Rubrik „Geschichten von Vertriebenen“ die Schicksale geflüchteter Karabach-Armenier.
Veröffentlicht am: 1. März 2024
Ilona Hovsepyan ist mit ihrer Familie, der Familie ihres Verlobten und der ihrer Tante aus Stepanakert geflohen. Die junge Frau erzählt, dass bis zuletzt niemand geglaubt habe, dass sie Karabach verlassen müssten.
Ilonas Mutter ist aus Baku. Sie war noch jung, als 1990 das Pogrom in Baku begann und die Aserbaidschaner in die Häuser einiger ihrer Bekannter eindrangen. Sie und ihre Familie mussten sofort fliehen und ließen alles zurück. Unter großen Schwierigkeiten erreichten sie Armenien, aber auch dort war die Situation nicht leicht. Sie hatten keinen Strom, kein Gas, und kaum etwas zu essen. Also beschloss ihr Vater mit der Familie nach Karabach zu ziehen, wo sie sich ein Leben aufbauten. Ilonas Mutter heiratete und Ilona wurde geboren, der Krieg begann und sie verlor ihren Mann. Sie zog Ilona alleine groß und die beiden hatten ein einigermaßen geregeltes Leben. Dann begann der 44-Tage-Krieg und sie mussten nach Armenien gehen und kehrten danach wieder zurück. Jetzt, mit der Offensive Aserbaidschans, mussten sie erneut alles zurücklassen.
Ilona erzählt von der Evakuierung und davon, wie sie alle bis zu diesem Tag nicht an einen solchen Ausgang geglaubt hätten. Als sie hörten, dass sich die Latschin-Brücke öffnete, freuten sie sich zunächst. Doch dann folgte blitzschnell der Angriff der Aserbaidschaner.
„Die Leute dachten, die Russen würden uns helfen und dass sie kein Massaker zulassen würden. Aber selbst ihre Angestellten – ich arbeitete dort in einer Kantine – durften ihre Unterkünfte nicht betreten.“
Die Situation vor und während der Flucht war chaotisch. Alle machten sich hastig auf den Weg, alle wollten sie gerettet werden. Die Menschen waren erschöpft von Hunger und Kälte und versuchten trotzdem so schnell es geht zu fliehen. Zusammen mit ihren Nachbarn gelang es Ilona und ihrer Familie, ihre Papiere mitzunehmen und zu entkommen. Nach 35 Stunden erreichten sie Armenien.
„Es war ein Lichtblick der Erlösung. Die Leute begrüßten uns mit Süßigkeiten und Krankenwagen.“
An der Grenze wurden sie registriert und man bot ihnen Unterkünfte in den Grenzdörfern an, doch sie hatten Angst, dort zu leben. Schlussendlich kamen sie in einem 10-15 Quadratmeter großen Halbgeschosshaus in der Hauptstadt Eriwan unter. Mit elf Personen aus drei Familien wohnen sie nun dort. Die staatliche Unterstützung reicht um die Miete zu zahlen, doch wie den meisten Geflüchteten, fehlt es ihnen an allem.
Die IGFM-Sektion Armenien hilft heimatvertriebenen Familien aus Arzach im Rahmen einer Erstversorgung. Dafür hat die IGFM direkt nach Beginn der Flucht finanzielle Mittel bereitgestellt. Auch langfristige Unterstützungsprogramme sind geplant.





