GESCHICHTEN VON VERTRIEBENEN

Merine Harutyunyan flüchtete mit ihren fünf minderjährigen Kindern und ihrem kranken Ehemann nach Armenien. In Zusammenarbeit mit der armenischen Sektion der IGFM teilen wir hier in der Rubrik „Geschichten von Vertriebenen“ die Schicksale geflüchteter Karabach-Armenier.
Veröffentlicht am: 9. Februar 2024
Bereits 2020 hatten Merine und ihre Familie einmal alles verloren. Während des 44-Tage-Krieges mussten sie ihre Heimat Sushi in Arzach verlassen und flüchteten nach Eriwan. Merines Mann wurde während des Krieges festgenommen und erkrankte in Folge der unmenschlichen Folter, die er in der Gefangenschaft ertragen musste. Als der Krieg vorbei war gingen sie gemeinsam zurück nach Stepanakert. Dort bekam Merine eine Wohnung gestellt und begann zu arbeiten. Ihr Mann wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Gerade die letzten Monate vor ihrer Flucht waren von Schwierigkeiten geprägt.
„Unser Karabach war für uns zur Hölle gemacht worden.“
Während der Blockade gab es keinen Strom, kein Gas, kein Mehl oder Zucker. Für einen halben Laib Brot, trocken und schwarz, hergestellt aus Schweinefutter, musste Schlange gestanden werden – oft reichte es nicht für alle. Die Bewohner machten Kaffee aus verbrannter Gerste und brühten Tee für die Kinder aus Kirschzweigen, die sie von den Bäumen schnitten.
Eines Tages fuhren die Türken/Aserbaidschaner mit dem Auto durch die Stadt Aghdam. Es hieß, sie würden Mehl bringen. Doch am nächsten Tag griffen sie an. Einen weiteren Tag später, am 20. September 2023 erfuhr Marine dann, dass der Latschin-Korridor offen war und sie und ihre Familie fliehen mussten.
„Es war eine chaotische, kopflose Situation. Wir wussten nicht, wie wir rauskommen sollten, hatten keinerlei Informationen.“
Ein paar Tage später machten sich Merine und ihre Familie auf den Weg. Sie holte ihren Mann ab, setzte sich hinter das Steuer und verließ mit ihm und den fünf Kindern nun schon ein zweites Mal ihre Heimat Arzach. Die Fahrt war lang und beschwerlich. Erst in Armenien, nach über 35 Stunden Fahrt, wurde ihnen geholfen.
„Als wir Armenien erreichten, war es, als ob wir in den Himmel fielen.“
Busse brachten Essen, Brot, Süßigkeiten. Seit neun Monaten hatten Merine und ihre Familie kein Weißbrot mehr gesehen, in der Blockade wurde ihnen alles vorenthalten. Wenn sie in Armenien in die Supermärkte geht, hat das einen bitteren Beigeschmack.
„Hier ist es voll, nichts ist in Karabach angekommen.“
Merine wurde eine Unterkunft in Armenien in Ghapan/Syunik angeboten, die sie jedoch ablehnte. Ihre beiden Mädchen sollen in Eriwan studieren. Ihr Ehemann befindet sich derzeit in einer psychiatrischen Klinik in der Stadt. Die Situation ist schwierig; die staatliche Unterstützung reicht gerade für die Miete des Hauses. Es gibt zwei Betten für sechs Personen, keine Waschmaschine, keinen Ofen. Merine und ihre Familie haben haben es nicht einmal geschafft, ihre Kleidung mitzubringen.
Die IGFM-Sektion Armenien hilft heimatvertriebenen Familien aus Arzach im Rahmen einer Erstversorgung. Die IGFM hat dafür direkt nach Beginn der Flucht finanzielle Mittel bereitgestellt. Auch langfristige Unterstützungsprogramme sind geplant.





